Lessings 1783 uraufgeführtes »dramatisches Gedicht« zum Thema Religionstoleranz ist eine extreme Konstruktion: Die drei verfeindeten Kulturen – Juden, Christen, Moslems – entdecken am Ende ihre familiäre Verwandtschaft. Nathans Qualität ist seine Vernunft, die mit seinem Glauben im Einklang steht. Was bedeutet kulturelle Herkunft, welche Abgrenzung und Ausgrenzung bedeutet sie, welche Werte könnten jenseits der Religion und Kultur verbindlich sein? Und woran scheitert das? Diese Fragen stellt Lessings Text und untermauert sie mit treffsicheren Argumenten und Pointen: So flammend alle Figuren für ihre Positionen eintreten, ist niemand in diesem Stück das, was er auf den ersten Blick zu sein scheint.
Nach dem zweiten Weltkrieg war »Nathan« auf allen wichtigen deutschen Bühnen vertreten. In Zeiten eines wieder erstarkten religiösen Fundamentalismus’ bekommt der Text eine neue Aktualität. Doch was kann uns dieser aufklärerische Text wirklich sagen? Emre Koyuncuoglu, türkische Regisseurin, Choreographin und Literaturdozentin, entwickelt aus ihrer Perspektive als muslimische Frau ihre eigene Lesart von »Nathan«. Geboren in Istanbul, jedoch bis zum Alter von 15 Jahren in Göttingen aufgewachsen, versucht die in verschiedenen Städten der Türkei arbeitende Regisseurin zunächst eine positive Definition ihrer eigenen Kultur zu finden, um dann festzustellen, was »Toleranz« bedeuten könnte. »Nathan« begegnet uns so konkret und persönlich, wie möglich.
Aufführungen bis zum 30.6.2010
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