„Nun wessen Treu und Glauben zieht man denn / am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen? (…) Doch deren, die uns nie getäuscht, als wo / getäuscht zu werden uns heilsamer war?“
Am Anfang brennt ein Haus. Schon einmal brannte es, lange bevor die Handlung des Stückes eigentlich beginnt. Nathans Frau und die gemeinsamen Söhne hatten sich dorthin geflüchtet, sie sterben in den Flammen. Nur Nathan überlebt. Er scheint verdammt, weiterzuleben, auch wenn nacktes Nichts an die Stelle tritt, wo ehemals Sinn sich ereignete. Aber Lessing lässt Nathan sich das Leben zurückerobern – Lessing widmet sein Stück diesem Kampf um Wiedererlangung der Würde, um Wiedererlangung des Glaubens an den Menschen.
Recha ist hierzu Nathans Heilsweg. Denn das ist das Unfassbare: Nathan wird sich einer Christin annehmen, auch wenn Christen es waren, die seine Familie, den Sinn, am Leben zu sein, auslöschten. Er wird sie aufziehen, als wäre es die eigene Tochter. Durch sie wird die Wahrscheinlichkeit Nathan erst zur Wirklichkeit Nathan. In der jungen Recha überwindet er das, wie es scheint, Unüberwindliche: dass die Geschichte stets wiederkehrt, dass Gleiches sich stets mit Gleichem vergilt. Nathan setzt eine Metaphysik der aufgeklärten Selbstüberwindung gegen die nackte Physik der Selbstbehauptung – und das in Zeiten, da Kreuzzüge Häuser wieder anbrennen. Da ein Sultan Tempelherren hinrichten lässt, und Tempelherren Waffenruhen brechen. Nathan gibt ein Versprechen: dass der Mensch in Würde frei sein kann, frei von jeder diesseitigen wie jenseitigen Bevormundung, befreit von jeder Abhängigkeit, frei aus sich selbst heraus. Dass der eine und der ganz andere sie selbst, und sie beide darin grundverschieden sein können und doch eines beide zusammenhält: ein Mensch zu sein. Es ist ein Versprechen. Und ist auch ein unmissverständlicher Anspruch: die Erziehung eines Menschengeschlechts.
Nathan löst das Versprechen auf eine neue Weltordnung ein; seine Vision dieser anderen Welt entwaffnet und erleuchtet jeden, der von ihr berührt wird, gleich welcher Kultur und welchen Geschlechts. Und wir möchten Lessings Idealismus, seinem Ausweg aus der Tragödie Glauben schenken – auch wenn spürbar ist, das könnte zu viel des Guten sein. Auch wenn Zweifel sich unweigerlich einstellen: Was sind die Opfer, die diese Moral fordert? Und: Ist der Mensch sie zu leben überhaupt imstande? Beziehungsweise: Was kostet die Moral?
Besetzung
Christoph Bantzer / Philipp Hochmair / Felix Knopp / Katharina Matz / Sebastian Rudolph / Birte Schnöink / Maja Schöne / Patrycia Ziolkowska
Regie: Nicolas Stemann
Bühne: Katrin Nottrodt
Kostüme: Marysol del Castillo
Video: Claudia Lehmann
Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel
Dramaturgie: Benjamin von Blomberg
Premiere am 30.4.2010
Kontakt
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