Gewesen: nozart in Köln - Angekündigt: Forum neuer Musik beim DLF – Wittener Tage für neue Kammermusik – Bergische Biennale – MusikTriennale
Ein bisschen zarter ist das Nozart-Festival, das in diesem Jahr am 5. und 6.3. zum 14. Mal in Köln stattfand, schon geworden; Hörschäden waren in diesem Jahr nicht zu befürchten, aber solide improvisierte Musik darf man im Basement unter der Christuskirche auf jeden Fall erwarten und ein paar echte Highlights sind zuverlässig dabei.
Diese waren für mich in diesem Jahr die beiden Trios mit Stimme, Klavier und Percussion, allen voran die Kombination Xu Fengxia, Simon Nabatov und Martin Blume. Xu Fengxia spielt Guzheng (chinesische Wölbbrettzither) und Sanxia (dreisaitige, buntlose Laute) und beeindruckt darüber hinaus durch ein exorbitantes stimmliches Ausdrucksvermögen.
Nach einem behutsamen Auftakt – Nabatov wirbelt zärtlich über die hohen Tasten, Blume huscht über die Becken – entstand schon bald eine unglaubliche Intensität, bei der Fengxia in jeder Hinsicht den Ton angab.
Sie brachte ihre Stimme, ihre Instrumente und das Publikum zum Beben, ließ zwischen Sprachakrobatik und Saitengestöber ein paar traditionelle Klänge der chinesischen Instrumente wie grüne Seide aufschimmern und zauberte beschwörende Passagen, die Nabatov durch Manipulationen im Klavierinneren und Blume durch feinsinnige Schlagzeugklänge begleiteten.
Bereits am Vortag hatte ein Trio mit ähnlicher Besetzung überzeugt. Die Sängerin Julie Tippetts ließ sich von den Tönen aufsaugen, feuerte sie ab wie Gewehrsalven oder verstieg sich in halsbrecherische Koloraturen, während ihr Mann Keith Tippett das Klavier mit beeindruckender fast maschinenhafter Präzision traktierte.
Begleitet wurden sie von Willi Kellers am Schlagzeug, der, wenn auch optisch etwas im Hintergrund, für das Gesamtgeschehen ungemein wichtig war. Gemeinsam erzeugten sie ausgefeilte Spannungsbögen zwischen elegischem Schwelgen, simultanem Abheben und ausgedünnten kargen Momenten.
Die einzige wirkliche Enttäuschung des Wochenendes war für mich die Soloperformance des Ex-Kraftwerkers Eberhard Kranemann. Er hatte sich viel vorgenommen und die Bühne mit umfangreichem elektronischen Equipment, Saxophon, E-Gitarre und Keyboard besetzt.
Das alles bedient er recht virtuos, kommt aber letztlich über Effekte und Posen nicht hinaus. Das Saxophon klingt nach Brötzmann, die E-Gitarre hat man so auch schon tausendmal gehört und die elektronischen Störgeräusche kitten das Ganze nur notdürftig zusammen.
Dass Recycling sich auch anders anhören kann, zeigte die Gruppe Swedish Azz, die sich mit viel Humor an einfachen Jazzfloskeln zu schaffen machte.
Traditionelle Blaskapellenmotive wurden genüsslich zerhäckselt oder mit dem Holzhammer bearbeitet, während sich Mats Gustafsson am Baritonsax und Per Åke Holmlander an der Tuba die Seele aus dem Leib pusteten, grätschte der Schlagzeuger Erik Carlsson mit verqueren Rhythmen dazwischen und wo soeben noch Kjell Nordeson versuchte, sich mit seinem Vibraphon bemerkbar zu machen, brach im nächsten Moment ein elektronischer Höllensturm los.
Um die Recyclingschraube noch etwas weiter zu drehen, hatte man nämlich den Wiener Turntable- und Elektronikspezialisten dieb13 mit ins Boot geholt. Das war ganz amüsant, aber nach einem viel versprechenden Start – und nachdem man das Konzept einmal durchschaut hatte – ging dann doch etwas die Luft aus.
Ansonsten gab es – wie gesagt – eine Menge solide improvisierte Musik ohne große Überraschungen. Elliott Sharp und Scott Fields entlockten ihren Akustikgitarren souverän und unaufgeregt wunderbar klare, scharfe Klänge, David Liebman brillierte am Sopransaxophon, begleitet von ‚Jungstars’ vom Bundesjugendjazzorchester.
(Dass diese ihm nicht das Wasser reichen konnten, war nicht weiter verwunderlich, aber der Pianist war denn doch zu farblos. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen lafferen Anschlag gehört zu haben.)
Die ukrainischen Free Jazzer Yuri Yaremchuk (sax, cl) und Mark Tokar (Kontrabaß) machten gemeinsam mit dem Drummer Klaus Kugel als Trio YATOKU ordentlich Druck und Günter Christmann (Cello und Posaune) und Joachim Zoepf (Bassklarinette und Sopransaxophon) erkundeten ausgiebig den Klang- und Geräuschdschungel, der zwar inzwischen schon bis in den letzten Winkel kartographiert und urbar gemacht ist, aber trotzdem noch genug Artenreichtum enthält, um Spaß zu machen.
Termine im April
Köln
Junge Positionen aus Amsterdam – Berlin – Warschau stellt der Deutschlandfunk vom 9. bis 11.4. in fünf Konzerten im Rahmen seines Forums neuer Musik vor. Parallel dazu findet am Samstagvormittag in der Kölner Musikhochschule eine Matinee unter dem Titel „Musik gegen Dummheit“ statt, die sich mit der Gruppe Neue Musik „Hanns Eisler“ Leipzig beschäftigt.
Im Vorfeld werden vom 6. bis 10.4. in der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf mit dem European Workshop für Contemporary Music (EWCM) Werke polnischer Komponisten erarbeitet, die am 10.4. in Düsseldorf und am 11.4. beim Deutschlandfunk zur Aufführung kommen.
In der Kölner Philharmonie steht am 1.4. Rihms Deus Passus und am 4. und 5.4. Jagden und Formen als musikalisch-choreographisches Projekt von Sasha Waltz und dem Ensemble Modern auf dem Programm. Außerdem gibt es noch ein bisschen Schnittke (11.4.) und Berio (18.4.) zu hören.
In der Kunststation Sankt Peter erklingen am Ostersamstag Stockhausens Gesang der Jünglinge und Tierkreis sowie am 4.4. Orgelimprovisationen.
In der reihe M präsentiert das Ensemble Partita Radicale am 14.4. im Kunsthaus Rhenania eine audiovisuelle Improvisation.
Zeichen & Wunder mit dem KlangDrangOrchester geschehen am 17.4. in der Alten Feuerwache. Am 29.4. gibt es dort mit Norway Reloaded einen Nachklang zum Equinox Musikfestival 2009.
Auf dem Kalender der Initiative ON – Neue Musik Köln stehen am 9.4. ein Projekt mit der musikFabrik, am 11.4. eine Konzertcollage in der Aula St. Aposteln und am 23.4. Zeitdehnungen in der Kunststation Sankt Peter mit Musik von Feldman und Riley sowie Cages legendärem Orgelstück ORGAN2/ASLAP.
Vom 16. bis 18.4. findet im Loft das 2. Plushmusic Festival statt, zu dem Hayden Chisholm eine Reihe von Musikern um sich geschart hat, von denen einige kürzlich noch beim Nozart-Festival auf der Bühne standen. Das gilt auch für Scott Fields, der am 21.4. mit seinem String Ensemble und am 28.4. mit dem Multiple Joy(ce) Orchestra im Loft auftritt.
Am 24.4. startet die MusikTriennale unter dem Motto Heimat – heimatlos. Zum Auftakt werden Werke von Samir Odeh-Tamimi und Toshio Hosokawa (25.4. WDR) sowie Mark Andre (30.4. Philharmonie) uraufgeführt. Die Kölner Oper beteiligt sich mit einer Neuinszenierung von Peter Eötvös’ Oper Love And Other Demons (Premiere am 29.4., Einführungsveranstaltung am 18.4.).
Ruhrgebiet
In der Essener Philharmonie stellt das Ensemble Modern am 10.4. die Ergebnisse des Projekts Into Pearl River Delta vor, an dem auch die In Residence-Komponistin Unsuk Chin beteiligt ist.
In der Folkwang Hochschule präsentieren sich am 20.4. die Kompositionsklassen.
Volles Programm wie üblich bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik vom 23. bis 25.4. mit Songlines, Wiener Club Elektronik und wie üblich vielen Uraufführungen.Im Rahmen des Henze-Projektes haben El Cimarrón am 11.4. im Theater Oberhausen und Elegie für junge Liebende am 24.4. im Aalto-Theater Premiere.
In Dortmund werden ebenfalls am 24.4. unter dem Titel element x Tanzerkundungen mit Musik von Henze uraufgeführt und das Theater Hagen wendet sich mit Detlev Glanerts Oper die drei rätsel auch an junges Publikum (Premiere am 25.4., vormittags gibt es noch ein Sonderkonzert mit Werken von Glanert).
Ansonsten hat das Henze-Projekt noch Konzerte in Unna (zib 18.4.), Hagen (Stadthalle 20.4.), Waltrop (23.4.) und Schloss Herten (25.4.) zu bieten.
Unter dem poetischen Titel „Bonjour de la Ruhr“ hat das GuitArtist Quartett Komponisten der Region um neue Werke für Gitarre gebeten, die am 11.4. in den Flottmannhallen in Herne und am 17.4. im Malakoffturm Bottrop zu Gehör kommen.
Sonstwo
Aufschwünge heißt das Motto der 8. Bergischen Biennale für Neue Musik, die vom 30.4. bis 5.6. in Wuppertal, Remscheid und Solingen stattfindet. Der Titel bezieht sich auf ein Klavierstück von Schumann und verweist auf die Grundidee, alte und neue Musik in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Gleich im Eröffnungskonzert erklingt eine Uraufführung von Violeta Dinescu.
Am 12.4.steht Dinescu auch im Zentrum zweier Veranstaltungen der Aachener Klangbrücke. Am 17.4. ist dort das Neue Musik Ensemble Aachen zu Gast.
Das Festival für zeitgenössische Musik in der Abtei Brauweiler steht unter dem Stichwort Streams. Vom 15. bis 18.4. begegnen sich in Konzerten, Vorträgen und Installationen 16 Komponisten aus zehn Ländern.
An der Wuppertaler Oper hat am 11.4. Wolfgang Rihms neue Oper Proserpina Premiere, die im letzten Jahr bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt wurde (weitere Aufführungen am 30.4. und 2.5.)
Vom 23. bis 25.4. heißt es wieder 3 tage im ort, diesmal mit einer Werkschau des 2009 verstorbenen Wuppertaler Malers Andreas Junge und der Band Underkarl. Zum Abschluss begegnen sich 29 Saiten (Gunda Gottschalk – Violine / Joëlle Léandre – Bass / Xu Feng Xia - Sanxian, Guzheng) im Skulpturenpark und setzen dort die Reihe KlangArt fort. Bereits am 11.4. ist Partita Radicale im Ort zu Gast.
Vier Monate lang präsentiert sich die Scene Ungarn in NRW. In diesem Kontext erklingt in Bielefeld am 9. und 11.4. György Kurtágs Grabstein für Stephan. Das Duo Lajos Rozmán und Martin Tchiba ist mit neuer Musik von Stäbler, Denhoff, Trojahn u.a. am 15.4. in Bielefeld und am 17.4. in der Düsseldorfer Tonhalle zu erleben. Am 28.4. spielt dort das DoelenEnsemble Werk von Feldman, Loevendie u. a.
Das Kultursekretariat, das auch für Scene Ungarn verantwortlich zeichnet, sucht wieder Projektideen für die Initiative „Fonds experimentelles Musiktheater“. Diese können noch bis zum 15.5. eingereicht werden.
In Mönchengladbach heben die Niederrheinischen Sinfoniker am 29.4. ein neues Werk von François Sarhan aus der Taufe.
zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik.
Petra Hedler
Autorin der Gazette "Neue Musik inNRW"
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