Anlässlich der doppelten Verleihung des Prix Buchet 2010 an Philippe
Decrauzat (*1974) und Jean-Luc Manz (*1952), lädt das Musée cantonal
des Beaux-Arts von Lausanne beide Künstler ein, das gesamte
Museum mit einer auf dessen Räume zugeschnittene Ausstellung zu
bespielen.
Der seit 30 Jahren in der Französischen Schweiz tätige Jean-Luc Manz
entwickelt seine Bildsprache in einem steten Dialog mit Vertretern der
abstrakten Malerei, ob mit seinen eigenen Vorläufern oder Zeitgenossen.
Zahlreiche seiner Kompositionen sind als Serien angelegt und resultieren
aus dem Experiment mit spezifischen Formen (Schachbrettmuster oder
andere geometrische Formen), andere leitet er direkt aus vorgefundenen
Gegenständen ab – sei es das Motiv eines ägyptischen Teppichs oder
diejenigen, die er bei anderen Künstlern entlehnt, das Detail eines
Kleidungsstücks oder die Erinnerung an eine Person. Dieser
anspielungsreiche Bezug zur Wirklichkeit wird durch die Titel unterstrichen –
Mes années 50 (Meine 50er Jahre), Les pleurs de cendres (Aschetränen)
usw. –, während die Primärfarben die Grundpalette bilden, auf der das
gesamte Werk aufgebaut ist, bis auf einige Ausflüge in die absolute
Farbreduktion des Schwarz-Weiss.
Für seine Ausstellung im Musée des Beaux-Arts zeigt Jean-Luc Manz eine
Auswahl von Gemälden, die zwischen 1984 und 2010 entstanden sind, und
bietet so einen retrospektiven Blick auf seine Arbeit. Der Künstler
präsentiert die Bilder dabei nicht chronologisch, sondern gruppiert sie nach
Motiv, Thema oder Serie.
So wird ein Raum vom Schachbrettmotiv beherrscht – einem Hauptmotiv in
Manz’ Werk, auf das er im Laufe der Jahre immer wieder zurückgriff. Auf
den ersten Blick erscheint das Schachbrettmuster als rein abstrakte Form,
und tatsächlich ist die Oberfläche des Schachbretts aus historischer Sicht
sicherlich eine der radikalsten Formen der Abstraktion – diese Komposition
existiert an sich auf der Leinwand, unabhängig von jeglichem Bezug zur
Welt. Sie kann beliebig fortgesetzt werden und erlaubt keine hierarchische
Anordnung der unterschiedlichen Bereiche der Oberfläche: Das Bildfeld
wird gleichmäßig besetzt und formuliert sich weder von einem Zentrum
noch von den Rändern aus. Dennoch erkennt man beim Durchblättern
seiner Skizzenbücher, dass sich der Künstler oft von vorhandenen Bildern
oder Gegenständen anregen lässt. Es liesse sich somit sagen, dass Manz’
Arbeit sich gleichermassen in ein abstraktes Formenvokabular wie in sehr
konkrete Wirklichkeitsbezüge einschreibt, die er sich wie ready-made
aneignet.
Mit bedeutenden Werken aus privaten und öffentlichen Sammlungen bietet
die Ausstellung eine umfassende Schau jener sehr persönlichen
Experimente mit Formen der Abstraktion, die der Künstler im Laufe der
Jahre entwickelt hat.
Philippe Decrauzats Werk verweist nicht nur auf die Geschichte der
abstrakten Kunst, sondern auch auf diejenige der Op-Art und, weiter
gefasst, auf das Kino. Gemälde, Wand- oder Bodenmalereien, Skulpturen,
Installationen und Filme speisen sich aus Referenzen, die der Bildenden
Kunst ebenso wie dem Experimentalfilm, der Popkultur, der Literatur und der Musik entlehnt sind. Selbst wenn Decrauzats Werk erneut die den
Avantgarden des 20. Jahrhunderts bedeutsamen Fragen nach Sichtbarkeit,
Wahrnehmung und Bewegung stellt, so bildet er daraus keine blosse
Ansammelung von Zitaten, sondern eine grundlegende Neuformulierung
dieser Fragen im Raum der Installation.
Der Künstler präsentiert im Musée des Beaux-Arts aktuelle Werke, von
denen manche zum ersten Mal in der Schweiz zu sehen sind – darunter
auch ein speziell für die Ausstellung geschaffenes monumentales
Wandgemälde, auf das der Besucher im ersten Raum trifft. Als ein Raster
aus schwarzen und weissen Linien, an manchen Stellen dichter, an anderen
weiter, besetzt das Wandgemälde den gesamten Raum und betont auf
diese Weise seine Struktur, Überlagerungen und Verzierungen, die mit der
Klarheit der Zeichnung kontrastieren. Die kreuzenden Linien bilden eine
Reihe weisser Rauten, die über die Wand zu wandern scheinen. Wählt der
Künstler seine Motive auch aufgrund ihrer visuellen und räumlichen
Eigenschaften aus, so bearbeitet er sie oft anhand von spezifischen
Quellen. Für das Lausanner Wandgemälde liess er sich von einem Bild aus
der Zeitschrift Scientific American vom Mai 1963 inspirieren, das einen
Artikel illustrierte, der dem Phänomen des Moiré gewidmet war, also dem
Aufscheinen eines komplexen, wellenartig veränderlichen Motivs durch
Überlagerung zweier einfacher Linienraster.
Als Antwort auf dieses Wandgemälde zeigt Decrauzat eine Serie von fünf
Leinwänden mit dem Titel Lanquidity (2010), deren Motiv sich wellenförmig
über fünf Abschnitte weiterentwickelt, gleich einem «Standbild» das noch
nachschwingt. Diese Gemälde betonen das Interesse des Künstlers für
Experimentalfilm und Wahrnehmungsphänomene, ein Interesse, das ihn zur
Produktion einiger Kurzfilme führte, dessen Jüngster in der Ausstellung
gezeigt wird. Der Film Screen-o-scope (2010) besteht aus Sequenzen aus
Akira Kurosawas Rashomon (1950), die Decrauzat am Computer
nachbearbeitet und auf 16mm Film übertragen hat. In einer der
Einstellungen fixiert die Kamera durch Bäume die Sonne. Die durch einen
von Decrauzat hinzugefügten Stroboskopeffekt verstärkte Blendung stellt
nicht nur unsere eigene Wahrnehmung als Motto voran, sondern verweist
darüber hinaus auf den eigentlichen Projektionsmechanismus des Kinos.
Aufgabe der 1987 gegründeten Stiftung Gustave Buchet ist es, die
Erinnerung an den Maler Gustave Buchet (1888–1963) lebendig zu halten.
Dieser Waadtländer Künstler, geprägt vom Futurismus und vom Purismus,
war zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg in Paris tätig. Seit
dem Bestehen des Preises im Jahre 1993 wurde er folgenden
KünstlerInnen verliehen: Pierre Chevalley (1993), Anne Blanchet (2000),
Christian Floquet (2003) und Hervé Graumann (2006).
Die Preisjury des Jahres 2010 setzte sich aus folgenden Personen
zusammen: vier Mitglieder des Stiftungsrats (Paul-André Jaccard, Catherine
Othenin-Girard, Maurice Rebetez und Nicole Schweizer) sowie zwei
geladene Mitglieder (Anne Blanchet und Marco Costantini).
Copyright/ Bild: Philippe Decrauzat, On Cover, 2010, Peinture murale. Courtoisie l’artiste et Man The Square III, 2008, peinture sur bois 278,4 x 209 x 5 cm. Courtoisie l’artiste et Galerie Francesca Pia, Zurich
Musée cantonal des Beaux-Arts / Lausanne
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