Die Marion Ermer Stiftung freut sich, die Preisträgerinnen und Preisträger des diesjährigen Marion Ermer Preises für junge Künstlerinnen und Künstler aus den neuen Bundesländern bekannt zu geben. Nach Sichtung von 177 Bewerbungen entschied sich die Jury, die am 9. Juli 2008 im Kirms-Krackow-Haus in Weimar tagte, einstimmig für die Preisvergabe an:
Laura Bielau
Falk Haberkorn
Nahla Küsel
Markus Uhr
Alle vier haben an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig studiert und leben in Leipzig. Gemeinsam ist allen vieren zudem, dass sie sich, wenngleich auf unterschiedliche Weise, der Frage der gesellschaftlichen Verantwortung der Kunst stellen und offene, kritisch-reflexiv-poetische Positionen zu den politischen und kulturellen Verwerfungen der globalisierten Gegenwart erproben.
Seit 1992 fördert die Marion Ermer Stiftung die Kunst und Kultur in den neuen Bundesländern und den kulturellen Austausch von Ost und West. Seit der Einrichtung des Marion Ermer Preises im Jahr 2001 muss sie auch als bedeutende Förderin der Nachwuchskunst in den neuen Bundesländern gelten. Zur Verankerung ihres Engagements hat die Marion Ermer Stiftung die Kooperation mit verschiedenen Kunsthochschulen und -institutionen in den neuen Bundesländern gesucht, so mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden (2001, 2003, 2005, 2007), mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig (2002) und mit der Bauhaus-Universität Weimar und der Klassik Stiftung Weimar (2004, 2006). Letztere trägt 2008 erneut den Marion Ermer Preis und die dazugehörige Ausstellung in den Räumen des Neuen Museums Weimar mit. Die diesjährigen Preisträgerinnen wurden von einer international tätigen Fachjury ausgewählt, zu der Philippe van Cauteren (S.M.A.K., Stedelijk Museum voor Actuele Kunst, Gent/Belgien), Iris Dressler (Württembergischer Kunstverein Stuttgart), Norbert W. Hinterberger (Bauhaus-Universität Weimar), Hanne Loreck (Hochschule für bildende Künste Hamburg) und Ute Vorkoeper (Kunsthochschule Berlin Weißensee) zählten. Die Förderung umfasst neben dem Preisgeld in Höhe von je 5000 Euro die kuratierte Ausstellung in einem renommierten Museum, die Produktion eines zweisprachigen Katalogs sowie von individuellen Künstlerbüchern.
Erstmals hat der Marion Ermer Preis in diesem Jahr einen zusätzlichen Titel, der als verbindendes Element den Begriff der Verantwortung behauptet: die Notwendigkeit ebenso wie die Fraglichkeit von Verantwortung. Da war doch etwas und das galt als Fundament von Freiheit im Westen. Zugleich aber ist und bleibt es eine Sache mit dieser freiwilligen Verantwortung. Sie hat immer auch etwas Anmaßendes, Besserwisserisches, Bevormundendes. Seit Beginn der Moderne attackierte die Kunst deshalb nicht nur das Bürgertum, sondern mithin die bürgerliche Vorstellung von Verantwortung oder sie opponierte radikal mit neu begründeten Verantwortungsvorstellungen. Mittlerweile sind die Frontstellungen aufgelöst und wem heute l’art pour l’art nicht genügt, der muss sich dieser Zwiespältigkeit von Verantwortung auf eigene Weise stellen. Die diesjährigen Ermer-Preisträger/innen jedenfalls scheinen einig in der Anerkennung der gesellschaftlichen Verantwortung ihrer Kunst, ohne dabei in politischer Aufklärung oder moralischer Belehrung zu enden. Sie haben antwortende, dialogische, performative wie poetische Formen für ihre Auseinandersetzung mit der Welt gefunden.
Die Fotografin Laura Bielau sucht ebenso reflexiv wie provokativ die Momente des Erscheinens in der Fotografie nicht einfach der Wirklichkeit an sich, sondern der durch Fotografie konstruierten Wirklichkeiten. Dabei konzentriert sie sich auf Wendepunkte, in denen etwas nicht nur sichtbar, sondern in einer anderen Intensität und in seinen unsichtbaren Aspekten wahrnehmbar wird. Ihre Fotogruppen entwickeln sich von Ausgangsfragen und Fundstücken in assoziativen Sprüngen, die schließlich in verdichteten, poetischen Arrangements präsentiert werden.
Falk Haberkorn hat in den vergangenen Jahren performativ die Grenzen und Übergänge zwischen Bild und Sprache, zwischen Bilden und Sprechen, Foto und Text bearbeitet. Eine zentrale, immer wieder reflektierte Frage in seinen Arbeiten ist, wie sich der Künstler (verantwortungsvoll) in die Welt, in die Geschichte wie die Gegenwart einschreiben kann. Im Zentrum seiner bildschriftlichen Auseinandersetzungen stehen damit Fragen nach Zeitlichkeit, Erinnerung und Tradierung, Wahrung und Löschung, Übertragung und Verlust. Für die Ausstellung zum Marion Ermer Preis entwickelt Falk Haberkorn zwei ortspezifische Arbeiten, von denen eine über die Dauer der Ausstellung zu festgesetzten Terminen öffentlich fortgesetzt wird.
Nahla Küsel widmet sich der Identitätskonstruktion in einer globalisierten, von wirtschaftlicher Ungleichheit, von Kriegen und religiösen Konflikten zerteilten Welt. Der Nahe Osten, insbesondere Palästina, ist dabei zum Referenzfeld ihrer Auseinandersetzungen geworden. Sie geht von konkreten Bild Fundstücken, Geschichtsfragmenten oder Begegnungen mit Menschen aus, die sie nachhaltig beschäftigen, sie nicht mehr loslassen. Am Ende entstehen poetisch-narrative Installationen und Videos über Wunsch und Wirklichkeit von Identität.
Es ist eine verwirrende Phänomenologie der Gegenwartswelt, die Markus Uhr in seinen Fotoreihen und Collagen zusammenträgt. Er sammelt Aufnahmen aus einem beiläufigen, bisweilen schäbigen Alltag, malt oder übermalt Bilder und entwickelt dichte Collagen aus Bild- und Textabfällen, den Resten kulturell oder politisch bedeutsamer Zeichen. Im Ausstellungsraum formen sie ein wackliges und schmuddeliges Universum, in dem Menschen als aus Versatzstücken gebastelte Aliens oder marginale Erscheinungen in absurden Situationen erscheinen. Dennoch wird in den Bildern nichts und niemand bloßgestellt, sondern ein lustvoller Spielraum für die Deutungen der Betrachter/innen eröffnet.
Die Ausstellung läuft im Neuen Museum Weimar vom 4.12.2008 bis 11.01.2009
Infos, auch zu den Preisträgern unter: www.marion-ermer-stiftung.de


Laura Bielau, Porcus, 2006,