Der Regisseur Volker Lösch, der unlängst mit seiner freien Interpretation des Revolutionsstücks von Peter Weiss, das zu Recht als Höhepunkt der Nachkriegsdramatik gilt, in Hamburg einen Theaterskandal provoziert hat, macht nicht zum ersten Mal durch seine unbequeme Sichtweise auf sich aufmerksam.
Dabei sucht Lösch immer das Authentische, das Soziale, das Laienhafte und modelliert es zu einem zentralen Bühnenkollektiv – so geschehen in seinen vieldiskutierten Dresdner Webern, seinem umstrittenen Neonazi-Woyzeck oder in seinem Stuttgarter Medea-Migrantinnen-Epos. Mit Vorliebe setzt er sein Faible für den Chor als theatralisches Mittel ein.
In seiner Marat-Sade-Bearbeitung lässt er 24 Frauen und Männer zwischen 21 und 76 Jahren zu Wort kommen, die von Hartz iv leben. Mit ihnen holt Lösch das vom Schicksal gebeutelte, unterprivilegierte Volk auf die Bühne, das im Chor den neuen Titel der Aufführung skandiert: Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? Der fanatische Revolutionär Jean Paul Marat versucht das Volk der Arbeits losen hinter sich zu scharen, doch er hat einen mächtigen Gegenspieler im gnadenlos individualistischen Marquis de Sade: »Der eine Revolutionär, der längst nicht mehr an die Veränderbarkeit der Welt glaubt und nur noch für die individuelle Freiheit (also seine eigene Libertinage) kämpft, furzt dem anderen ins Gesicht und saugt sich selbst sein massig vorhandenes überflüssiges Körperfett ab.
Der andere, der für seine Ideale über Leichen geht, tritt in unterschiedlicher Maskerade auf: Mal ist er Lenin, mal Fidel Castro, mal Rudi Dutschke und schließlich Lafontaine. Wenn diese zwei Typen miteinander diskutieren über Sinn und Unsinn der Revolution, ringen sie nicht nur um die besseren Argumente, sondern drücken sich dabei tatsächlich gegenseitig zu Boden.« Anke Dürr, Frankfurter Rundschau, 29. Oktober 2008 Der wütende Hartz-iv-Chor wird zum einen mehr und mehr zum Spielball des selbstgefälligen Revolutionsführers, zum anderen jedoch rückt er als kollektiver Held ins Zentrum der Inszenierung.
Während der Blick des Zuschauers von den zu einem riesigen Signet vereinigten Logos von Aldi und Lidl angezogen wird, agieren die von Jürgen Habermas zu Zeiten der Uraufführung des Stückes von Peter Weiss als solche bezeichneten »Statisten der Geschichte« mit verzweifelter Wut und rennen gegen Wände.
Am Ende lässt Volker Lösch die Namen jener Hamburger Bürger verlesen, die sich in einer Rangliste der 300 reichsten Deutschen befinden. Die Daten, die er verlesen lässt, sind für jedermann zugänglich und wurden zuletzt im »Manager Magazin Spezial« 2008 veröffentlicht. Lösch macht sich einen Klassenkampfreim darauf, nicht zur Freude allerdings der Genannten, die sich kurz vor der Hamburger Premiere vereinzelt mit einer einstweiligen Verfügung dagegen verwahrten.
Premiere am 27.10.2009
Weitere Termine 28.10.2009
Fassung von Volker Lösch und Beate Seidel
Regie: Volker Lösch
Bühne: Cary Gayler
Kostüme: Carola Reuther
Chorleitung: Bernd Freytag
Dramaturgie: Beate Seidel
Licht: Kevin Sock
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