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Wiesbaden - Oper in drei Akten von Giuseppe Verdi

Luisa Miller - Frei nach Theodor W. Adorno veranschaulicht ‚Luisa Miller‘, dass es ‚kein richtiges L(i)eben im falschen‘ gibt …

Frei nach Theodor W. Adorno veranschaulicht ‚Luisa Miller‘, dass es ‚kein richtiges L(i)eben im falschen‘ gibt … Sowohl in Schillers Trauerspiel-Vorlage ‚Kabale und Liebe‘ als auch in Verdis 1849 in Paris für das Teatro San Carlo in Neapel komponierter Oper ist die Liebe zwischen der bürgerlichen Luise und dem Präsidenten- bzw. Grafensohn wegen der Standesunterschiede zum Scheitern verurteilt.

Ort und Personnage hat Cammarano, Verdis erfahrener Librettist, den Gepflogenheiten der neapolitanischen Oper angepasst: Die dreiaktige, jeweils mit Überschriften versehene Handlung (Die Liebe – Die Kabale – Das Gift) wird von einer absolutistisch regierten deutschen Residenzstadt ins dörfliche Tirol verlegt, wo Luisa als Tochter eines ausgedienten Soldaten sich in Rodolfo, den Sohn des Grafen Walter, verliebt. Doch hat sie noch einen weiteren Verehrer: den intriganten Schlossvogt Wurm …

Auch wenn die Gesellschaftskritik aus Schillers Sturm-und-Drang-Drama in Verdis Oper an Schärfe verlor, schmälert das nicht die emanzipatorische Kraft seiner Titelheldin. ‚Luisas grandioser ‚soprano spinto’ und seine zu Utopien sich öffnenden Kantilenen‘ (Leo Karl Gerhartz) erheben sie zur würdigen Vorläuferin von Aida und Desdemona – drei Frauen, die um der Liebe willen den Tod nicht scheuen.

Der deutsch-türkische Regisseur Immo Karaman war zunächst für mehrere Jahre als fester Regieassistent am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier engagiert, wo er u.a. mit Peter Konwitschny und Dietrich Hilsdorf zusammengearbeitet hat.

Für sein Regie-Debüt mit Bartóks ‚Herzog Blaubarts Burg‘ erhielt er 2001 den Gelsenkirchener Theaterpreis. Seitdem ist er als freischaffender Regisseur an zahlreichen Theatern in der Schweiz und Deutschland, u.a. an der Berliner Staatsoper Unter den Linden und an der Oper Leipzig tätig.

Oper in drei Akten von Giuseppe Verdi

Text von Salvatore Cammarano nach Kabale und Liebe von Friedrich Schiller

In italienischer Sprache mit Übertiteln

Schon in den dynamischen Nuancen des wunderbaren Vorspiels zeigt [Christoph Stiller] mit dem Staatsorchester, dass das Heil dieser Oper nicht in knalligen Kollektiven, sondern in den Subtilitäten einer Partitur zu suchen ist, die sich in den letzten Jahrzehnten zunehmender, verdienter Wertschätzung erfreut.

Das Regieteam setzt nicht auf Realismus, sondern auf eine nachtschwarze Albtraumwelt, deren düsteres, lemurenartiges Personal in Schränken haust und sich zum Tanz singender Vampire versammelt.

Dass sich die Restwerte von Schillers lichtem Humanismus im Staatstheater zur Schauerromantik einer ‚Lucia di Lammermoor‘ verdunkeln, hat (auch in Fabian Poscas choreografischen Beiträgen zu Personenführung) immer wieder einen sehr hohen ästhetischen Reiz.

Musikalisch behauptet sich Luisa indes als Lichtgestalt: Tatjana Plotnikova verblüfft in der Verbindung von dramatischer Kraft und Koloratur-Beweglichkeit. In Felipe Rojas Velozos edel timbriertem Rodolfo hat sie einen starken Partner, in Yaroslava Kozina feminine Konkurrenz und in Hye-Soo Sonns Wurm einen böse verbogenen Gegenspieler.

Wiesbadener Kurier, 06.09.2010

Der Antagonismus von falscher Welt und echtem Gefühl findet sich ersetzt durch die Konzentration auf das Einzelschicksal respektive das zentrale Liebespaar. Zum Saisonauftakt am Staatstheater Wiesbaden hat sich Immo Karaman des Sujets angenommen und spiegelt es optisch und inhaltlich zurück auf das Vorbild.

Der bei Verdi zum Soldat mutierte Vater Miller wird wieder zu Schillers Cello spielendem Musikus, der in der Partitur wenig berücksichtigte Wurm avanciert zum Drahtzieher von faszinierend abstoßender Beweglichkeit. Unter der Leitung von Christoph Stiller bringt das hellwache Staatsorchester Wiesbaden die Musik auch dort zum Blühen, wo die Komposition in routinierten Floskeln verharrt.

Vom kraftvollen Aufbegehren bis zum zerbrechlichen Verzweifeln weiß Velozo seelische Verfasstheit in Gesang umzuschmelzen, die in mörderisch-selbstmörderische Verblendung mündenden Irrwege des Liebhabers packend auszuschreiben.

Tatiana Plotnikova in der Titelrolle  verleiht den innigeren Abschnitten gleichwohl einen besonderen Zauber. Ihre im Musikdrama zur Nebenrolle reduzierte Rivalin Federica verkörpert Yaroslava Kozina mit einfühlsam dosiertem Einsatz. Die beiden Vatergestalten behandelt die Regie als Erfüllungsgehilfen des Schicksals.

Bernd Hofmann als Graf von Walter und Kiril Manolov als Miller meistern die vokal durchaus anspruchsvolle Aufgabe bestens; die eigentlich bedrohliche Dominanz Millers domestiziert Manolov zur patriarchalischen Geste. Mit den psychischen Defekten des Wurm hat sich Hye-Soo Sonn genau auseinandergesetzt, entfaltet gewandt die Facetten dieser beschädigten Persönlichkeit.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.09.2010

Wie eine Sammlung früher Photographien erscheint die Neu-Inszenierung von Giuseppe Verdis Schiller-Adaption ‚Luisa Miller‘ am Staatstheater Wiesbaden. Immo Karaman hat Regie geführt und Nicola Reichert eine großartige Bühne sowie Kostüme geschaffen, die den Eindruck eines Albums mit Abzügen zwischen Biedermeier und Gründerzeit machen.

Ein faszinierendes Ambiente der Eingeschlossenheit, der eingekastelten Interaktionen. Walter Benjamin hat solche Monster-Interieurs des Etui-Menschen beschrieben und auch in Wiesbaden verstellen diese hölzernen Verwahr-Räume Wege. Die Menschen wirken zwischen ihnen wie in Schluchten verloren.

Das Gespinst aus Misstrauen und Intrige wird durch die lastende Ruhe des Ganzen glasglar in Szene gesetzt. Alle Sänger sind famose Darsteller und glänzen mit vokalem Engagement. Überragend die blitzblanke, herrlich durchrhythmisierte Verdi-Ausdifferenzierung, die dem Orchester, Chor und Extrachor des Staatstheaters unter inspirierenden Leitung Christoph Stiller gelangen.

Frankfurter Rundschau, 06.09.2010

Verdis ‚Luisa Miller‘ beeindruckt in Wiesbaden als wohlklingende Sozialkritik. Dem düsteren Plot gibt der strenge Bühnenaufbau von Nicola Reichert einen herben Rahmen. Apart und dekorativ auf den ersten Blick, aber nicht zuletzt dank der eindrucksvollen Lichtregie (Klaus Krauspenhaar) von eigentümlicher Kälte.

Christoph Stiller dirigiert das energisch aufspielende Orchester sehr sängerfreundlich. Mit Tatiana Plotnikova hat Karaman eine stimmige Luisa Miller gefunden, nicht minder eindrucksvoll spielt und singt Kiril Manolov den Signore Miller. Den Part des Rodolfo übernimmt mit viel jugendlichem Elan Felipe Rojas Velozo, der an den jungen Dustin Hoffman erinnert.

Darmstädter Echo, 06.09.2010

Vokal die überzeugendste Leistung bot Kiril Manolov als Vater Miller. Sein in allen Lagen im Fokus sitzender und auf dem Atem liegender Bariton weist alle Stimmfarben auf, die notwendig sind, um die Gefühlswelten der Rolle zu gestalten.

Durch seine groß gewachsene und mächtige Statur wurden die innigen väterlichen Emotionen durch den offensichtlichen Gegensatz zwischen Körper und Seele besonders in dem Duett mit Luisa, ‚La tomba é un letto‘ (Das Grab ist ein Bett), mit angemessen sensibler Tongebung herausgehoben. Manolov zeichnet einen Menschen, der für sein Kind lebt und dessen Bestes will.

Maintalanzeiger, 11.09.2010

Hye-Soo Sonn hatte für die Rolle des Schlossverwalters das richtige Gesicht und grinste auch beim Schlussapplaus noch linkisch ins Publikum hinein. Man hatte beim Wiesbadener Saisonauftakt auch bei der Besetzung der anderen Rollen ein glückliches Händchen. Kapellmeister und Studioleiter Christoph Stiller hatte am Dirigentenpult den Vortritt erhalten und sicherte einen musikalisch einwandfreien Saisonauftakt.

Frankfurter Neue Presse, 06.09.2010

Alle Gesangspartien waren hervorragend besetzt. Tatiana Plotnikowa glänzte als Luisa schier mit unendlicher Kondition, herrlichem Volumen und feiner Dramatik. Ihr Gegenpart, der Tenor Felipe Rojas Velozo als Rodolfo konnte – obwohl er hörbar mit einer Erkältung kämpfte – in seinen Arien und Duetten mit Gefühl und schönem Timbre überzeugen.

Hye-Soo Sonn gelang sein Wurm auch stimmlich so hervorragend hinterhältig und gemein, dass er zum Joker des Abends wurde – obwohl er den mit Abstand unsympathischsten Part hatte.

Main-Echo, 10.09.2010

Die in St. Petersburg geborene Tatiana Plotnikowa, ist zweifellos eine erste Besetzung der Luisa, ihr vor allem in der furchtlos attackierten Höhe sehr durchschlagender, aber nie scharfer, auch in den schnelleren, verzierteren Passagen nie wirklich in Verlegenheit kommender Sopran klingt wunderbar frisch, gesund und jugendlich, die Identifikation mit der Rolle und die daraus resultierende Wirkung bemerkenswert. 

Tadellos gesungen war auch Hye-Soo Sonns Wurm, in Erinnerung bleibt die szenische Präsenz, besonders die des zweiten Teils, als er neben der an sich schon prägnanten Körpersprache, die durchaus an das Namen gebende Tier erinnerte, auch noch einige Tricks vorführen durfte, die dem weniger involvierten Zuschauer illustrieren sollten, dass das schlechte Gewissen den Übeltäter mit dem deformierten Charakter plagt, der aber im Schlussbild dennoch in sarkastisch-mephistophelisches Lachen ausbrechen darf.

Christoph Hilmer und Anton Tremmel ist für eine mehr als solide Einstudierung von Chor und Extrachor zu danken, da wurde klangschöner und differenzierter gesungen als an manch anderem Haus dieser Kategorie.

Online Musik Magazin, 13.09.2010

Musikalische Leitung

Inszenierung

Choreografie

Bühne und Kostüme

Dramaturgie

Mit:

Graf von Walter

Rodolfo

Federica

Wurm

Miller, alter Soldat

Luisa, seine Tochter

Laura (Amme / Mutter)

Ein Bauer

Orchester, Chor, E-Chor und Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

Großes Haus

Mittwoch, den 29.09.2010, 19.30 Uhr

Dienstag, den 12.10.2010, 19.30 Uhr

Freitag, den 22.10.2010, 19.30 Uhr

Mittwoch, den 03.11.2010, 19.30 Uhr

Sonntag, den 14.11.2010, 19.30 Uhr

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

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