Damals waren sie ein „Paar“. Una war zwölf und Ray achtunddreißig. Sechzehn Jahre später heißt Ray jetzt Peter. Er hat seine Strafe abgesessen, einen neuen Job und lebt in einer festen Beziehung. Und eines Tages ist Una wieder da…
Blackbird zeigt die Begegnung zweier Menschen, deren Leben von einer gemeinsamen Erfahrung geprägt ist. Eine Erfahrung, von der beide nicht loskommen. Nur, was genau ist es, was diese beiden damals zusammen erlebt haben? Im Blick des Anderen, in der Konfrontation des Wiedersehens ist die Vergangenheit gegenwärtig, erleben beide ihre Geschichte noch einmal neu. Zwei Wahrheiten, zwei radikal unterschiedliche Versionen der Vergangenheit treffen dabei kollisionsartig aufeinander.
biografien
David Harrower - Autor
David Harrower (1966 in Edinburgh geboren) zählt zu den wichtigsten britischen Dramatikern der Gegenwart. Er schreibt nicht nur eigene Stücke, sondern übersetzt und adaptiert auch Klassiker und Zeitgenossen aus anderen Sprachen, so zum Beispiel Schnitzlers Liebelei unter dem Titel Sweet Nothings für die letzten Wiener Festwochen. Bevor er mit seinem Stück MESSER IN HENNEN international bekannt wurde, verdiente sich der Anglistik- und Kunststudent sein Geld als Tellerwäscher und Lastwagenfahrer. Die Zeitschrift Theater heute wählte 1997 MESSER IN HENNEN zum besten ausländischen Stück des Jahres. BLACKBIRD schrieb er 2005 für das Edinburgh International Festival, wo es Peter Stein zur Uraufführung brachte. David Harrower lebt heute in Glasgow.
„Es war mir sehr wichtig, diese beiden Figuren alles sagen zu lassen, was sie wollten, ohne dass ich etwas zensurierte. Und sie können alles, was sie wollen, zueinander sagen, weil sie die einzigen Menschen sind, die genau wissen, wie sie fühlten, und was sie wollten.“
David Harrower
Sabrina Linda Riedel – Regie
wurde in Bayreuth geboren. In der Film- und Fernsehproduktionsfirma TMT Bayreuth erhielt sie eine Ausbildung zur Mediengestalterin für Bild und Ton. Für den Sender tvo entwickelte sie das Tiermagazin Schlappohr & Co und übernahm die Redaktion und Moderation. Erste Schauspielerfahrungen sammelte sie an der Studiobühne Bayreuth, für die sie 2002 auch die Videoproduktion für Andorra (Regie: Wenzel Schneider) übernahm.
Weiters arbeitete sie als freie Kamerafrau u. a. für BR, RTL, ProSieben, ORF. Bei der 99pro media gmbh in Leipzig absolvierte sie ein Redaktionsvolontariat. In Leipzig arbeitete sie auch erstmals als Regieassistentin am theater.FACT.
Anschließend wurde sie zur Diplomschauspielerin an der Schauspielschule Krauss in Wien ausgebildet. Bereits während der Ausbildung inszenierte sie Es ist Zeit – Abriss von Albert Ostermaier und Krötenbrunnen von Friederike Roth im Theater SPIELRAUM Wien. Es folgten Engagements als Schauspielerin und Regisseurin u. a. am Theater SPIELRAUM und 3raum – anatomietheater in Wien, sowie Choreografien für Keine Delikatessen - Bühne für Schriftbilder und Wortwerft am Literaturhaus Wien und der Universität Wien.
Seit der Spielzeit 2008/2009 ist sie am Landestheater Linz als Regieassistentin und Abendspielleiterin tätig.
Ilona Ágnes Tömő – Szenische Einrichtung und Kostüme
Ilona Ágnes Tömő studierte nach dem Besuch des Kunstgymnasiums und der Pädagogischen Hochschule in Ungarn an der Kunstuniversität Linz Textil, Kunst & Design. Ihre Zwischendiplomarbeit, die Rauminstallation Alzheimer-Raum, ist als permanente Ausstellung in der Villa Sinnenreich, dem Museum für Sinneswahrnehmung in Rohrbach, zu sehen. Nach ihrem Diplom 2005 studierte sie an der Kunstuniversität Medienkultur- und Kunsttheorie. Bereits seit 1994 leitet sie in Kooperation mit Künstlern in Ungarn und Serbien verschiedene Filzworkshops.
Seit 1996 präsentiert sie ihre Arbeiten in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Ungarn, Österreich und Frankreich.
2008 erhielt sie ein Stipendium für den Aufenthalt im Internationalen Gastatelier Maltator in Gmünd (Kärnten).
Seit der Spielzeit 2008/2009 arbeitet Ilona Ágnes Tömő als Ausstattungsassistentin am Landestheater Linz und entwickelte bereits ihr erstes Bühnenbild im Großen Haus für die Ballettproduktion Ich tanze mit dir in den Himmel hinein. Außerdem zeichnete sie für die szenische Einrichtung und Kostüme der Produktion Der Schein trügt im Eisenhand verantwortlich.
Für ihre Arbeit an der 3. Internationalen Triennale der Textilkunst 2009 in Szombathely wurde Ilona Ágnes Tömő mit dem Preis der Regierung des Komitates Vas ausgezeichnet.
Interview mit David Harrower
Sie sagten einmal, dass Sie zu Blackbird durch eine wahre Begebenheit inspiriert wurden, von der Sie 2003 gelesen haben: Es ging darum, dass sich ein U.S. Marine mit einem jungen Mädchen nach Europa davongemacht hat. Was hat Sie an dieser Geschichte so sehr gereizt, dass Sie sie zu einem Theaterstück verarbeitet haben?
Diese Begebenheit hat mich nicht unbedingt inspiriert, sie löste eher eine Reihe von Gedanken aus, die dieses Stück entstehen ließen. Ich bin vorsichtig damit, wahre Ereignisse in Theaterstücken zu verarbeiten, aber ich erinnere mich daran, dass diese Geschichte mir ins Auge gesprungen ist und ich begonnen habe, darüber nachzudenken. Ich hatte plötzlich dieses Bild von einem Mann und einem Mädchen, die gemeinsam aufs Meer schauen, und es ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Es war eigentlich dieses Bild, das mich ursprünglich inspiriert hat.
Sie haben in diesem Stück bewusst jegliche Schwarz-Weiß-Malerei vermieden. Stattdessen erforschen Sie die Grauzonen menschlichen Verhaltens bzw. zwischenmenschlicher Beziehungen.
Absolut. Es gab die Beziehung zwischen Una und Ray, aber für mich stellte sich nicht die Frage, ob diese Beziehung moralisch falsch ist und genauso wenig wollte ich mich als Richter über die Figuren aufspielen. Man weiß, dass es diese Art von Beziehung nicht geben sollte, und ich sehe keinen Sinn darin, das, was jeder glaubt, zu bestätigen. Mir war es wichtig, dass diese beiden Figuren einander alles sagen können, was sie wollen, ohne es zu zensieren. Und sie können einander tatsächlich alles sagen – weil sie die einzigen zwei Personen sind, die genau wissen, wie sie fühlen bzw. was sie wollen.
Sie begeben sich auf gefährliches Terrain, wenn Sie zeigen, dass das, was die beiden verbindet, eine Liebesgeschichte ist – oder sogar auf beiderseitigem Einvernehmen beruht.
Ich wusste, dass das nicht ungefährlich ist, und befürchtete, damit unter Beschuss zu geraten, aber ich erhielt - überraschenderweise – Briefe von Frauen, die mir dankten, mir gratulierten, und dazu stehen, dass sie rechtlich noch als Kinder in derartigen Beziehungen waren und dennoch genau wussten, was sie taten. Selbstverständlich können wir das anzweifeln, aber ich werde ihnen diese Überzeugung nicht nehmen. Ich habe mit einigen Frauen gesprochen, die in sehr jungen Jahren in Beziehungen mit wesentlich älteren Männern waren und fest davon überzeugt sind, dass es sich dabei um eine Liebesbeziehung gehandelt hat. Das hat mich ehrlich überrascht.
Das Publikum von Blackbird wird nicht darum herumkommen, sich die Frage zu stellen, warum Una Ray aufsucht, ob sie auf Rache aus ist, Verständnis sucht oder einfach abschließen möchte. Haben Sie diese Frage für sich beantwortet?
Anfänglich nicht. Aber ich habe mir wahrscheinlich während des Schreibens eine zusammengezimmert. Ich werde sie jedoch für mich behalten. (Er lacht). Tut mir leid.
In einer britischen Kritik wurde das Stück hinsichtlich des Themas als „überraschend mitfühlend” bezeichnet. War es für Sie eine große Herausforderung einen gewissen Grad von Empathie für Ray zu erreichen, für jemanden der sich - nur allzu offensichtlich – Una zu seinem Opfer erwählte.
Ich denke, das war unumgänglich. Ich konnte ihn weder verteufeln noch dämonisieren, weil er eine Figur ist, die ich erschaffen habe, und er würde völlig uninteressant sein, wenn ich ihn von einem moralischen Standpunkt aus betrachtet hätte. Als ich Blackbird geschrieben habe, hatte ich keine wirkliche Vorstellung mit welcher Sympathie ich diesen Mann ausstatten würde und war ein wenig überrascht, dass er tatsächlich sympathischer geriet, als ich gedacht hatte. So gesehen können wir die Augen nicht verschließen vor der Tatsache, dass es in Wirklichkeit Menschen gibt, die viel schlimmer sind als Ray, die aktiv nach Kindern suchen, und dass wir als Gesellschaft entscheiden müssen, wie wir mit diesen Menschen umgehen.
Ihr Stil ist sehr präzise und orientiert sich stark daran, wie Menschen im wirklichen Leben - und nicht auf der Bühne - miteinander sprechen: zahlreiche Unterbrechungen, unvollständige Sätze. Schreiben Sie schon gleich zu Beginn so, oder ist das das Ergebnis mehrerer Überarbeitungen?
Dieses Stück habe ich tatsächlich so hingeschrieben. Ich brauchte dafür ungefähr einen Monat. Einmal begonnen, konnte ich nicht mehr aufhören, zu schreiben. Beinahe in einem Fluss. Das war außergewöhnlich. Ich wusste, dass ich unbedingt in einer Sprache schreiben wollte, die den mentalen Zustand der beiden Figuren verdeutlicht; letztlich reflektiert die Sprache den Umstand, dass die beiden etwas umkreisen. Sie können ihre Sätze nicht beenden, sie können sich nicht so genau festlegen weil sie nicht wissen, welche Auswirkungen es auf den anderen hätte, wenn sie sich festlegen würden.
Welche Bedeutung hat der Titel des Stücks, Blackbird (dt.: Amsel)? Stand der Titel schon früh fest oder erst, nachdem Sie das Stück beendet hatten?
Das ist ziemlich einfach. Meiner Erinnerung nach brauchte ich relative rasch einen Titel und hörte Musik und John Coltrane, - oder war es der Pianist Keith Jarrett – spielte Bye ByeBlackbird. Es war eine Improvisation auf diesen Klassiker. Und es fühlte sich wie eine Improvisation an – dieses „Wie lange sperre ich diese beiden Figuren zusammen?“ Ich habe mich in mancherlei Hinsicht wie ein Musiker gefühlt, nämlich auszuhalten, was diese zwei Menschen einander sagen, einander antun könnten, das war wie improvisieren. Außerdem dachte ich, dass er sie möglicherweise Blackbird genannt hat, oder dass er auf dem Weg zur Küste vielleicht das White Album von den Beatles gehört hat. Dieser Titel hat mich nicht eingeschränkt, eher angeregt, mir geholfen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es eine Geschichte über den Hl. Benedikt gibt. Ich mag sie, die Verkleidung als Amsel. Ich wünschte, ich hätte die Geschichte vorher gekannt, dann hätte ich sie als meine eigene ausgegeben. (lacht)
Aus dem Englischen von Elisabeth Geyer und Hans Mrak
Blackbird
Schauspiel von David Harrower
Deutsch von Angela Kingsford Röhl
Premiere 26.Mai 2011, 20.00 Uhr im Eisenhand
Weitere Vorstellungen am 28. Mai, 16., 23. und 26. Juni 2011
Inszenierung Sabrina Linda Riedel
Szenische Einrichtung und Kostüme Ilona Ágnes Tömő
Musik Ferdinand Aufner
Dramaturgie Kathrin Bieligk
Mit Jenny Weichert; Joachim Rathke; Sophie Rieger/Liana Wagner
Kontakt
Mag. Inez Ardelt
Presse- und Medienarbeit
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Tel.: +43 732 7611-321 (Fax: -421)
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