Gesellschaft Freunde der Künste

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Wieder am freitag 13-11. um 19.30 Uhr

Labyrinth in drei teilen - ‚Irr-Garten‘, ‚Sweet Shadow‘ und ‚Carmencita‘ am Staatstheater Wiesbaden

Vom Irren und Erkennen

Stephan Thoss im Gespräch über seinen neuen Ballettabend ‚Labyrinth‘

Mit Ihrem ersten Ballettabend in der neuen Spielzeit betreten wir ein Labyrinth. Wie sehen die Wege darin aus?
‚Labyrinth‘ setzt sich aus drei Teilen zusammen; ‚Irr-Garten‘, ‚Sweet Shadow‘ und ‚Carmencita‘. In allen drei Choreografien finden Sie unterschiedliche Ausprägungen einer Zielsuche. Im ersten Stück, der Uraufführung ‚Irr-Garten‘, ist schon im Titel das Wegsystem angedeutet. Im Gegensatz zum Labyrinth, in dem es nur einen einzigen richtigen Weg gibt, das Ziel zu erreichen, besteht ein Irrgarten aus zahlreichen Pfaden. Der Abend beginnt mit verschiedenen Ausprägungen des Irrens und Wirrens und endet in einer komödiantischen Stimmung.

Kann man ein Labyrinth auf der Bühne überhaupt darstellen?

Das Wegsystem ist ja nur aus der Vogelperspektive als solches zu erkennen. Wie ein Irrgarten ein Garten im Garten ist, so stellt die Choreografie ‚Irr-Garten‘ eine Art Theater im Theater dar. Es wäre uninteressant, ein Labyrinth oder einen Irrgarten auf die Bühne zu stellen. Was mich interessiert, sind vielmehr die Begegnungen der Figuren, die Befindlichkeit der Suchenden und das Entwicklungs- und Veränderungspotential der sich treffenden Menschen.

Mir ist bei den Proben aufgefallen, dass die Figuren allgemein von einer Unruhe gezeichnet sind oder von ihr überhaupt angetrieben werden. Wodurch kommt diese zustande?

Die Suche nach dem richtigen Weg ist kein Spaziergang. Fehlentscheidungen, Täuschungsmanöver, Personen, die uns vom richtigen Weg abbringen wollen, Sackgassen, neu gewählte Ziele oder auch Erschöpfungsmomente kennzeichnen das Irren durch diesen Bühnengarten. Dazu kommt, dass Figuren aus anderen Epochen erscheinen und die gegenwärtige und vergangene Zeit ineinander greifen. Die verrinnende Zeit ist der gefährlichste Gegner der Suchenden. Dadurch werden sie in Unruhe versetzt.

Und damit auch in Bewegung?


Ja, denn wenn uns nichts aufrüttelt, wenn wir keine Lust haben, ein Ziel zu suchen und aufzubrechen, wenn wir Begegnungen und Enttäuschungen vermeiden wollen, dann können wir uns schon heute auf ein Sofa setzen, um unsere Zeit abzusitzen. Die Figuren aus dem dritten Stück ‚Carmencita‘ verkörpern diese Energie exemplarisch. Sie stellen – mit einer Ausnahme – allesamt personifizierte Opernarien aus dem Wunschkonzertprogramm dar.

Als hätten sie sich in einer warmen, etwas muffigen Ecke des Labyrinths behaglich eingerichtet, ist diesen Gestalten jeglicher Antrieb abhanden gekommen. Darin liegt natürlich viel komödiantisches Potential. So räkelt sich diese Gesellschaft mit schon etwas angeschimmelten Roben auf der Bühne und schwelgt in den bekannten Opernarien.

Gestikulierend und grimassierend wird ein Hoch auf Verdis, Puccinis und Bizets Ohrwürmer angestimmt. Die Kehrseite offenbart sich, als sich eine junge Frau vergebens um Aufnahme in den Club bemüht. Eben noch inbrünstig und leidenschaftlich wird die betagte Schar plötzlich reserviert und Spröde. Dabei entgeht sie der Möglichkeit, sich zu verändern und wach zu bleiben.

Kann man die Spuren, die der Gang durch das Labyrinth zeichnet, als Ursprung einer tänzerischen Bewegung lesen?

Die Form des Labyrinths oder seine direkte choreografische Umsetzung steht in den drei Teilen des Ballettabends nicht im Zentrum des Interesses. Vielmehr habe ich mich auf die zwischenmenschlichen Aspekte konzentriert. Im ersten Teil ‚Irr-Garten‘ sind das die Verlockungen, Verirrungen und Täuschungen, die ein flirrendes Nebeneinander von Epochen, Beziehungen, Bewegungen und Gefühlen erzeugen

. ‚Sweet Shadow‘ ist dagegen durch eine viel strengere Form geprägt. Wenn wir uns im ersten Teil des Abends in einem wuchernden, irrlichternden Garten befinden, richtet sich im zweiten Teil ein rationaler, analysierender Blick auf das Geschehen. Als ob wir den ‚Irr-Garten‘ nochmals unter dem Mikroskop im Labor betrachten wurden.

Wie ändert sich das Prinzip des Labyrinths unter der Lupe? Behält es seine Struktur oder kommt etwas ganz Neues zum Vorschein?


‚Sweet Shadow‘ ist die klinische Seite des Irrgartens. Das komplizierte Geflecht aus Beziehungen, Hindernissen, unterschiedlichen Perspektiven und Richtungswechseln macht einem leeren, entpersönlichten und zeitlosen Raum Platz. Die Tänzerinnen und Tänzer verkörpern keine Rollen oder individuelle Figuren, sondern wirken uniform und ununterscheidbar. In unserer Zeit ist vielen Leuten ihr eigener Schatten der liebste. Daraus leitet sich auch der Titel ‚Sweet Shadow‘ ab. Die Berührung oder Beschäftigung mit anderen Menschen wird als Belastung und Bedrohung empfunden.

Aber nicht alle Figuren sind zu einer Existenz unter der Glasglocke verdammt. In ‚Irr-Garten‘, dem ersten Teil des Abends, taucht auch eine Liebesgeschichte auf.
Ähnlich den wechselnden Perspektiven des Bühnenbilds ergeben sich für diese Handlung unterschiedliche Situationen von Nähe und Distanz, die sich wie ein feiner roter Faden durch die Choreografie ziehen. So kann man sich im Irrgarten der Liebe verlieren, um sich als Paar wieder zu finden.

In einer der letzten Proben zum Stück ‚Irr-Garten‘ sagten Sie, dass Tanz auch eine Zielvermeidung sei. Wie ist das zu verstehen?


Solange sich der Mensch in Bewegung befindet, Körper und Geist ein Interesse haben, vorwärts zu denken, ein Ziel zu suchen und unterwegs zu sein, solange empfindet er Lust an seiner Existenz. Es tut uns deshalb manchmal ganz gut, die Orientierung zu verlieren. Das Spannende ist es doch, sich zu überlegen, welche anderen Wege und Möglichkeiten es gibt.

 Der direkte Weg ist längstens nicht der interessanteste. Darauf baut die ganze Spannung eines theatralen Ereignisses auf. Im Theater lösen wir uns von unserer Gebundenheit an den Alltag und richten die Aufmerksamkeit auf das Bühnengeschehen oder lassen uns von unseren eigenen Gedanken und Emotionen treiben. Aus einem Irrweg wird ein Erkenntnisprozess.

Das Gespräch führte Serge Honegger.

Uraufführung

Musik von Ernst August Klötzke und Gavin Bryars

Im ersten Stück, der Uraufführung ‚Irr-Garten‘, ist schon im Titel angedeutet, um welches Wegsystem es sich handelt. Im Gegensatz zum Labyrinth, in dem es nur einen einzigen richtigen Weg gibt, das Ziel oder den Ausgang zu erreichen, besteht ein Irrgarten aus zahlreichen Pfaden, Sackgassen und Abzweigungen, die in die Irre führen. Auf dem Weg erscheinen Figuren, die ein ambivalentes Spiel mit Täuschungen und falschen Fährten betreiben. Die Begegnungen und die verschiedenartigen Situationen bieten den Suchenden die Möglichkeit, sich zu hinterfragen und im Spiel das Leben zu erproben.

Sweet Shadow

Uraufführung

Musik von Leszek Mozdzer

In ‚Sweet Shadow‘ erscheint ein rotes Kleid als Hülle einer nicht vorhandenen Person. Die Leidenschaft, welche die Tänzerinnen und Tänzer im zweiten Teil des Ballettabends abgelegt zu haben scheinen, findet sich immer noch strahlend und funkelnd in diesem Kleidungsstück. Im Wechsel von Schatten und Licht thematisiert die Choreografie die mitunter fatale Anziehungskraft des Ich-Bezugs. Anders als in ‚Irr-Garten‘ erscheinen die Tanzenden in ihrer uniformen Art unberührt von anderen Zeiten, Geschichten und Mitmenschen. Sie tanzen, wenn nicht gänzlich für sich alleine, mit ihrem Schatten.

Carmencita

Musik von George Bizet, Giacomo Puccini, Giuseppe Verdi, Bernd Alois Zimmermann u.a.

Der letzte Teil ‚Carmencita‘ gewährt einer Schar von personifizierten Opernarien einen denkwürdigen Auftritt in einer etwas muffigen Ecke des Labyrinths. Auch hier erinnert die Farbe Rot sowohl an Leidenschaft und Verführung, zum Beispiel in Bizets ‚Carmen‘, und bezieht sich auf Klischees in der Institution Theater. Den Figuren in ‚Carmencita‘ täte es gut, wenn sie die Orientierung für eine Weile verlieren würden, um aus ihren ausgetretenen Pfaden heraus zu gelangen. Sie sind sich selber überdrüssig geworden und verweigern sich einer Erneuerung. Dabei würde ihnen das Theater die Möglichkeit bieten, verschiedene Perspektiven, ungewohnte Bilder und neue Wege zu entdecken.

Ballettabend von Stephan Thoss

Premiere

Samstag, den 31.10.2009, 19.30 Uhr

Großes Haus

Choreografien und Kostüme

Bühne

Arne Walther

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