1934, Ashington, England: Wenn es nach Harry Wilson gegangen wäre, hätten seine Kollegen bei der Arbeiterfortbildung Betriebswirtschaft belegt. Aber weil sie sich zu spät gekümmert haben, war nur der Kunstlehrer Robert Lyon zu kriegen. Maulend treffen sich die abgearbeiteten Kohlekumpel also zum Kunstunterricht. Als ihnen Robert die simple Frage nach der Bedeutung eines Gemäldes nicht beantworten kann, sondern ihnen mit so schwammigen Geschichten ankommt, wie: „Ihr müsst ein Bild erfühlen“, haben die Männer die Schnauze voll: „Ein Gemälde erfühlen? Flach is es, Mann!“ Resigniert macht Robert den Vorschlag, dass sie selbst malen sollen, um zu verstehen, was ein Kunstwerk bedeuten kann.
Und siehe, zur nächsten Stunde bringen immerhin drei von ihnen einen Linolschnitt mit. Langsam beginnen diese einfachen Männer, sich über Kunst und ihre Bedeutung auszutauschen, entdecken den Spaß an der Malerei und feuern sich gegenseitig an, weiterzumachen, wenn mal einer nach elf Stunden im Kohleschacht zu müde ist.
KUNST STATT KOHLE beantwortet alles, was Sie schon immer über Kunst wissen wollten aber bisher nicht zu fragen wagten. Anhand der wahren Geschichte der „Ashington Group“, wie sich die malenden Kohlearbeiter nannten, erzählt Lee Hall mit großer Wärme und britischem Humor von einer gelebten Utopie.
Regie:Jan Steinbach
Bühne & Kostüme:Frank Albert
Musikalische Leitung:Erich A. Radke
Dramaturgie:Annabelle Schäll
Regieassistenz: Athena Juhrs
Souffleuse: Vera Ducci
mit:Christoph Sommer (George Brown) / Fabian Döring (Oliver Kilbourn) / Fabian Monasterios (Jimmy Floyd) / Cino Djavid (Der Junge) / Gernot Schmidt (Harry Wilson) / Sebastian Moske (Robert Lyon) / Lisenka Kirkcaldy (Susan Parks) / Melanie Haupt (Helen Sutherland) / Christian Simon (Ben Nicholson)
Weitere Termine im Stadttheater Wilhelmshaven:
Sa., 08.12.2010 / 20.00 Uhr
Weitere Termine im Spielgebiet:
Do., 2.12.2010 / 20.00 Uhr / Realschule Norden
Fr., 3.12.2010 / 19.30 Uhr / Kurtheater Norderney
Do., 9.12.2010 / 20.00 Uhr / Neues Theater Emden
Fr., 10.12.2010 / 20.00 Uhr / Theater am Dannhalm Jever
Di., 14.12.2010 / 19.30 Uhr / Stadthalle "Friedeburg" Nordenham
Do., 16.12.2010 / 20.00 Uhr / Aula Brandenburger Str. Wittmund
Fr., 17.12.2010 / 19.30 Uhr / Theater auf der Werft Papenburg
Pressestimmen:
"Ausnahmslos künstlerische Meisterleistungen - Landesbühne landet mit Deutscher Erstaufführung von Lee Halls KUNST STATT KOHLE Volltreffer (...)
Über eine Stunde lang dürfen am Sonnabend die Zuschauer der Deutschen Erstaufführung von Lee Halls KUNST STATT KOHLE im Wilhelmshavener Stadttheater rätseln, ob aus einfachen Bergleuten tatsächlich Maler, also Künstler werden können. Nach der Pause kann jeder im Publikum selbst entscheiden.
Mit einem Kunstkniff schafft es Jan Steinbach, in seiner leicht ironischen und pfiffig choreographierten Inszenierung des taufrischen Stückes (Uraufführung 2008, National Theatre London), die Spannung zu steigern. Geschickt bezieht er das Imaginationsvermögen des Publikums mit ein, wenn er den linientreuen Gewerkschaftsführer Georg Brown (herzerfrischend polternd: Christoph Sommer) und seine Mitstreiter aus der später so genannten Ashington-Group mit Laienblick Meisterwerke von Turner, Blake, Raffael und Moore diskutieren oder ihre ersten eigenen Arbeiten vorstellen lässt.
Das Publikum bekommt nämlich die Bilder, worüber sich die an einem Mal-Fortbildungskurs beteiligten Bergarbeiter-Schauspieler in dieser Komödie streiten, entweder gar nicht oder nur von der Rückseite zu Gesicht. Nach der Pause dann der Aha-Effekt: die Enthüllung der (tollen) vom Malersaal der Landesbühne angefertigten Kopien jener Originale, die die von 1934 bis 1984 existierende Ashington-Group berühmt gemacht haben.
Der – aus der Sicht des Publikums – abstrakten Diskussion um Kunst folgte nun die konkrete Auseinandersetzung und die Erkenntnis, dass jeder seinen eigenen, manchmal von Eigennutz geleiteten Blickwinkel hat. Die Kunst ist eben ambivalent bis hin zum Paradoxon, dass man sie vom Sockel stoßen kann ohne sie zu zerstören.
Doch die Diskussion um Kunst mit all ihrer Komik im Spannungsfeld zwischen Kunstbanausentum und Expertengefasel ist nur das Medium, in dem sich das zentrale Thema des Stückes abspielt. Steinbach schafft es im hellblau-gefliesten und äußerst variablen Bühnenbild von Frank Albert, den gruppendynamischen Prozess und die einzelnen Charaktere mit psychologischem Feingespür in den Vordergrund zu stellen.
Ihm gelingt mit ausnahmslos sehr guten Schauspielern und dezenter Symbolik, die bedrückende Realität eines Bergmannes ebenso spürbar werden zu lassen wie die Veränderungen, die die Auseinandersetzung mit dem Medium Kunst bewirken.
So strotzt der Gewerkschaftsideologe Georg, anfangs gegen jeden Verkauf eigener Gemälde, Jahre später vor Selbstbewusstsein; ihm kann der Verkauf eigener Werke plötzlich nicht schnell genug gehen; und Harry (hervorragend gespielt von Gernot Schmidt), als Salonkommunist mehr an Wirtschaft als an Kunst interessiert, hält schließlich das „Wort zum Sonntag“ – ein glühendes Plädoyer über den ganzheitlichen Ansatz von Kunst.
Die vielen Facetten, die der Kunstmarkt noch zu bieten hat, geben weiteren Schauspielern die Möglichkeit, sich auszuzeichnen: Sebastian Moske mit differenzierter Gestik als Kunstlehrer Robert Lyon; Melanie Haupt als exaltierte Kunstmäzenin Helen Sutherland; Fabian Döring als verhinderter Stipendiat Oliver Kilbourn; Fabian Monasterios als talentierter Maler Jimmy Floyd und Cino Djavid als Kriegsfreiwilliger mit tragischem Ende. Christian Simon findet für den Künstler Ben Nicholson genre-typische Posen und Lisenka Kirkcaldy als Nacktmodell die nötige Zurückhaltung. Das Publikum war aus dem Häuschen."
(Wilhelmshavener Zeitung, 22. November 2010)
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