„Du lügst“ entgegnet eine Figur Godards einer anderen, die gerade gesagt hat: „Ich sehe...“ – „Sag, was du wirklich siehst“, fordert sie. Ein Jahr vor den Unruhen von ’68 stellt Godard in Die Chinesin seinem gewohnten Außenseiterpersonal – Kriminelle, Intellektuelle, Prostituierte, brutal hohle Archetypen der Moderne – ein Kunst-Polit-Kollektiv entgegen, das Mao auf seine Fahnen geschrieben hat. Aufbruchsfrohe idealistische Studenten revolutionieren ihr Leben, durchpflügen politische Ideologien und erforschen ihre Beziehungen.
Die Beschreibung erfolgt mit Liebe und ethnografischer Präzision, bis zur Planung und Durchführung eines surrealistisch wirkenden, aber realen Attentats. Irgendwann steht die böse Frage im Raum, ob der Diskurs des Marxismus-Leninismus für die Gruppe nicht dasselbe sei wie das Blöken der Schafe für die Kinder eines ägyptischen Sprach-Experiments: zufällig die einzigen Laute, die sie jemals gehört hatten. Die Gruppe zerfällt in die Erzählungen Einzelner, bald tauchen die Figuren wieder ein in den Alltag und die Härte der Großstadt. An diesem Punkt verknüpft sich Die Chinesin mit anderen Werken Godards.
Godards Kino ist ein Aufbruch in die Realität; nicht nur in die urbane Wirklichkeit der Metropole Paris, auch in die erschreckende und berauschende Realität der eigenen Wahrnehmung. „Das Kino ist die Wahrheit 24-mal in der Sekunde“ ist sein zurecht bekanntestes Zitat. Der Aufbruch ist zugleich ein Abschied von der Wirklichkeit wie man sie kannte. Godard zeigt uns die Welt zerlegt und zerlegbar; ihre Einheit als Täuschung. Seine Filme bilden die Welt nicht ab, sondern setzen sie neu zusammen. Ihre Elemente sind sinnlich: Farbe, Text, Musik, Bewegung, Landschaft, Stadt, Innenraum... Er führt vor, dass Kino aus Bild UND Ton besteht, wie Heiner Müller lapidar festgestellt hat. Politisch hat er die Ordnung der Dinge in klare Worte gefasst: „Wenn man Geld scheißen könnte, hätten die Armen kein Arschloch.“
Der Regisseur Dimiter Gotscheff und der Maler und Bühnenbildner Mark Lammert machen in einer Art Übermalung der Godardschen Vorlage solche Verbindungen der Geschichten, Figuren und Formen sichtbar. In der Gegensetzung der idealistischen Mao-Zelle mit den amoralischen Ego-Körpern der Großstadt wird die Spannbreite moderner Subjektivität greifbar. Kollektiv und Einzelner gehen auseinander hervor wie Chor und Protagonist im antiken Theater, mit dem sich Gotscheff und Lammert in vielbeachteten Arbeiten auseinandergesetzt haben.
Mit: Sebastian Blomberg, Frank Büttner, Bernd Grawert, Max Hopp, Barbara Prpic, Anne Ratte-Polle und Marie-Lou Sellem
Regie: Dimiter Gotscheff
Bühnenraum und Kostüme: Mark Lammert
Licht: Torsten König
Dramaturgie: Ralf Fiedler
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