Das Theater in der Mainzer Neustadt ist bis zum letzten Platz ausverkauft. Die Grenzen der Kunst, ein Reizthema, das die Geister schon nach den ersten Minuten scheidet.
Im Salon treffen Welten aufeinander. Konservatismus bei Michael Vaccaro, Intendant der Opera Classica Europa und das radikale Ausleben künstlerischer Freiheit bei Apunkt Apeiron. Die einzige Grenze der Kunst ist da, wo es um Mord geht, so sein Statement.
Im Foyer hängen einige seiner Werke, darunter ein Christus am Kreuz. Anstelle des Kopfes ragt ein ein männliches Geschlechtsteil in den Raum. Ein Dorn im Auge Vaccaros. „Ich fühle mich verletzt“, so der Intendant, der beseelt ist vom Streben nach dem Ideal eines platonischem Schönheitsbegriffes. „Sex hat in diesem Kontext nichts verloren.
Genauso wenig wie nackte Körper in der Oper“, so Vaccaro. Er inszeniert nach der klassischen Vorlage. „Künstler können und müssen Grenzen überschreiten, kontert Silvia Brünig, die Leiterin der Mainzer Agentur Kultur in Kontakt . Die ehemalige DDR Bürgerin weiß wie es sich anfühlt, wenn Freiheit zensiert wird.
Vorauseilender Gehorsam klingt bei Theatermacher Peter Schulz an. Schulz setzt die Grenzen der Kunst da, wo der Rezipient nicht mehr mitmacht. Wo die Schmerzgrenze sei, wisse er zu beurteilen.
Für die Kunst im Allgemeinen bedeute das, dass sie eben nicht grenzenlos sei, sie sei – wie ein Hund an einer langen Leine – zwar immer etwas freier als die Gesellschaft, in der sie entsteht und sich äußert, jedoch nicht frei von den Regeln und Gepflogenheiten dieser Gesellschaft.
Er hat Recht, leider hat er Recht. Der Leiter des Pad verneint meine Frage nach der Selbstzensur.
Im Mainstream zu schwimmen ist einfacher als gegen den Strom anzukämpfen. Entwicklung, Veränderung durch das Medium Kunst allerdings schließt sich so aus. Sicher, ein leeres Haus – wer will das und vor allem, wer kann sich das leisten?
Mir wird schnell klar, was ich zuvor schon wusste: Die Freiheit der Kunst in unserer reizüberfluteten digitalen Gesellschaft eine Utopie, Experimente ein unrentabler Luxus. Schlimmer noch: Der Wunsch danach ist schlicht nicht vorhanden.
Apunkt, der sensible Provokatuer sitzt ziemlich allein da, missverstanden. Aus dem Publikum kommt der Vorwurf, er betreibe Eigentherapie. Ob das dann noch Kunst sei? Er schweigt.
Apunkt rührt mich. Kunst ist immer auch das Verarbeiten des individuell Wahrgenommenen, was sonst kann sie ausdrücken, zeigen, als die eigene Wahrnehmung von Realität. Was Apunkt wahrnimmt ist da, sichtbar für jeden, der hinschaut. Nur will das eben keiner.
Seine Werke zeigen plakativ den Zustand unserer Gesellschaft, das Unschöne, das Hässliche, die Bigotterie einer nicht erst seit den Missbrauchsskandalen fragwürdig gewordenen Kirche, die Gewalt und die Gier einer Gesellschaft in der sich die Lähmung ausbreitet wie eine Volkskrankheit.
Er hält ihr den Spiegel vor und der ist mehr als unschön. Was sich darin spiegelt ist auch hässlich. „Wie meine Kunst“, sagt Apunkt. „ Das Schöne, das Gute ist auch da, aber das muss ich nicht malen“.
Spiegel, die das Unschöne zeigen werden gern zerschlagen. Ich hoffe, dass er durchhält und sich nicht verbiegen lässt, wie es die Kunstschüler der Akademien haufenweise tun. Die politische Kunst ist tot, und das schon seit den 70igern.
Das Gefällige ist gewollt, Mainstream ist angesagt, der verkauft sich besser, die Leine eben. Hunde, die beißen sind bedrohlich.
Nie war der Künstler so angepasst wie heute, mit einigen Ausnahmen. Nitsch, zum Beispiel, Louise Bourgoise, Schlingensief, Meese oder Isa Genzken – gut, dass es sie auch noch gibt.
In der Provinz allerdings suche ich nahezu vergebens nach öffentlicher künstlerischer Grenzüberschreitung.
Was mich allerdings wundert ist, dass nackte Menschen auf der Bühne und angetastete religiöse Symbole noch Aufreger sind. Gucken die alle kein Fernsehen? Da wird alltäglich gevögelt, gemordet und die Kirche in der Luft zerfetzt. Und alle gucken hin und keiner fühlt sich in der Seele verletzt.
Im Bild, auf der Bühne ist das was anderes. Warum eigentlich? Weil das dann auf einmal so nah ist, nicht hinter der schützenden Mattscheibe, weil das so nah ist, dass es im Zweifel berührt?
Wer will schon berührt werden? Dann könnte sich ja was verändern, in der Seele vielleicht und dann müsste man vielleicht mal nachdenken über die Misstände um uns herum und handeln. Vielleicht - und dann könnte sich ja was verändern – aber wer will das schon?
Grenzen überschreiten, Freiheit leben?
Schon 1560 stellte der französische Philosoph Étienne de la Boétie in seinem Werk über die freiwillige Knechtschaft des Menschen die Frage:
„Wie kommt es zur Macht über euch, wenn nicht durch euch selbst?“
Angelika Wende
angelikawende@aol.com

