Gesellschaft Freunde der Künste

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Sa, 26. Nov., 19 Uhr, Darmstadt, Böllenfalltorhalle

Konzert: Schräges Vergnügen auf dem neuen Festival für Moderne Musik, das großartige Klangabenteuer und unvergessliche Konzerterlebniss

cresc... (sprich: kresch) – so heißt das neue Festival für Moderne Musik, das großartige Klangabenteuer und unvergessliche Konzerterlebnisse verspricht. Da kann es einem sogar passieren, dass man plötzlich neben dem Tubisten sitzt.

Dort das Orchester, hier das Publikum, so würde sich das für ein „ordentliches“ Konzert gehören. Aber hier ist nichts so, wie es sein sollte. Der griechische Komponist Xenakis verteilt achtundachtzig Orchestermusiker im Saal, setzt sie und das Publikum im Kreis, mischt alle wild durcheinander und stellt den Dirigenten in die Mitte.

„Huch, neben mir sitzt die Tuba" oder die Violine oder die Klarinette, müssen da Konzertbesucher überrascht feststellen. Und die Klänge wandern durch den Raum wie bei einer Laola-Welle.

Bei „cresc – Biennale für Moderne Musik“ ist das selten aufgeführte Werk „Terretektorh“ von 1966 live zu erleben. Drei Tage lang werden viele Uraufführungen zu hören sein. Außerdem erklingen herausragende Werke des 20. Jahrhunderts, in dem in der E-Musik einfach alles auf den Kopf gestellt wurde, nicht nur die Sitzordnung. Oft zur großen Empörung der Hörer – und der Musiker.

„Wir spielen oder wir werden entlassen" hatten aufgebrachte Musiker bei der Uraufführung von „Fresko“ von Karlheinz Stockhausen auf ein Schild geschrieben. Einige hatten sich bei der Gewerkschaft erkundigt, ob sie denn tatsächlich verpflichtet seien, da mitzuspielen.

Vier Orchestergruppen sollten gleichzeitig in unterschiedlichen Räumen spielen, ein Stück voller „unsinniger“ Spielanweisungen. Es kam zum Eklat, die Uraufführung endete nach zweieinhalb Stunden frühzeitig – und wurde nie wiederholt.

Das war 1969. Das Stockhausen-Werk, das bei „cresc" zu hören sein wird, heißt „Gruppen für 3 Orchester". Auch dieses Stück sprengt die Dimensionen des Konzertsaals, gruppiert die Musiker um das Publikum herum. Aber rund fünfzig Jahre nach seiner Entstehung ist ein Skandal nicht mehr zu erwarten.

Dazu trägt gewiss bei, dass das Stück nur etwas mehr als 20 Minuten lang ist. Es liegt aber bestimmt auch daran, dass Musiker und Hörer inzwischen einiges gewöhnt sind.

Die Zeit der Skandale ist vorbei

Jeder Bruch mit Gewohnheiten ist erst einmal eine Zumutung. Das gilt für Hörgewohnheiten um so mehr, denn Musik spricht emotional an, ruft körperliche Reaktionen hervor – positive oder negative. Ist dem einen Techno-Musik ein Gräuel, schaltet der andere bei Mozart ab.

Klingt in europäischen Ohren die Dur-Moll-Tonalität harmonisch, versteht der Inder nicht, warum wir seine klassischen Ragas schräg finden. Was dem einen Musik ist, ist dem anderen Lärm. Aber dann kann es passieren, dass man etwas ein paar Mal hört und es plötzlich schön findet. Oder man kann Jazz nicht ausstehen – und dann ist da doch ein Stück, das einen berührt.

Der Mensch, sagt die Hirnforschung, wünscht sich Situationen, die vorhersehbar sind, so dass er sich sicher fühlen kann. Aber er möchte, um sich nicht zu langweilen, dann doch in Maßen überrascht werden.

Hundert Jahre nachdem Schönberg seine ersten atonalen Stücke komponiert hat, rechnet heute bei einem Konzert mit zeitgenössischer Musik niemand mehr mit tonalen Harmonien im Viervierteltakt. Die Zeit der großen Skandale ist vorbei.

Man weiß, ja, rechnet damit, dass diese Konzerte anders, die Klänge ungewohnt sind. Was nicht vorbei ist: Zeitgenössische Kunst kann einem nach wie vor etwas über sich selbst zeigen oder über die Zeit, in der man lebt.

Die besten Voraussetzungen also, auf Entdeckungstour zu gehen und sich mit „schrägen“ Klängen zu vergnügen, von ungewohnten Tönen mitreißen zu lassen oder einem Tubisten aus nächster Nähe zuzuschauen. [sare]

„Gruppen³“, mit Werken von Xenakis und Stockhausen sowie einer Uraufführung, Sa, 26. Nov., 19 Uhr, Darmstadt, Böllenfalltorhalle,

Einzelticket: 20 Euro

cresc... Biennale für Moderne Musik

Beim neuen Festival „cresc... Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein Main“ präsentieren das Ensemble Modern, das hr-Sinfonieorchester, die hr-Bigband und das IEMA-Ensemble sowie hochkarätige Gastensembles Musik der Gegenwart.

Die erste Ausgabe der Biennale widmet sich dem Thema „Musik und Raum“. In acht Konzerten in Frankfurt und Darmstadt sind Schlüsselwerke des 20. und 21. Jahrhundert sowie Uraufführungen jüngerer Komponisten zu erleben. Konzerteinführungen gibt es jeweils 45 Minuten vor Beginn. .„cresc“ ist die Kurzform für italienisch „crescendo“, was als musikalische Spielanweisung „lauter werdend“ bedeutet.

„cresc...“, Eröffnungskonzert am Fr, 25. Nov, 19 Uhr, im hr-Sendesaal, Frankfurt. Festivalpass für acht Konzerte 75 Euro, 3er-Abo 33 Euro, Einzeltickets zwischen 15 und 20 Euro, Ermäßigung halber Preis, Karten beim hr-Ticketcenter, Tel. 069/155 2000, ausführliche Informationen: www.cresc-biennale.de

Redaktion: sare
Bild: © hr