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Im Anfang steckt schon das Ende, die ganze Katastrophe

KÖNIG LEAR WILLIAM SHAKESPEARE am 26.9.2010 in Köln

Im Anfang steckt schon das Ende, die ganze Katastrophe: Der alte König Lear will vor der Zeit abdanken, Macht, Besitz und die Sorge um den Staat ablegen und sein Reich unter seinen drei Töchtern zu gleichen Teilen aufteilen. Er stellt die Liebe seiner Töchter auf die Probe und fragt, welche ihn am meisten liebe. Goneril und Regan beteuern pflichtgemäß ihre Liebe und bekommen ihre Teile, Cordelia, die jüngste, von ihm am meisten geliebte Tochter verweigert sich dem rhetorischen Wettbewerb und antwortet auf die Frage, was sie sage: „Nichts.“ Mit diesem „Nichts“ nimmt die Tragödie als ein groteskes philosophisches Narrenspiel ihren Lauf: Lear enterbt und verstößt Cordelia, er selbst wird von Goneril und Regan in die Wüste geschickt und zum Outcast degradiert. Dieses „Nichts“ ist das Fanal zum Crash einer Weltordnung, Gesetz und Moral, Logik und Vernunft implodieren, Gewalt, Chaos, Wahnsinn und Zerfall treten an ihre Stelle. Und keine rettende Utopie erhellt die apokalyptische Dunkelheit. Am Ende sind alle tot.

Bei Shakespeare wurden die weiblichen Figuren von männlichen Darstellern vorgeführt. Wir bleiben in der Tradition dieses Rollenspiels – mit umgekehrtem Vorzeichen: Frauen spielen Männer und Frauen und eröffnen neue Perspektiven auf König Lear, dieses vierhundert Jahre junge Stück, in dem auch immer die Frage nach Wahrheit oder Täuschung, nach dem Kern der eigenen Identität gestellt wird.

Pressestimmen:

„Das Eröffnungsbild kreiert die Stille des Anfangs. Paradiesischen Zustand. Eine Unschuldvermutung. Dann wird es Licht. Das Drama beginnt – und der Zerfall setzt ein (…) Was mit großer Geste beginnt, kann nicht klein enden. Karin Beiers „König Lear“ zur Eröffnung der Spielzeit am Kölner Schauspielhaus hat den Mut, die Konsequenz und den Willen zum Weltdeutungsdrama, das hier ein Weltendedrama meint, in dem das, was ist, nur eine Silbe, eine Sekunde, einen Licht-, Kleider und Stimmwechsel getrennt ist vom Nichts. Den Zwischenraum – mit der Ver-Nichtung von Ordnung – füllen 140 pausenlose Minuten schmerzhaft intensiv, unfeierlich, unerbittlich, radikal. Bis auf die Knochen frei gelegt, lässt die Inszenierung keine Gefallsucht, strapazierte Aktualitätsfloskeln und entleerte Dekonstruktionsformeln zu. Nach diesem Abend weiß man wieder, warum überhaupt man ins Theater geht.“
(Andreas Wilink, Nachtkritik)

„Warum nur Frauen? (…) Die Frage hat sich nach wenigen Minuten im Kölner Schauspielhaus sowieso erledigt. Es geht zumindest mit diesen Frauen ebenso gut, wie mit Männern oder rollengemäßen Geschlechtszuordnungen. Ach nein, es geht noch besser. Hier lenkt kein Geschlechterkampf ab vom Konflikt der Generationen und von der Schlacht, die jeder Einzelne mit seinem herannahenden Tod ausficht.“
(Christian Bos, Kölner Stadtanzeiger)

„Am Schauspiel Köln geht Karin Beier einen Schritt weiter. Shakespeares Tragödie hat sie durchweg mit Frauen besetzt, die, nur sechs insgesamt, elf Rollen übernehmen. Die Frage des Geschlechts tritt dabei hinter der tödlichen Logik der Gewalt zurück und erscheint ähnlich äußerlich wie Kostüm und Rolle. Dass es Frauen sind, die so viel Grausamkeit zulassen und ihr ausgesetzt werden, lässt diese fast noch verletzlicher, qualvoller, brutaler erscheinen. Sinnlos zeiht die Gewalt ihre blutige Bahn.“
(Andreas Rossmann, FAZ)

„Karin Beier, die Intendantin des Kölner Schauspiels, gilt als ausgewiesene Shakespeare-Expertin und widmet sich nun zum Saisonauftakt erstmals dessen Spätwerk „König Lear“. Es wurde ein beeindruckender Abend, disparat und verstörend, nervend und berührend (…) Nach diesen zweieinviertel Stunden verlässt man das Theater anders, als man es betreten hat.“
(Hans-Christoph Zimmermann, General-Anzeiger)

„Kühn und entschlossen treibt Beier Shakespeares Tragödie in die Groteske – die schärfste Form der Zuspitzung, denn die Groteske verweigert jedes Mitgefühl. Das Tragische tritt nackt zu Tage in seiner hässlichen Sinnlosigkeit. So gnadenlos hat man die Vernichtung eines Herrschergeschlechts noch nicht gesehen.“
(Dorothee Krings, Rheinische Post)

„Schwer und düster, mörderisch und feucht, geriet Karin Beiers Inszenierung von Shakespeares „König Lear“ am 26. September im Kölner Schauspielhaus zu einer Hommage an den vor wenigen Monaten verstorbenen Regisseur-Kollegen Jürgen Gosch.“
(Andreas Rehnholt, www.musenblätter.de)

“Man hört das hysterische Weinen eines (einer) kummervollen Alten, spürt Zorn, Frust, aber ohne Selbstmitleid. Dann im Wahn, die Nüsse mit entblöster Brust, albern, ein Rumpelstilzchen. Schließlich zittrig inmitten der rohen Welt, erschrocken, kindlich, bemitleidenswert. Altersdement kehrt Lear in die Embryohaltung zurück.“
(Vasco Boenisch, Süddeutsche Zeitung)

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