128 Veranstaltungen stehen beim „Heidelberger Frühling“ vom 25. März bis zum 29. April 2017 auf dem Programm. Baden-Württembergs größtes Klassikfestival steht in seiner 21. Saison unter dem Leitgedanken „In der Fremde“. Es ist der erste Teil einer Trilogie, die sich in den Jahren 2017 bis 2019 mit Kerngedanken der Aufklärung auseinandersetzen wird.
Ein zentraler Aspekt aufklärerischen Denkens ist der Kampf gegen Vorurteile und für (auch religiöse) Toleranz. Diesen Aspekt stellt das Musikfestival 2017 in den Vordergrund, indem es die Frage danach stellt, wie wir mit dem Fremden umgehen und dem Anderen begegnen.
Klassikfestival Heidelberg Frühling
Mehrere Projekte des „Heidelberger Frühling“ nähern sich dem Leitgedanken mit künstlerischen Mitteln. So hat der Pianist Burkhard Kehring unter dem Titel „STATIONEN“ für Heidelberg einen „Divan of Song“ entwickelt: Sieben geographische Stationen vom Fernen Osten bis zum Nahen Osten, an denen deutsche Lieder auf Lieder aus Japan, China, Iran, Israel und Palästina, Arabien und Indien treffen; sieben Stationen, an denen von morgens um neun bis abends um neun die weltweite Zukunft des Liedes erprobt wird; sieben Stationen, an denen junge Sängerinnen aus sieben Ländern in acht Sprachen singen.
Konzert in Heidelberg
Ein Beitrag zum Leitgedanken und zum Reformationsjubiläum 2017 ist das illuminierte Wandelkonzert „Im Osten und im Westen“, das sich in der Heidelberger Heiliggeistkirche der Vielfalt christlicher Konfessionen widmet. Das britische Vokalensemble Voces8 singt bei diesem Gesamtkunstwerk aus Raum und Klang Gregorianischen Choral, evangelische Motetten, anglikanische Hymnen und orthodoxe Gesänge. Verbunden werden die Werke durch Interludien von Thierry Tidrow, der 2016 Kompositionsstipendiat der Heidelberger Festival Akademie war und inzwischen (u.a. mit einem Kompositionsauftrag der Deutschen Oper Berlin) weithin Beachtung findet.
Gemeinsam mit dem Pera Ensemble hat das Festival einen musikalisch-kulinarischen Abend unter dem Titel „Jerusalem“ konzipiert, bei dem die hebräische Sängerin Michal Elia Kamal, der türkische Sänger Ibrahim Suat Erbay (Jerusalem stand 400 Jahre unter osmanischer Herrschaft) sowie Instrumentalisten aus Spanien, Italien, Deutschland und der Türkei eine Hommage an diese multi-kulturelle Stadt darbieten. Und da Begegnung mit dem Fremden oft auch über den Magen funktioniert, klingt der Abend mit echter Jerusalemer Küche in der „Stadthalle late“ aus.
Beim Konzert „Liebe, Exil, Dialog“ arbeitet der „Heidelberger Frühling“ erstmals mit Bernard Foccroulle zusammen, dem Organisten und Intendanten des Festivals von Aix-en-Provence. Dort gilt sein leidenschaftliches Engagement dem kulturellen Austausch der Mittelmeerländer mit ihrer zugleich gemeinsamen und doch so unterschiedlichen Geschichte. 2016 führte dieses Engagement in Aix zu der Premiere der arabischen Oper „Kalîla wa Dimna“ aus der Feder des palästinensischen Komponisten Moneim Adwan. Als Oud-Virtuose kommt Adwan nun mit Foccroulle nach Heidelberg, um gemeinsam mit der Sopranistin Alice Foccroulle den musikalischen Dialog zwischen Islam, Judentum und Christentum zu suchen.
Kammermusikfest Heidelberg
Auch das 2016 eingeführte Kammermusikfest „Standpunkte“ erfährt eine Neukonzeption, die den Leitgedanken „In der Fremde“ aufgreift. In verschiedenen Formaten befassen sich die Konzerte mit Heimat und Fremde: indem Künstler von ihrer Kultur und deren Musik erzählen, indem Musik unterschiedlicher Kulturen sich begegnet und indem Expeditionen in ferne Länder unternommen werden, so etwa durch die aus vier Mittelmeerländern stammenden Musiker der Cairo Jazz Station. Neben Künstlern, die in mehreren Kulturen beheimatet sind, wie die Geigerin Lisa Batiashvili (Georgien/Deutschland), der Cellist Isang Enders (Korea/Deutschland), der Cembalist Mahan Esfahani (Iran/Großbritannien) und der Pianist Igor Levit (Deutschland/Russland) wirken unter anderem der deutsche Cellist Daniel Müller-Schott und der US-amerikanische Pianist und Komponist Uri Caine und der britische Tenor Ian Bostridge mit.
Zusätzlich zu einem Bezug zum Festivalleitgedanken warten die „Standpunkte“ mit einer weiteren Neuerung auf: Sie werden zu einem Kammermusikfest, das ab 2017 auch den Begriff der Kammermusik völlig neu definiert. Intimität und Intensität der Begegnung zwischen Musik, Musikern und Publikum sind die Kriterien; alles, was „in der Kammer“ gespielt werden kann, ist willkommen. Deshalb wird bei den „Standpunkten“ zukünftig die klassisch-romantische Kammermusik in Bezug gesetzt zu Alter und Neuer Musik sowie zu Jazz und Weltmusik.
Uri Caine tritt auch als Komponist erneut beim „Heidelberger Frühling“ in Erscheinung: Sein Liederzyklus über Texte aus „Des Knaben Wunderhorn“, ein Auftragswerk des Festivals, wird durch das SWR Symphonieorchester unter der Leitung von Kristjan Järvi uraufgeführt. Solistin des Abends ist Claudia Barainsky.
Internationales Liedzentrum
Mit der Gründung des Internationalen Liedzentrums, unter dessen Dach im Februar 2017 Thomas Quasthoffs internationaler Gesangswettbewerb »Das Lied« erstmals am Neckar stattfindet, hat der „Heidelberger Frühlung“ sein Profil als Advokat des Kunstliedes in der Liedstadt Heidelberg weiter geschärft. Eines der Preisträgerkonzerte findet beim Themenwochenende »Neuland.Lied« statt, das gespickt ist mit großen Stimmen wie Annette Dasch und Piotr Beczała und Rising Stars wie Benjamin Appl, der in Heidelberg seine neue CD präsentiert. Erstmals bietet „Neuland.Lied“ mit „s t i l l“ auch eine Bühnenproduktion, eine intensive Meditation über das Wesen der Zeit mit Liedern des 17. Jahrhunderts.
Das „Lied.Lab“ wird dank einer neuen Kooperation mit der Musikhochschule Mannheim von deren Studierenden konzipiert, eines wird eine Tanz/Jazz-Performance, das andere eine multimediale Aktion. Eine weitere Kooperation ist der „Frühling“ mit dem Palazzetto Bru Zane eingegangen, dem in Venedig ansässigen Kompetenzzentrum für die französische Musik des 19. Jahrhunderts: „Au pays où se fait la guerre“ ist ein französisches Programm über den Krieg mit der Mezzo-Sopranistin Isabelle Druet.
Darüber hinaus feiert bei „Neuland.Lied“ ein neues Melodramen-Programm von Thomas Quasthoff Premiere, ebenso das Format „Brotzeitkonzert“, bei dem die Band The Erlkings Schuberts Lieder dahin bringt, wo sie hingehören: ins pralle Leben. Eröffnet wird „Neuland.Lied“ mit Gustav Mahlers „Das Lied von der Erde“ mit Mezzosopranistin Michelle DeYoung und Tenor Toby Spence, zwei der weltweit führenden Interpreten dieses Werks, begleitet von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Leitung von Christian Reif. Den Bogen zum Leitgedanken „In der Fremde“ schlägt „Neuland.Lied“ schließlich mit der Zweitauflage des Mitmachprojekts „Heidelberg singt“, indem wieder von möglichst Vielen an möglichst vielen Stellen in der Stadt gesungen wird – dieses Mal im Austausch von Musikern mit hiesigen und auswärtigen Wurzeln.
Heidelberger Festival Akademie
Kreativer Freiraum und bereichsübergreifender Austausch sind die Kerncharakteristika der Heidelberg Festival Akademie. Das gilt für den Jahrgang 2017 umso mehr, denn erstmals verbringen die Stipendiaten aller Festival Akademien – Lied, Kammermusik, Komposition, Musikjournalismus – Zeit gemeinsam: in den Räumen des Internationalen Wissenschaftsforums Heidelberg, wo sie drei Tage lang wohnen, arbeiten und diskutieren. Aus der völligen Freiheit und dem Austausch der Disziplinen mag etwas Neues entstehen, eine Option auf die Zukunft. Hier kann frei gedacht und womöglich entwickelt werden.
Stipendium Heidelberger Frühling
Darüber hinaus bindet der „Heidelberger Frühling“ die Stipendiatinnen und Stipendiaten auf gewohnte Weise ins Festivalgeschehen ein: Die Akademien Lied und Kammermusik laden zu öffentlichen Meisterkursen und Workshops ein, Instrumentalisten wirken beim Kammermusikfest „Standpunkte“ mit, die zwei Komponistinnen und ein Komponist der Akademie verfassen Lieder für den „Divan of Song“, und die Akademie für Musikjournalismus begleitet den „Heidelberger Frühling“ durch kritische Beobachtung im tagesaktuellen Festivaljournal und einem eigenen Blog. Leiter der Festival Akademien sind erneut Thomas Hampson (Lied), Igor Levit (Kammermusik) und Eleonore Büning (Musikjournalismus), denen eine hochkarätige Riege von weiteren Mentoren zur Seite steht.
Branchentreff Heidelberg Music Conference
Die fünfte Ausgabe der Heidelberg Music Conference läutet ihre Weiterentwicklung ein hin zu einem Branchentreffpunkt, bei dem Schwerpunktthemen mit Experten gemeinsam entwickelt werden. Ein Ansatz, der aktuelle Fragen und Herausforderungen individuell fasst und eine Plattform zum Austausch bietet. Dabei werden jährlich wechselnde Kuratoren für die Erarbeitung des Themen-spektrums und die Zusammenstellung der Expertenrunden verantwortlich zeichnen. Den Auftakt macht 2017 Benedikt Stampa, Intendant des Konzerthauses Dortmund. Als Kooperationspartner begleitet erstmals Deutschlandradio Kultur die Heidelberg Music Conference.
Stammgast András Schiff
Neben Stammgästen wie dem Pianisten Sir András Schiff und dem Perkussionisten Martin Grubinger mit dem BBC Philharmonic sind auch zahlreiche bedeutende Künstler erstmals beim „Heidelberger Frühling“ zu hören. Dazu gehören unter anderem der Pianist Daniil Trivonov, der mit dem Mahler Cham-ber Orchestra beim Festivalfinale auftritt, der Geiger Nikolaj Znaider, der einen Duoabend mit dem Pianisten Piotr Anderszewski gibt und der Counter-tenor Valer Sabadus, der sein „Frühlingsdebüt“ gemeinsam mit der Cappella Gabetta gibt.
Förderer Heidelberger Frühling
Finanziert wird der „Heidelberger Frühling“ erneut durch eine ausgewogene Mischung aus Förderungen durch Privatpersonen und Unternehmen, Zuschüssen der Stadt Heidelberg und des Landes Baden-Württemberg und Einnahmen aus dem Kartenverkauf. Unter den Förderern sind zuvorderst der Freundeskreis Heidelberger Frühling e. V., der Haupt- und Gründungspartner HeidelbergCement sowie als weitere Hauptpartner der Finanz- und Vermögensberater MLP und das Biotechnologieunternehmen Octapharma zu nennen.
Neu als Förderer hinzugekommen sind der Dosiertechnikhersteller Prominent, der IT-Dienstleister SNP sowie das Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsunternehmen Falk & Co. Langjähriger privater Mäzen ist Dr. Manfred Lautenschläger mit seiner gleichnamigen Stiftung, hinzu kommen die dem „Heidelberger Frühling“ ebenfalls seit langem verbundene Klaus Tschira-Stiftung und die Athenaeum Stiftung sowie musikliebende Privatpersonen wie Dr. Renate Keysser-Götze und Dr. Dietrich Götze, Dr. Jobst Wellensiek, Dr. Manfred Lamy, die Familie Bruder, Drs. Karin und Peter Koepff, Dr. Manfred Fuchs, Dr. Johannes Schmidt-Tophoff und Dr. Andreas Dienerowitz.
Der Europäische Hof Heidelberg ist auch 2017 das Künstlerhotel des „Heidelberger Frühling“. Für das Jugendprojekt „Classic Scouts“ setzt sich bereits im neunten Jahr SAS Institute ein. Das Projekt „Heidelberg singt“ wird von der Epple Holding GmbH und die Festival Akademie wird von der Stiftung Heidelberger Frühling ermöglicht. Die Festival Akademie und das Streichquartettfest verdanken ihre Realisierung der Kooperation mit der Universität Heidelberg und der pädagogischen Hochschule Heidelberg. Eine begleitende Berichterstattung ist auch im kommenden Jahr durch die langjährigen Medienpartner Rhein-Neckar-Zeitung, SWR2 und Deutschlandradio Kultur gesichert.
Karten sind unter Tel. (06221) 584 00 44 und deutschlandweit an allen bekannten Vorverkaufskassen erhältlich, unter anderem bei allen Geschäftsstellen der Rhein-Neckar-Zeitung.
Internationales Musikfestival Heidelberger Frühling


Zum Heidelberger Frühling ist die Stadthalle immer restlos ausverkauft (c) copy studio visuell photography
Andras Schiff am Flügel (c) Roberto Masotti ECM Records