Ganz Tim Burtons Welt: Mit "Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives" ging die Goldene Palme 2010 nach Thailand - in Würdigung eines imaginativen, assoziativen Kunstkinos um Themen wie Animation und Wiedergeburt.
Apichatpong Weerasethakul, der die erste Palme d'Or für sein Heimatland holte, zeichnet auch als Produzent und Drehbuchautor verantwortlich. Es geht um Erinnerungen und Wiedergeburt - sei es als Wasserbüffel, Wels oder Prinzessin - aber auch um politische Bezüge zur Gegenwart, wenn der 1970 in Bangkok geborene Filmemacher mit Fotos von uniformierten Soldaten die politische Situation in seinem Land evoziert.
Onkel Boonmee, der an akutem Nierenversagen leidet, hat beschlossen, seine letzten Tage im Kreis seiner nächsten Angehörigen in einem Haus auf dem Land zu verbringen. Dort erscheint den verblüfften Anwesenden der Geist seiner verstorbenen Frau, um sich seiner anzunehmen. Auch sein vor langer Zeit verschollener Sohn taucht wieder auf, in der nicht menschlichen Gestalt eines freundlichen, komplett behaarten Affengeistes (Chewbacca lässt grüßen). Boonmee setzt sich mit den Ursachen seiner Krankheit auseinander und schließlich folgt die Familie dem Geist der Verstorbenen in den Dschungel zu einer mysteriösen Berghöhle, die Boonmee als Geburtsort seines ersten Lebens wiedererkennt.
Filmemachen funktioniert für Weerasethakul ähnlich wie eine Zeitmaschine, es kann verschiedene Schichten der Erinnerung miteinander und mit der Erfahrung der Zuschauer verbinden, vergangene Leben erstehen und die Grenzen zwischen Mensch, Tier und Pflanze verschwimmen lassen. Boonmees Erfahrungen, die auf den in einem Buch festgehaltenen Geschichten eines alten Mannes basieren, der während der Meditation seine früheren Leben an sich vorüberziehen sieht, stehen für eine vom Aussterben bedrohte Kultur, der Weerasethakul eine Stimme verleiht. Bewusst bezieht er die Imaginationskraft des Zuschauers in sein Rezeptionskalkül mit ein. Dabei gelingen ihm eindringliche Bilder exotischer Schönheit. Tiere, Pflanzen, Menschen bewegen sich in Dimensionen, in denen die Grenzen zwischen den Geschöpfen verfließen. So magisch ist diese mystische Dschungelwelt, dass die Rückkehr am Ende des Films in die Realität eines nüchternen, überhellen Hotelzimmers, in dem die Familie nach Boonmees Beerdigung zusammentrifft, geradezu schmerzhaft ist.
Die internationale, vom World Cinema Fund geförderte Koproduktion (von deutscher Seite The Match Factory und Geissendörfer Film- und Fernsehproduktion), der der Kurzfilm "A Letter to Uncle Boonmee" von 2009 vorausging, ist Teil des Primitive Project, eines Kunstprojekts, das Weerasethakul mit Teenagern in einem Dorf im Nordosten Thailands realisiert. Die Weerasethakul-Usuals Jenjira Pongpas und Sakda Kaewbuadee spielen neben Laiendarstellern wie dem Dachdecker Thanapat Saisaymar als Boonmee. Auch die Crew (Kamera, Schnitt, Postproduktion und Sounddesign) rekrutiert sich aus bewährten Apichatpong Mitstreitern, die für stimmig visuelle Umsetzung und lebendigen Dschungel-Sound sorgen. Für Joe, wie der Regisseur mit dem unaussprechlichen Namen der Einfachheit halber meist genannt wird, ist es bereits der dritte Cannes-Auftritt - jeder preisgekrönt: 2002 wurde "Blissfully Yours" in Un Certain Regard geehrt, 2004 gewann er den Jury-Preis für "Tropical Malady". Und 2010 die Krönung. Überraschend, aber verdient. boe.
Quelle: www.kino.de
(Loong Boonmee Raleuk Chaat)
Komödie - Spanien/Thailand/Deutschl. 2010
FSK: Ohne Altersbeschränkung - 113 Min. - Verleih: Movienet
Start: 30.09.2010
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