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Spurensuche in Indien

Kinostart 5.1.2012: "Der Atmende Gott - Reise zum Ursprung des modernen Yoga" von Opern- und Tanzfilm-Regisseur Jan Schmidt-Garre

Yoga bedeutet Konzentration bis an die Grenze des Möglichen.
Alamelu, im April 2010

Was ist Yoga - Ein urtümlicher Ritus? Indische Gymnastik? Eine Art Religion?
Was macht man da eigentlich, wenn man Yoga macht?
Und: wo kommt Yoga her, wie ist es entstanden?


„Der Atmende Gott“ zeigt erstmals die maßgeblichen Erfinder des modernen Yoga vor einer Kamera vereint: Historische Aufnahmen des
Urvaters Krishnamacharya, Interviews mit einem hochbetagten Pattabhi Jois (Meisterschüler Krishnamacharyas, der während der Dreharbeiten starb)
sowie die alles andere als gewöhnlichen Lehrstunden mit dem legendären Iyengar, der bereits Yehudi Menuhin die Lehre des Atmenden Gottes
beibringen durfte. Jan Schmidt-Garre, erzählender Regisseur, betreibt selbst Yoga. Seine Reise zum Ursprung des modernen Yoga ist zugleich eine
Lehrfahrt zu verschiedenen Meistern der indischen Disziplin. Sie vollendet sich nach fünf Jahren Drehzeit vor einem Mini-Tempel für Eingeweihte.
Hier zeigt man Schmidt-Garre, was zuvor vor den Augen des Westens verborgen gehalten wurde: das Götterbild Narasimhas, des atmenden Gottes.
Angeblich war der Körper des Luftwesens zu mehreren Millionen Asanas bereit.

Durch das Jogging haben Turnschuhe ihren Eingang in die weltweite Alltagsmode gefunden; durch Yoga wurden fernöstliche Denkweisen im Westen
salonfähig. Der Lifestylekonzern Nike kennt für seine Werbekampagnen des 21. Jahrhunderts nur noch zwei Archetypen des Großstädters: Joggende und
Yoginis. Männer gehen laufen, Frauen machen Yoga? Doch was ist das eigentlich, was geschieht, während man das macht? Was ist Yoga? Ein urtümlicher Ritus? Indische Gymnastik? Eine Art Religion – oder doch eher exotisches Variété, im Irgendwo angesiedelt zwischen Schlangenmenschen und gepflegter Hyperventilation?


Regisseur Jan Schmidt-Garre folgt, wie immer in seinen Filmen, seiner persönlichen Neugier und entdeckt, weil Wahrheit mit Wahrheit belohnt wird,
Überraschendes. Auf authentischem Filmmaterial gedreht, in klassisch kadrierte und ausgeleuchtete Bilder gesetzt und komplett in Indien und für die
Kinoleinwand produziert, öffnet sich der Blick auf ein ungewohntes, ungewöhnlich normales Indien, das jenseits bunter Holi-Feste und aschebestäubter Gurus eine ganz eigene Magie entfaltet. Schmidt-Garres Film ist eine Reise zu den Wurzeln des modernen Yoga, der noch im Indien des frühen zwanzigsten Jahrhunderts eine geringgeschätzte Form von Zirkus war: „Nur für Bescheuerte und Verklemmmte“, wie sich einer der Protagonisten bitter erinnert.


Was Schmidt-Garre findet, ist der Zauber einer Alltagspraxis, deren mythische Verklärung uns hierzulande oft den Blick auf das unerzählt Wesentliche
verstellt. „Der Atmende Gott“ ist dabei vor allem auch ein aufregendes Zeitdokument, das die maßgeblichen Erfinder des modernen Yoga vor einer Kamera vereint. Noch nie gezeigte historische Aufnahmen des Yoga-Urvaters Krishnamacharya, seines Schülers Pattabhi Jois, der während der Dreharbeiten starb, sowie des legendären Iyengar, der bereits Yehudi Menuhin die Lehren des Atmenden Gottes beibrachte.


Die Reise des Regisseurs, der selbst Yoga treibt und im Laufe des Films von den großen Alten unterrichtet wird, vollendet sich nach fünf Jahren Drehzeit
vor einem spärlich beleuchteten Tempel für Eingeweihte. Hier zeigt man Schmidt-Garre, was zuvor vor den Augen des Westens verborgen gehalten wurde: das Götterbild Narasimhas, des atmenden Gottes. Angeblich war der Körper des Luftwesens zu mehreren Millionen Asanas bereit.

 

„Man muss kein Hindu sein“ – Interview mit Regisseur Jan Schmidt-Garre

 

In ihrem filmischen Werk haben Sie sich bislang vor allem mit den
Darstellenden Künsten beschäftigt – Oper, Theater, Tanz. Warum jetzt
eine Dokumentation über den Ursprung des modernen Yoga?


Es gibt sicher einen Bezug zu meinen anderen Interessen, denn Yoga hat
auch diesen Theater-Aspekt. Mit den nachgestellten Demonstrationen der
Asanas, den nachgestellten öffentlichen Aufführungen vor der Familie des
Maharadschas beispielsweise, zeige ich diesen Aspekt auch in meinem
Film. Das ist eine Seite des Yoga, die bislang eher unbekannt war. Damals,
zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, wurde das aber als Werbemaßnahme
für Yoga sehr viel gemacht. Trotzdem war das nicht der Auslöser für
meinen Entschluss diesen Film zu machen. Der Auslöser war die persönliche
Erfahrung.


Sie wollten eigentlich nur Ihre Frau zur Yoga-Stunde begleiten –


Ja, und kam da hin, ohne mir davon ein Erlebnis zu erhoffen; war dann
aber eigentlich schon während der ersten Wochen an den Punkt gelangt,
an dem ich heute noch bin – also nicht von meinem Können her, da bin
ich fortgeschritten, aber was meine Erfahrung anbetrifft. Die war ganz früh
schon da.


Was war das für eine Erfahrung?


Ich spürte eine Verbindung von Geist und Körper auf eine Weise, wie ich
es davor nicht kannte. Diese Erfahrung ist unwiderstehlich. Und meiner
Ansicht nach läuft das vor allem über den Atem. Der Atem verbindet den
Geist mit dem Körper. Und es passiert eine Vergeistigung des Körpers und
eine Verfleischlichung des Geistes. Eine Inkarnation. Ich muss dazu sagen,
dass ich das Glück hatte, einen Lehrer zu haben, Patrick Broome, der mich so unterrichtete, dass ich das von Anfang an spüren konnte. Man kann
Yoga auch als reine Fitness-Routine betreiben. Dann bekommt man von
solchen Dimensionen nichts mit. Mich hätte das dann nicht weiter interessiert.


So aber wurde ein Filmprojekt gezeugt.


Ich begann zu recherchieren, ohne gleich an den Film zu denken. Mich
interessierte die Geschichte, ich wollte wissen, wo Yoga eigentlich herkommt.
Ich stieß auf die Figur Krishnamarchayas, von der fast alle, selbst
die verschiedenartigsten Schulen abstammen. Dass das niemand wusste,
überraschte mich. Als ich dann entdeckte, dass die wichtigsten Schüler
Krishnamarchayas am Leben waren und sogar mit ihren plus minus 90 Jahren
noch unterrichteten, wusste ich, dass ich diesen Film machen wollte,
und fing sehr schnell, auf eigenes Risiko, damit an.


Die Indienfahrt hat Tradition unter den Forschern und Künstlern des Westens
– war das bei Ihnen dann auch einfach mal fällig?


Ich wollte immer nach Indien – eigentlich sollte schon meine Hochzeitsreise
nach Indien führen. Ich hatte 1982 in New York indisches Essen
entdeckt, das gab es in Deutschland noch nicht, und dann die indischen
Filme, vor allem die Apu-Trilogie von Satyajit Ray. Die Faszination für Indien
hat nie nachgelassen.


Was genau fasziniert Sie?


Diese Welt, die mein Film zeigt: der Orient am Anfang des 20. Jahrhunderts.
Was mich dagegen nie interessiert hat, war das Indien-Bild der
sechziger und siebziger Jahre, das Indien der Beatles; das habe ich deswegen
auch nicht thematisiert im Film. Aber die frühe Indien-Begeisterung
um die Jahrhundertwende, Fakire, die auf Nagelbetten sitzen: das fand ich faszinierend! Und die war auf den Bildern, die ich von Krishnamarchaya
gesehen hatte, zu finden. Und das in Verbindung mit meinem spirituellen
Erlebnis des Yoga – das war explosiv.


Wie gestaltete sich die Recherche der historischen Bezüge – jenseits der
Interviews mit den Vätern des modernen Yoga, die im Film zu sehen sind?


Es gibt keine Dokumentation der physischen Praxis des Yoga von der Zeit
der Veden bis heute. Es gibt theoretische Bücher zur Yoga-Philosophie,
aber was die Leute praktisch gemacht haben, ist flüchtig.


Ist Yoga denn überhaupt übertragbar auf Menschen außerhalb Indiens?
Bringt das denen überhaupt etwas?


Ganz bestimmt. Denn Yoga ist keine Religion, das zeigt mein Film auch
ganz deutlich. Zwar gibt es eine enge Verbindung zum Hinduismus, aber
man muss kein Hindu sein, um Yoga machen zu können.


Im Film geben Sie dennoch zu, dass Sie sich vor den seligmachenden
Übungen für gewöhnlich zu drücken versuchen, wie ein Autor vor dem
Platznehmen am Schreibtisch.


Na ja, zunächst ist es ja bei jedem Mal wieder unangenehm. Die körperlich
anstrengenden Übungen tun ja auch weh.


Das geben selbst die Meister im Film zu: da wird von Muskelfaserrissen
erzählt; von den Ohrfeigen des Krishnamacharya, der Schellen verteilt
haben soll wie aus Gusseisen, von deren disziplinierender Wirkung sich
seine erwachsenen Schüler drei Tage lang erholen mussten.


Es kostet mich eine Mordsüberwindung, mich jeden Tag an die Übungen
zu machen. Trotzdem bin ich mittlerweile einigermaßen konsequent geworden Aber hinterher ist es schön! Mit dem richtigen Lehrer teilweise auch
zwischendurch.


Ach: Mit der Einheit von Körper und Geist ist die Erschöpfung gemeint!


Am stärksten ist das Erlebnis unmittelbar nach den Übungen. Dann kommt
ja die berühmte Totenstellung, und da findet man sich ganz und gar verschmolzen mit der Außenwelt. Dann reicht die Intelligenz bis in den kleinen
Zeh.


Was mir am interessantesten erscheint am Yoga: nachdem in den neunziger
Jahren den Maschinen von Technogym und PowerPlate noch einmal
ganz stark Hoffnung entgegengebracht wurde, handelt es sich hier nun
plötzlich um eine Aktivität, bei der überhaupt kein Zubehör mehr benötigt
wird.


Das ist wirklich faszinierend, dass Yoga ohne Aufwand möglich ist. Eine
Yogamatte ist zwei Meter lang, sechzig cm breit: darauf lässt sich alles
machen! Früher ging mir die Mystik der Yogamatte auf die Nerven, dieses
„Ich rolle meine Matte aus, und alles wird gut“. Aber inzwischen verstehe
ich das, es ist einfach wahr: Wenn man sich auf die Matte stellt, betritt man
eine Welt in der Welt, wo die erstaunlichsten Sachen möglich sind. Alles,
was wir in meinem Film sehen, alles, was überhaupt im Yoga gemacht wird,
ist auf so einer Matte möglich.


Das hätte Le Corbusier gut gefallen.


Genau: Die Matte ist einen Modulor lang, ein Drittel breit –


Die Deckenhöhe ist irrelevant, denn die Personen liegen hauptsächlich –
wahrscheinlich hätte er in jeder Wohnmaschine einen Yogasaal eingebaut!

JB


35 mm · 105 Minuten · ab 5. Januar 2012 im Kino

Deutschland 2011
Laufzeit: 104 Min.
FSK: o.A. (ohne Altersbeschränkung)

 

Regie: Jan Schmidt-Garre
Verleih: MFA (Filmagentinnen)

 

Vertrieb und Disposition Kino

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