Das Bolschoi-Ballett war dilettantisch, der Dirigent hatte Probleme mit seinem Taktstock, die Kostüme stimmten nicht, manche Nummern waren durch leichter zu tanzende Stücke anderer Komponisten ersetzt worden…. Mit anderen Worten: Die Uraufführung von Peter Iljitsch Tschaikowskys „Schwanensee“ am 20. Februar 1877 in Moskau war ein Fiasko.
Für sein Debüt als Ballettkomponist griff der damals 37jährige auf ein Libretto von Wladimir P. Begitschew und Wassili Geltzer zurück, das Motive verschiedenster Märchen und Legenden verwob. Im Lauf der Zeit entstanden indes weitere Versionen, die in den meisten Inszenierungen miteinander verschmolzen werden.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der junge Prinz Siegfried, der sich auf Geheiß seiner Mutter eine Braut erwählen soll. Bei der Jagd begegnet ihm die Schwanenkönigin, die ihm ihre wahre Identität enthüllt: Sie ist die Prinzessin Odette, die von dem Zauberer Rotbart verwandelt wurde und nur durch den Schwur ewiger Liebe erlöst werden kann. Überwältigt gesteht ihr der Prinz seine Gefühle, wird dabei aber von dem bösen Magier belauscht. Als Siegfried sich bei einem Festball am nächsten Tag mit Prinzessin Odette verloben will, erscheint Rotbart mit Odile, Odettes böser Doppelgängerin. Der betörte
Prinz hält fälschlicherweise um ihre Hand an, und erst als der weiße Geist seiner wahren Geliebten erscheint, erkennt er den Betrug. Am Schwanensee bittet er Odette um Verzeihung, und sie vergibt ihm. Obwohl sich beide ihre Liebe wieder gestehen, ist eine Erlösung nicht mehr möglich.
Der weitere Ausgang der Geschichte variiert je nach Inszenierung. In der Regel ertränkt Rotbart Siegfried mit einer Welle, während Odette und ihre Mädchen, wieder in Schwäne verwandelt, davonziehen. In manchen Versionen stürzt sich die Schwanenkönigin in die Fluten, um den Angebeteten zu retten. Die weiteren Spielarten reichen vom Tod der beiden bis zum Happy End.
Schuld am damaligen Premierenflop trug die Theaterdirektion, die das Werk bei dem bereits als Opernkomponisten etablierten Tschaikowsky in Auftrag gegeben hatte. Doch für die Uraufführung hatte sie nicht genügend Vorbereitungszeit eingeplant; ebenso wenig sorgte man für die richtige Ausstattung und die optimale Abstimmung zwischen Tänzern und Orchester.
Bei den folgenden Inszenierungen stieß „Schwanensee“ zwar auf etwas bessere Resonanz, aber von einem Erfolg konnte keine Rede sein. Und Tschaikowskys Kompositionen wurden zunehmend mit fremden Ballettstücken ausgetauscht, bis schließlich fast ein Drittel der ursprünglichen Musik fehlte. Ein Grund dafür war, dass Tschwaikowskys Musik höchste Ansprüche an die Tänzer stellte. Odette und Odile, die in der Regel von der gleichen Ballerina getanzt werden, gelten als die anspruchsvollste Rolle des klassischen Balletts.
Erst 1895, zwei Jahre nach Tschaikowskys Tod, fand „Schwanensee“ am Petersburger Mariinski-Theater eine adäquate Umsetzung. Durch die Initiative der ersten Primaballerina Pierina Legnani wurden in einer Szene im 3. Akt zweiunddreißig Fouettés (Drehungen mit anschließender Pirouette) eingefügt. Die Partitur war für diese Aufführung von Tschaikowskys Bruder Modest überarbeitet worden. Der Tänzer Nikolai Sergejew, der später zum Intendanten des Mariinski-Ensembles werden sollte, fertigte Aufzeichnungen von dieser Veränderung an, die er bei seiner Emigration 1934 in den Westen mitbrachte.
Nach diesen schwierigen Anfängen wurde aus „Schwanensee“ ein nicht mehr
wegzudenkender Klassiker des Tanztheaters. Berühmte Inszenierungen stammen von Rudolf Nurejew (Wien), George Balanchine (New York) und John Neumeier (Hamburg). Für große Furore sorgte auch die Neufassung von Matthew Bourne: Bei ihm waren alle Rollen von Männern besetzt.
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