Gesellschaft Freunde der Künste

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Kiel: Kunstprojekt „Eiskeller und Himmelslöcher“ stellt den Eiskeller als vorindustrielle Architektur in den Mittelpunkt künstlerischer Untersuchungen

Eiskeller für Projekte der zeitgenössischen bildenden Kunst zu erschließen, ist eine Pionierarbeit. Im Zuge der umfangreichen Vorrecherchen für das Kunstprojekt wurden Reste von Eiskellern und Eisschuppen auf Gütern in Schleswig-Holstein erforscht, Eiskeller zusammen mit Besitzern wiederentdeckt sowie bisher noch nicht wissenschaftlich erschlossene Fundamente identifiziert.

 

Durch die Künstlerauswahl (Hans Winkler, Till Krause, Ulrike Mohr, Dan Peterman) sollen ein konzeptioneller, forschender Ansatz sowie eine Auseinandersetzung mit dem nahezu vergessenen Baudenkmal „Eiskeller“ erfolgen. Während in den 1970er und 1980er Jahren „Eis“ als ephemeres Material künstlerisch erprobt wurde, seine Instabilität, aber auch seine „Kunstmarktunfähigkeit“, Widerständigkeit gegen Kommerzialisierung und Musealisierung für Künstler interessant waren, schafft dieses Kunstprojekt Bezüge zu den Themen Landschaft und Körper, Eis, Energie und körperliche Arbeit, Imagination und Unendlichkeit. Durch unterschiedliche Positionen der „Konzeptkunst“ eröffnet es einen komplexen, künstlerischen Forschungsansatz. Ausgehend von Fragestellungen zeitgenössischer bildender Künstler werden Verbindungen zur Eisforschung, Fragen des Klimawandels, der Topografie, Industriegeschichte und der Zukunft der modernen Gesellschaft gestellt.

Kunstprojekt in Kiel

Dan Petermans Arbeit ist immer eine beharrliche Untersuchung der Schnittstellen zwischen Kunst und Ökologie. Seine Arbeiten berühren die komplexen Verflechtungen von Ursache und Wirkung, ständig wechselnder Werte und materieller Transformationen. Der Eiskeller als architektonischer Ort verlangt immer eine physische Einlassung und bietet stets auch eine landschaftliche Komponente. Für das Projekt „Eiskeller und Himmelslöcher“ hat Dan Peterman eine Arbeit entwickelt, das die Themenfelder Körper und Landschaft, Eis und begrenzte Unendlichkeit aufgreift. Zunächst verändert sie die Lichtverhältnisse und die Raumwahrnehmung des historischen Eiskellers.

Installation von Dan Petermann im Eiskeller auf Gut Rixdorf

Die Lightbox-Installation ICE SWIMMER von Dan Peterman in dem Eiskeller auf Gut Rixdorf spielt mit Perspektiven und Relationen. Ein Eisschwimmer steht im Eismeer (Lake Michigan, Chicago) und scheint mit der angetauten Eisoberfläche zu arbeiten. Er hebt sie vorsichtig an, wie einen fragilen Forschungsgegenstand. Die Unendlichkeit der gefrorenen Eisdecke, die sich bis zum Horizont erstreckt, wirkt wie ein abtastbares Relief, das sich beim genauen Hinsehen auch farblich variiert: Das Eis wird zum Lesestoff. Wer das „Eismeer“ von C. D. Friedrich kennt, darf Vergleiche anstellen und Parallelen ziehen. Doch in dem Bild von Dan Peterman türmt sich kein Eisberg vor dem Betrachter auf. Statt vor der Erhabenheit des Eises philosophische Exkurse anzustellen, nimmt der Eisschwimmer hier eine Haltung der „Sorge“ ein. Die Eisschicht scheint so dünn zu sein, dass er sie anheben kann. Installiert in dem Eiskeller auf Gut Rixdorf wird der Besucher mit den stabil-kühlen Temperaturbedingungen im Eiskeller konfrontiert. Dort wo heute eine Feuchtwiese ist, befand sich im 18./ 19. Jahrhundert der Kossau-Stausee. Beim Heraustreten aus dem Eiskeller – in die warme Frühsommerlust - ist die Wahrnehmung der Landschaft nun eine andere …

Wer die Gutsgeschichte von Rixdorf kennt, weiß von den historischen Landschaftsveränderungen auf der traditionsreichen Gutsanlage. Der überhügelte, aus Backstein gemauerte Eiskeller mit Tonnengewölbe am Rand dieses ehemaligen Sees ist der zweite, vermutlich ältere Eiskeller auf dem Gutsgelände. Er bildende vermutlich eine Funktionseinheit mit dem alten, um 1730 erbauten und 1836 abgebrochenen Herrenhaus. Das genaue Baujahr des Eiskellers lässt nicht ausmachen. Durch einen im Juli 1800 datierten Pachtvertrag ist gesichert, das es zu Beginn des 19. Jahrhunderts mindestens ein Eiskeller gegeben haben muss. Im Pachtvertrag ist zu lesen: „Wenn im Winter Eis vorhanden, so sendet jeder Hufener auf 1 Tag einen tüchtigen Mann, um Eis im Herrschaftlichen Eiskeller zu bringen.“ (Rixdorf, 10. 6.1800), zitiert nach Stephan A. Lütgert „Eiskeller, Eiswerke und Kühlhäuser in Schleswig-Holstein“. Lütgert nimmt eine Datierung um 1737 vor und stellt die Entstehung des Eiskellers in den Zusammenhang der frühbarocken Umbaumaßnahmen des Herrenhauses durch den Bauherrn Wulf Hinrich v. Baudissin und den Architekten Rudolph Matthias Dallin.

 

Das Hauptgebäude aus dieser Zeit existiert nicht mehr, es wurde 1836/ 37 abgerissen, nachdem man im Jahre 1830 oberhalb der Herrenhausanlage die Kossau, einen das Gutsgelände durchquerenden Bachlauf, aufgestaut hatte. Dadurch liefen die Wassergräben rund um das ehemalige Herrenhaus trocken, und die Pfähle, auf denen das Gebäude errichtet war, begannen zu faulen. Das Schloss musste abgerissen werden. Heute ist nur noch die Niederung zu sehen, in der es einst stand. Das Projekt von Dan Peterman kann auch in diesem Kontext gelesen werden, jedenfalls gibt es dem Betrachter eine Vielzahl von Fragen an die Hand, das Gelände zu erkunden.

Dan Peterman , *1960 in Minneapolis, Minnesota, lebt und arbeitet in Chicago
Dan Peterman ist Associate Professor am College of Architecture and the Arts der University of Illinois in Chicago. Er wird durch die Galerie Klosterfelde-Berlin und Andrea Rosen Gallery, New York vertreten. Seine Arbeiten wurden u.a. im Museum of Contemporary Art, Chicago, auf der Biennale Venedig 1997, im Van Abbemuseum in Eindhoven, der Kunsthalle in Basel und im Smart Museum of Art, University of Chicago gezeigt.
Weitere Informationen: http://www.danpeterman.com

Das Projekt „ICE SWIMMER“ ist eines von vier Arbeiten des Projekts „Eiskeller & Himmelslöcher“.

• Hans Winkler: Öffentlicher Eiskeller I/ II, Gut Deutsch-Nienhof

• Ulrike Mohr: TOUCHING COLD, Gut Hohenstein

• Till Krause: EISWEG

 

Das Künstlerprojekt „Eiskeller & Himmelslöcher wurde von der Gesellschaft für zeitgenössische Konzepte (Hans Winkler & Verena Voigt) entwickelt. Das Gesamtprojekt „Eiskeller und Himmelslöcher“ (Till Krause, Ulrike Mohr, Hans Winkler) wurde gefördert von der Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein (Kiel), der Stiftung Kunstfonds zur Förderung der zeitgenössischen bildenden Kunst (Bonn) und der Muthesius Kunsthochschule (Kiel). Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag für Moderne Kunst, Nürnberg, Herbst 2013.

 

Ortsbezogene Interventionen, Rekonstruktionen und Erkundungen

in Schleswig-Holstein 2012-2013

Dan Peterman: ICE SWIMMER - Installation im Eiskeller Gut Rixdorf

Ein Projekt der Gesellschaft für zeitgenössische Konzepte

Eiskeller auf Gut Rixdorf, 24306 Lebrade, Amt Plön-Land

 

Führungen im Rahmen von Eiskellertouren (oder auf Anfrage) bitte an v.voigt@t-online.de; Anmeldung erforderlich. Nächste Termine:

 

Samstag, 6. Juli ab 10 Uhr (weiter nach Gut Deutsch-Nienhof, Höbeck und Kluvensiek)

Sonntag, 3. August, ab 10 Uhr (weiter nach Gut Deutsch-Nienhof und Gut Hohenstein)

Sonntag, 8. September, ab 10 Uhr (Tag des offenen Denkmals)

 

KONTAKT: Gesellschaft für zeitgenössische Konzepte

Hans Winkler | Verena Voigt | Kanalstr. 36 | 24159 Kiel

 | v.voigt@t-online.de | www.gfzk.net