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Vergittert und eingerüstet

Katja Pfeiffer Plänterwald: Installation im Kunstverein Ulm bis 13.3.2010

Vergittert und eingerüstet, so erscheint im Werk der Künstlerin Katja Pfeiffer häufig die sichtbare Welt. Ob Silhouetten von Bäumen, Architekturen, urbane Plätze, stets haben ihre Installationen den Charakter von Kulissen. Der Grad der Raumillusion wechselt. Eigentümlich ist jedoch jeder Raumsituation, dass die Illusion sofort wieder gestört und als solche kenntlich gemacht wird. Die Kulisse ist sichtbarer Teil des Werks und so verwundert es nicht, dass eines ihrer Hauptwerke auch genau diesen Titel trägt: „Backdrop“. Weitere Schwerpunkte der Arbeit von Katja Pfeiffer sind Installationen zum Thema Licht und Kommunikation. Zur Ausstellungseröffnung am Samstag, 16. Januar um 19 Uhr spricht Ludwig Seyfarth, Berlin.

Der Titel der Ausstellung Plänterwald bezieht sich auf ein den Berlinern wohl bekanntes Waldstück der Stadt. Hier hatte der Osten seinen Westen, den Spreepark, einen Vergnügungspark mit Riesenrad, Achterbahn und anderem Kirmes-Gerät. Nach der Wende wurde die Attraktion binnen Kurzem zugrunde gewirtschaftet und heute liegt der Park brach. Die Fahrgeschäfte zerfallen zu bizarren Ruinen, wie so vieles in der ehemaligen DDR.

Die Arbeit „Typhoon II“ knüpft die Verbindung zum Ausstellungstitel Plänterwald. Aus fast 100 zu filigranen Silhouetten zersägten Holzschichten aufgebaut, zeigt sich zunächst ein seltsam zerfallen und gleichzeitig dornröschenartig überwuchert anmutendes Formengewirr. Das bröselige Billigmaterial Pressspan wurde mit mattweißer Farbe gestrichen, so dass die Formen fast knöchern oder korallenartig wirken. Automatisch assoziiert der Betrachter Figuren mit einzelnen Schnitten (Tiere oder Architekturen).

Die größten Figuren erreichen eine Höhe von über zwei Meter vierzig. Insgesamt ist die Arbeit zwei Meter breit und ca. ein Meter fünfzig tief. Die Skulptur liegt in dem extrem hellen Lichtkegel eines ehemaligen Kinoprojektors, der den zweiten Blick des Betrachters auf den riesigen Schatten an der Wand hinter der Arbeit lenkt. Hier setzt sich dann zum Bildgegenstand zusammen, was im zerlegt gestaffelten Zustand nur erahnt werden kann. Eine zweite Gruppe von Arbeiten unter dem Obertitel "abmaZ abmaR" bezieht sich ebenfalls direkt auf den Plänterwald als Ort des ehemaligen Vergnügungsparks.

Die Licht-Wandarbeiten zeigen Fahrgeschäfte, diese allerdings von hinten. Die seltsamen, teils ornamentalen Umrisslinien sind in Wohnwagenbeige gestrichen und tragen die üblichen rückwärtigen Details solcher Anlagen. Verstrebungen stützen die verschiedenen, sämtlich nach vorne auf den Kirmesbesucher hin gerichteten Aufbauten. Gebündelte Kabelstränge überziehen die Flächen und liefern den Strom für das kirmestypische Lichtermeer. Der Besucher der Ausstellung allerdings steht vor der Rückseite und kann nur an der bunten Lichtaura um die mit geringem Abstand vor der Wand befestigten Wandreliefs erschließen, dass das Vergnügen auf der anderen Seite stattfindet. Spiegelschriftlich in der ebenfalls kirmesüblichen marktschreierischen Typographie tragen die Arbeiten selbst ihre Titel. Zum Beispiel „abmaZ abmaR“.

Eine weitere, in Ulm zum ersten Mal ausgestellte Arbeit hat nur indirekt mit dem Plänterwald zu tun. Sie zeigt allerdings ebenfalls einen dieser verschwindenden Orte im Umland Berlins. Beelitz Heilstätten ist ein riesiger Krankenhauskomplex (und riesig heißt hier in der Größe einer Kleinstadt), der Ende des 19. Jahrhunderts vor allem als Heilanstalt für Tuberkulosekranke eingerichtet und während der zwei Weltkriege als Lazarett genutzt wurde. Nach 1945 stellten die Beelitz Heilstätten das größte russische Krankenhaus außerhalb der Sowjetunion dar. Nach Abzug der Russen in Folge der Wende fand sich leider kein seriöser Investor.

So wurden die Gebäude nach und nach geplündert bis hin zu den kupfernen Dachverkleidungen, so dass heute überall das Wasser durch die Decken rinnt und die pastellfarbenen Schichten Jahrzehnte alter Krankenhausanstriche nur noch in Fetzen von den Wänden hängen. Die Arbeit über Beelitz Heilstätten ist gleichzeitig eine Verbeugung vor Piranesis Schlüsselloch mit dahinter liegender Parkanlage auf dem römischen Aventin. Dort stellen sich Busseweise die Touristen hintereinander auf, um sich zu einem Schlüsselloch hinunter zu beugen. In der Ulmer Installation wird hinter dem Schlüsselloch einer schlicht an die Wand gelehnten Tür einer der langen Beelitzschen Krankenhausgänge sichtbar.

Die älteren Arbeiten in der Ausstellung lassen sich schließlich noch assoziativ mit dem Plänterwald in Verbindung bringen. Ausgehend von Papiertheatern des 19. Jahrhunderts zeigt die Arbeit „Irrlicht“ in einer zweieinhalb Meter hohen MDF Umsetzung von vorne betrachtet eine sich aus elf filigran gesägten Holz Schichten zusammensetzende Werkaufnahme des Nibelungen Epos von Fritz Lang. Die Originalabbildung zeigt den Wald im Aufbaustadium. Im Hintergrund verliert sich die Landschaft im Gewirr von Gerüsten und Setelementen.

Von der Seite gesehen hat die Installation die Form einer großen Ziehharmonika. Die Wände aus gefalteter LKW Plane und Eisenbeschlägen ergeben einen geschlossenen, minimal anmutenden Körper in einer Tiefe von bis zu dreieinhalb Metern. „Zwielicht“ ist der Titel eines weiteren Wandreliefs, bestehend aus den Silhouetten von Bäumen und Scheinwerferaufbauten, das sich formal direkt an die „Irrlicht“- Installation anlehnt.

„Backdrop“ schließlich greift in seiner Rückseite formal wieder die Fahrgeschäft- Rückseiten der „abmaZ abmaR“- Arbeiten auf. Mit verschiedensten Konstruktionsformen von Lattengerüsten versehene MDF Platten bilden eine Rotunde, in die der Besucher durch ein bis zwei Eingänge eintreten kann. Nach außen hin völlig geschlossen und verbarrikadiert wirkend, öffnet sich im inneren ein gemaltes Panorama, das trotz seiner Vielteiligkeit eine schlüssige Abfolge bildet. Und trotzdem steht der Besucher wieder nur vor Rückseiten, diesmal vor der Rückseite eines Oliver Berben Filmset.

Dauer der Ausstellung bis zum 14.3.2010

Kontakt

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