Gesellschaft Freunde der Künste

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von Friedrich Schiller - Große Gefühle, großartige Schauspieler

Kabale und Liebe am 9. Juli, Schauspielhaus Hamburg

FERDINAND: »Wenn ich bei dir bin, zerschmilzt meine
Vernunft in einen Blick – in einen Traum von dir, wenn ich weg
bin, und du hast noch eine Klugheit neben deiner Liebe? –
Schäme dich! Jeder Augenblick, den du an diesen Kummer
verlorst, war deinem Jüngling gestohlen.«
SCHILLER, KABALE UND LIEBE

Ferdinand ist verrückt nach Luise und Luise verliebt in Ferdinand. Getrieben von ihrer Leidenschaft, wollen die beiden ihre Liebe über alle Standesschranken hinweg durchsetzen, denn Luise ist Bürgerstochter und Ferdinand Sohn des Präsidenten am herzoglichen Hof. Luises Vater, der Musiker Miller, missbilligt die Beziehung aus Argwohn gegen den verwöhnten Karrieristenspross, aber auch Präsident Walter hintertreibt mit allen Mitteln die Verbindung.

 Denn er hatte für Ferdinand eine Heirat geplant, die seine eigene Laufbahn befördern sollte: Durch die Ehe mit Lady Milford, der Geliebten des Herzogs, würden Ferdinand und der Präsident enorm an gesellschaftlichem Ansehen und Einfluss gewinnen. Diese Chance will der Präsident nicht vergeben und so spinnt er gemeinsam mit seinem Sekretär Wurm eine perfide Intrige. Die Idee, in Ferdinand Misstrauen gegen Luise zu säen, hat Erfolg: Die Liebe wird im Kern getroffen und von innen heraus zersetzt. Aus zärtlicher Verehrung wird rasende Eifersucht. Doch ist die Einschlagstelle wesentlich größer als berechnet:

 Eine Kettenreaktion wird ausgelöst, die wüste Ödnis hinterlässt. Schillers 1783 geschriebenes Drama ist ein grausamer Versuch über die Liebe. Es gilt herauszufinden, wie weit man sie treiben kann und wann sie – von äußeren und inneren Widersprüchen zerrieben – zusammenbricht. Zu Schillers Zeit war das berühmte Trauerspiel eine Kriegserklärung an die herrschenden Zustände und ein Akt der Selbstbefreiung.

 Damals formulierte sich eine radikale Anklage gegen eine Gesellschaft, die die Liebe durch unüberwindbare Standesgrenzen niedermähte. Heute rücken die Fragen nach den inneren Grenzen der Liebe stärker ins Blickfeld: Kann man Liebe besitzen und ihre Dauer einklagen? Ferdinand, Opfer der Kabale, fordert es: »Du – Luise, und ich und die Liebe! – liegt nicht in diesem Zirkel der ganze Himmel? oder brauchst du noch etwas Viertes dazu?« Der Besitz steht über allem und sein Verlust verwandelt jedes zärtliche Gefühl in den Wunsch nach Auslöschung und Vernichtung des ehemals geliebten Gegenübers.

 Aber nicht nur der Wunsch nach der totalen Verschmelzung führt zur Vernichtung der Liebe: Die von außen nicht geduldete Liebe ist – ungeachtet aller emphatischen Bekundungen – in ihrem Kern so weich und irritierbar, dass eine gut gestrickte Intrige sie sofort aushebeln kann. Was bleibt, ist die Empfindung, dass die Liebe von innen heraus viel stärker gefährdet ist, als durch die Anfeindungen der Gesellschaft. Jenseits aller Standesfragen setzt Schiller die Gefühle seiner Figuren einer schonungslosen Zerreißprobe aus, der weder sie noch ihr Ideal der Liebe standhalten können.

Premiere: 12.9.2008, Schauspielhaus Hamburg www.schauspielhaus.de
 


Die Vorstellung dauert zwei Stunden und zehn Minuten. Keine Pause.

Regie und Bühne Dušan David Parizek
Kostüme Kamila Polívková
Dramaturgie Nora Khuon
Licht Annette ter Meulen
Mit Ute Hannig, Lukas Holzhausen, Janning Kahnert, Juliane Koren, Julia Nachtmann, Philipp Otto, Michael Prelle, Aleksandar Radenković

Hamburger Abendblatt, 15.9.2008
Gelungene Saisoneröffnung mit »Kabale und Liebe«
ZWEI GEGEN DEN REST DER WEL
Große Gefühle und großartige Schauspieler überzeugen in Schillers Drama, in dem die jungen Liebenden an den Intrigen der Alten zugrunde gehen.
Von Armgard Seegers

Hamburg - Was für ein toller Theaterabend! Große Gefühle, großartige Schauspieler und das ewige Thema der Revolte der Jungen gegen die Machtversessenheit der Alten modern und frisch erzählt. Was will man mehr an Kurzweil, Aktualität und anregender Unterhaltung! Dabei ließ Schillers »Kabale und Liebe«, inszeniert von dem tschechischen Regisseur Dusan David Parizek, mit Aleksandar Radenkovic als Ferdinand, einem Neuzugang im Ensemble, von dem man bereits Rollenfotos in Unterhose veröffentlicht sehen konnte, nicht unbedingt auf eine mitreißende, bewegende Saisoneröffnung am Deutschen Schauspielhaus schließen.

 Schließlich hatte der Regisseur auch in der vergangenen Spielzeit Kleists »Hermannsschlacht« gründlich versemmelt. Aber wie sooft, wenn man wenig erwartet, kommt alles ganz anders. Parizek konzentriert sich diesmal auf die große Liebe, die an den kleinen und großen Intrigen zerbricht. In zwei Stunden zeigt er die gefährliche Liebschaft von Ferdinand, dem Präsidentensohn, und Luise, der Musikertochter, denn die zwei sollen nicht zusammenkommen, zu unterschiedlich ist ihre Herkunft, zu durchsichtig das, was ihre Väter mit ihnen vorhaben.

 So kämpfen zwei Liebende, die auch Romeo und Julia heißen könnten, mit ihrem absoluten Gefühl gegen den Rest der Welt. Ganz ohne Krampf hat der Regisseur das Stück modernisiert, sodass sich wohl alle jungen Zuschauer mit diesem Paar identifizieren können. Parizek inszeniert auf der selbst entworfenen, fast leeren Bühne ein packendes Kammerspiel über den Tod der großen Gefühle, durch ein raffiniertes Intrigenspiel der ihnen feindlich gesonnenen Welt.

 Zwei Einsame, die nur sich haben. Vom ersten Augenblick an glaubt man Ferdinand und Luise ihre Liebe, wenn sie vorn an der Rampe sitzen und mit Blicken ineinander ertrinken. Radenkovics Ferdinand greift nach Luises Hand, küsst sie und bespringt sie später auch mal verzweifelt und leidenschaftlich. Nachtmanns Luise liebt bedingungslos ehrlich, ohne lästige Schmachterei. Sie weiß, was sie will, und doch gibt sie sich ganz dem Gefühl hin.

 Sie wirkt natürlich wie eine verliebte junge Frau, die man gelegentlich im Café beobachtet. Doch das schöne verspielte Paar ist dem Untergang geweiht. Ferdinands Vater, der machthungrige Präsident, will seinen Sohn an die Geliebte des Herzogs, Lady Milford, verheiraten, um seine Karriere zu sichern. Lukas Holzhausen zeigt als Präsident genau jene böse Entschlossenheit, der sich nur ein Todesmutiger entgegenstellen würde. Ihm zu Diensten ist Wurm, Luises abgewiesener Liebhaber, der tief gekränkt, auf Rache sinnt.

 Philipp Otto schafft es, diesem Kretin so viel menschliche Züge abzugewinnen, dass man Mitleid mit ihm empfindet. Von Kalb ist bei Janning Kahnert ein nicht gerade denkschnelles Weichei, das willig des Präsidenten Intrigen ausführt und dem Ferdinand später, halb nackt und rasend, im Zweikampf die Pistole an die Schläfe setzt. Wenn Frauen hassen, geht es immer um einen Mann.

 Hart, unbeirrt spielt Ute Hannig die gekränkte Lady Milford, die gerne den knackigen Ferdinand geheiratet hätte, sich dann aber unversöhnt von dannen macht. Große Gefühle und großartige Schauspieler überzeugen in Schillers Drama, in dem die jungen Liebenden an den Intrigen der Alten zugrunde gehen.

 Die Eltern Luises, die ihre Tochter dem Präsidentensohn nicht geben wollen, weil sie schon wissen, dass dabei nichts Gutes herauskommen wird, sind bei Juliane Koren und Michael Prelle nette Leute, die das junge Paar zum Kaffee einladen. Muttern hätte ja gerne, dass die zwei zusammenbleiben, Vatern sträubt sich. Noch. Dem schönen Anfang folgt ein zähes Ende. Zu lang betrauert der Vater am Schluss die tote Tochter. Nur ein kleiner Schatten auf diesem gelungenen Abend.