Changeling erzählt eine wahre Geschichte von einer Alleinerziehenden im Los Angeles des Jahres 1928, deren neunjähriger Sohn eines Tages spurlos von zu Hause verschwindet, und der die Polizei einfach ein anderes Kind unterschiebt. Der Fall wurde zum landesweiten Skandal. Die Mutter, gespielt von Angelina Jolie in einer Oscar-nominierten Rolle, erlebt Situationen, in der sie an dem Wahnsinn,der ihr geschieht, beinahe selbst irre wird. „Eastwood erzählt das wie in ‚Million Dollar Baby’ auch als eine weitere bewegende Geschichte der zahllosen Frauen, die in der Männergesellschaft ohne männlichen Schutz allgemeiner Willkür ausgeliefert sind“ (FAZ).
„Die Energie und der Widerstandsgeist, die hier entstehen, machen ‚Changeling’ doch zum hoffnungsvollsten Film, den Eastwood seit langem gemacht hat. Eine Geschichte, die durchaus in die Gegenwart verweist - es ist die eines Staates, der seinen Bürgern ein X für ein U vormachen will, bis das filigrane Autoritätsgebilde zerbröselt, weil einer nicht mehr lügt, und die anderen nicht mehr glauben. ... Eastwood ist so einzigartig, weil er immer etwas ganz Grundsätzliches über die Beschaffenheit der Welt zu erzählen scheint, einen damit ganz tief berührt, aber vordergründig oder einfach ist nichts davon.“ (Süddeutsche Zeitung.)
CHANGELING
Deutscher Titel: Der fremde Sohn
Chefkameramann: Tom Stern
Producer: Clint Eastwood, Brian Grazer, Ron Howard, Robert Lorenz
Drehbuch: J. Michael Straczynski
Regie, Musik: Clint Eastwood
USA 2007, 142 Min
Originalversion
Termin: 3.4.2009 im Biebricher Schloss, Wiesbaden www.filme-im-schloss.de
Meinungen/Kritiken:
Mit bebender Unruhe fiebert die junge Mutter dem Moment entgegen, in dem sie nach fünf Monaten der Ungewißheit endlich wieder ihren Sohn in die Arme schließen kann. Ungeduldig rennt sie an der Journalistenmeute vorbei, dem einfahrenden Zug entgegen, sucht voll ungestümer Erwartung unter den Ankommenden, doch dann genügt ein kurzer Blick auf das Kind, das ihr präsentiert wird, um entsetzt festzustellen: „Das ist nicht mein Sohn!“ Der ungeheure Affront, der in diesem Moment steckt, breitet sich wie ein tiefgreifendes Beben über den ganzen Film aus, in dem Clint Eastwood nach MYSTIC RIVER zum zweiten Mal die erschütternde Geschichte eines vermißten Kindes erzählt. Und wie in den meisten Filmen des Schauspieler-Regisseurs wirft auch hier das individuelle, intime Einzelschicksal ein durchdringendes Schlaglicht auf die Gesellschaft und Politik einer Zeit und rührt an weitreichende und komplexe Fragen von Recht und Moral: DER FREMDE SOHN ist auch die Geschichte der maßlosen Korruption, die in den zwanziger und dreißiger Jahren in Los Angeles herrschte und von dort bis in die Gegenwart reicht.
Wie bereits CHINATOWN und L.A. CONFIDENTIAL zeigt jetzt auch DER FREMDE SOHN, wie leicht und schnell sich die magischen Träume von Hollywood in die harsche Wirklichkeit von Los Angeles verwandeln können. Mit schamloser Dreistigkeit machen sich die Polizisten hier die Wirklichkeit gefügig, als wäre sie nur das Material eines Drehbuchs. Wenn das Polizeidepartment für die Dramaturgie einen glücklich abgeschlossenen Fall benötigt, dann jubeln sie eben mit all ihrer Macht und gegen jeden gesunden Menschenverstand einer Mutter ein Kuckuckskind unter, und wenn diese versucht, sich gegen den Betrug zu wehren, dann wird sie kurzerhand in die Psychiatrie eingeliefert.
Mit seinen 78 Jahren pflegt Clint Eastwood dabei einen Erzählstil, der in besten Sinne altmodisch und ökonomisch ist. Das fahle kühle Licht, in das Tom Stern die Szenerien von Anfang an taucht, verursacht ein emotionales Frösteln, das in jeden Winkel des liebevoll rekonstruierten Zeitkolorit dringt.
In der Rolle der gebeutelten Mutter Christine Collins, die es so wirklich gegeben hat, spannt Angelina Jolie einen Bogen, der von ihren eigenen Rollen in GIRL INTERRUPTED bis A MIGHTY HEART reicht, und aller betörenden Schönheit zum Trotz wirkt sie ergreifend verletzlich, ohne Angst vor geschwollenen Augen und hervortretenden Adern. So reiht sie sich ein in die starken Heldinnen im Männeruniversum von Clint Eastwood, die von UNFORGIVEN bis MILLION DOLLAR BABY den stärksten Schicksalsschlägen mit zähem Willen und kämpferischer Kraft trotzen. Und wenn sie sich am Abend der Oscarverleihung von 1935 über den Triumph ihres Lieblingsfilms IT HAPPENED ONE NIGHT freut, dann bringt sie allem Kummer und Schmerz zum Trotz einen kurzen, kostbaren Moment lang die Leinwand zum Strahlen.
Anke Sterneborg: epd Film, Frankfurt am Main


