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"Sie will sich nicht unterkriegen lassen"

Glaube Liebe Hoffnung am Staatstheater Wiesbaden - Nächste Vorstellung am 11.11.2009, ohne Sebastian Münster

Eigentlich ist Elisabeth, die Hauptfigur in ‚Glaube Liebe Hoffnung‘ ein grundoptimistischer Mensch. Sie will sich nicht unterkriegen lassen – trotz der Krise, obwohl sie keine Arbeitserlaubnis mehr hat und die Zukunft alles andere als rosig aussieht. Dann lernt sie einen Polizisten kennen und verliebt sich in ihn. Es fühlt sich an, als habe Elisabeth endlich Glück. Aber ihr Liebster ahnt nichts von der Vorstrafe, die sie wegen einer kleinen Notlüge verbüßt hat.


Die Anregung für sein Stück ‚Glaube Liebe Hoffnung‘ bekam Ödön von Horváth von dem Gerichtsreporter Lukas Kristl: der erzählte ihm die Geschichte einer jungen Frau, die mit den sogenannten ‚kleinen Paragrafen‘ in Konflikt kam und von da an ins soziale Abseits geriet.

 Horváths Stück ist jedoch kein Dokumentardrama, sondern eine anrührende, tragikomische Geschichte über ein lebenslustiges Mädchen – gespielt von Verena Güntner, die in der vergangenen Spielzeit das Publikum und die Presse mit ihrer Interpretation der Nora begeisterte.

Die Inszenierung liegt in den Händen des Intendanten Manfred Beilharz, der im nachfolgenden Interview seinen Zugang zu Horváths Stück beschreibt.

Was interessiert Dich an Horváth?

Er hat einen besonderen Umgang mit Wahrhaftigkeit. Das heißt, er treibt Wahrheiten auf die Spitze, was bis zur Groteske führt.


Was ist für Dich der Reizpunkt an ‚Glaube Liebe Hoffnung‘?

Es wird die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die mit einem kleinen Verstoß gegen Vorschriften – sie hat ohne Gewerbeschein gearbeitet – in eine Spirale von Schwierigkeiten gerät, die sie dann nicht mehr bewältigen kann. Für dieses Thema könnte man sich verschiedene Behandlungsweisen vorstellen. Das Besondere an Horváth ist, dass er eine Reihe von fantastischen Figuren erfindet, die sich immer auf dem schmalen Grat von Tragik und grotesker Komik befinden. Es hat etwas mit dem genauen Hinschauen von Horváth zu tun.

Er kennt Leute und er durchschaut Leute. Er behandelt seine Themen niemals so, dass seine Figuren eine These beweisen, sondern er guckt immer, wie Figuren sind, er lässt sie aufeinander reagieren und sie charakterisieren sich selbst in ihrer Handlungsweise, vor allem aber in ihrer Sprache.

Die Sprache ist bei Horváth ganz wesentlich. Er zeigt, in seinen Dialogen nicht nur, was die Leute versenden wollen, sondern er schafft es auch, die parallel laufenden unterdrückten Triebe, Wünsche, Unaufrichtigkeiten mitzuliefern, indem er mitunter seinen Personen bewusst missglückte Formulierungen in den Mund legt. Das ist ein absolut reizvoller Umgang mit Sprache und führt auf diesen schmalen Grat zwischen Tragik und Komik. Die Tragikomik ist das Gebiet, auf dem sich Horváth meisterhaft bewegt.


Elisabeth ist eine sehr kraftvolle Figur, ein ‚Stehaufmännchen‘, eine ziemlich emanzipierte Frau – zumal im Kontext der 30er Jahre, in denen das Stück spielt. Trotzdem scheitert sie am Ende. Woran?

Sie scheitert nicht trotz dieser Kraft, sondern zum Teil wegen dieser Kraft. Weil sie in einer Situation, wo ihr Weg eine Ausnahme ist, sich selbst überfordert und die Kräfteverhältnisse auch nicht richtig einschätzt. Sie denkt immer noch, das kann so schlimm nicht sein, sie kommt durch – und das zu einem Zeitpunkt, als die äußeren Umstände schon eindeutig gegen sie sprechen.

 Dass sie sich so viel zutraut und so optimistisch in diese Geschichte hineingeht, führt auch zu einer überforschen Selbstbehauptung, und damit eckt sie an. Sie begibt sich nicht rechtzeitig genug in den Schutz der Leute, die das Sagen haben, weil sie nur sich selber traut.


Die Figuren im Umfeld Elisabeths erweisen sich letztlich alle als Opportunisten, und auch ihr Mitgefühl ist nur spärlich vorhanden. Selbst die Figuren, von denen man lange denkt, sie seien auf Elisabeths Seite, wie beispielsweise der Präparator oder der Schupo Alfons Klostermeyer. Letzen Endes verlassen sie sie an dem Punkt, wo es ihnen selbst schaden könnte. Das ist ein ziemlich schwarzes Bild.

Nein, das ist kein schwarzes Bild, das ist ein realistisches Bild. Horváth hat die Lust zu zeigen, wie es ist. Keine Figur macht etwas, was gegen ihre vitalen Interessen geht. Er schildert das Leben als einen ständigen Konflikt zwischen den egoistischen Interessen der einzelnen Figuren, die man durchaus anerkennen muss (wie komme ich weiter, wovon lebe ich, was schadet mir) und den in der Gesellschaft herumschwirrenden Vorstellungen darüber, was edles Handeln ist.

 Die Figuren halten sich für Menschenfreunde und Altruisten, und das sind sie auch, bis zu einem gewissen Punkt: solange es nicht gegen ihre Interessen geht. Aber Horváth zeigt nicht mit dem Finger auf sie und sagt: ihr Opportunisten, sondern er sagt: so isses halt, ich liebe Euch trotzdem. Das Stück ist kein finsteres Stück, es ist voller witziger Geschichten. Es gibt einiges zu lachen, obwohl das Thema nicht nur heitere Seiten hat.


Woraus genau entsteht der Humor bei Horváth?

Der Humor entsteht daraus, dass man den Leuten dabei zuschaut, wie das Bild, das sie von sich selbst haben und vor sich hertragen, sich mit der Realität verheddert. Trotzdem versuchen sie, ihr erdachtes Selbstbild weiter zu behaupten – und dieser Widerspruch produziert Komik.

 Horváth hat mit seinen guten Stücken, besonders ‚Geschichten aus dem Wienerwald‘, sogenannte Volksstücke geschrieben. Aber nicht im billigen Sinne, dass die Figuren denunziert und klischeehaft behandelt werden, sondern er zeigt, in welch klischierten Vorstellungen von Welt sie leben. Er macht das immer durchschaubar und dadurch reich.

 Er springt mitunter innerhalb von zwei Sätzen von einer pathetisch-tragischen Aussage zu einer Situation, die schwankhafte Elemente hat. Er sagt ‚Alle meine Stücke sind Tragödien, sie werden nur komisch, weil sie unheimlich sind.‘ Er könnte auch sagen: ‚...weil sie realistisch sind.‘


Das Stück spielt in der Weltwirtschaftskrise, Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Figuren und die Handlung sind stark von den Auswirkungen der Krise geprägt. Worin siehst Du Parallelen zur heutigen Situation, und wo ist das Stück für Dich historisch?

Dass Leute ums Überleben kämpfen, wenn ihnen das nötige Startkapital fehlt und dabei auch mit den ‚kleinen Paragrafen‘ in Konflikt kommen, ist etwas, was es zu jeder Zeit gegeben hat. Das verschärft sich natürlich, wenn es mit der Weltwirtschaft in den Keller geht.

 Man mag bei dem Stück an heute, an Hartz IV denken, ich habe aber nichts unternommen, um diese Parallele gewaltsam zu verdeutlichen. Sie wird im Hintergrund da sein. Natürlich hat das Stück etwas mit der Gegenwart zu tun, aber es wäre nach meiner Meinung völlig falsch gewesen, es in die heutige Zeit zu holen.

Jeder Zuschauer wird sich seine eigenen Gedanken dazu machen. Denn noch einmal: Das Stück bebildert keinen ökonomischen Vorgang, sondern es ist ein spannender Kosmos mit reichen und anschaulichen Figuren, denen man mit Freude zuhört und die man, in ihrer Zeit, gerne beobachtet.

Regie

Bühne und Kostüme

Dramaturgie

Mit:

Elisabeth

Ein Schupo (Alfons Klostermeyer)

Präparator

Oberpräparator / 3. Schupo

Baron mit Trauerflor / Kamerad

Irene Prantl / Arbeiterfrau

Frau Amtsgerichtsrat

Herr Amtsgerichtsrat / Invalide / Vizepräparator (5. Bild)

Maria

Kriminaler / Oberinspektor / Vizepräparator (1. Bild) / Lebensretter Joachim

Sebastian Muskalla

Schauspiel von Ödön von Horváth

Premiere

Freitag, den 25.09.2009, 19.30 Uhr

Kleines Haus