Gesellschaft Freunde der Künste

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Gesellschaft der Freunde der Künste nimmt Stellung: Von der Finanzkrise zur Kulturkrise, ein Kommentar von Andreas Oehler

Jürgen Schneider, Deutschlands berühmtester Baupleitier der letzten 30 Jahre, ist in diesen Tagen wieder als Interviewpartner gefragt. So hat ihm die Süddeutsche Zeitung am Freitag, 14. November, eine Dreiviertel-Seite Platz gegeben, von seiner Milliardenpleite und der Gier der Bankmanager zu erzählen. Besonders interessant fand ich eine Randbemerkung, mit der Schneider deutlich macht, dass sich in Deutschland etwas verschoben hat, was wahrscheinlich entscheidend zur derzeitigen Krise beitgetragen hat. Schneider erzählt, dass er im Taunus ein Schlösschen gekauft und edel restauriert hat, um damit über den Villen der Banker zu residieren – und diese zu beeindrucken. Denn er hatte festgestellt: Heute sind nicht mehr die Kirchen die höchsten Gebäude vieler Städte, sondern die Glaspaläste der Banken. Dort thronen die Finanzmanager wie Halbgötter über dem Volk und lassen sich anscheinend nur noch beeindrucken, wenn sich einer über ihnen platziert. Das hat sich Schneider zu Nutze gemacht.

Deutlich wird dadurch meines Erachtens ein Kultur- und Wertewandel, der in Deutschland bzw in der westlichen Welt stattgefunden hat. Früher war der Glaube, die gemeinsame Religion, die Mitte der Gesellschaft. Man hat Kirchen wie den Kölner Dom, das Ulmer oder das Freiburger Münster ja nicht nur errichten lassen, um einen großen Raum für Gottesdienste zu schaffen oder die Macht der Kirche zu demonstrieren. Die Spender - reiche Bürger oder die Fürsten – wollten damit der Stadt oder dem Land ein archiktektonisches, kulturelles, gesellschaftliches und spirituelles Herz geben. Kirchen in zentraler Lage sollten mit ihrem Reichtum an Architektur und Kunstschätzen symbolisieren, dass die Spender und die Erbauer die Religion als hohes oder gar höchstes Gut ansehen. Hier lernen die Bürger Werte wie Demut, Vertrauen, Respekt, Rücksichtsnahme, Verantwortung etc – und damit die fundamentalen Werte kennen, die für jede Gesellschaft existenziell notwendig sind. Und außerdem gibt ihnen das Band der gemeinsamen Religion im wahrsten Sinne des Wortes eine weitere Verbindung, die Klassen-, Rassen- oder Schichtengrenzen nicht kennt – zumindest im Idealfall.

Sie ahnen es wahrscheinlich schon worauf ich hinaus will. Seit in Kirchen nur noch selten investiert wird und viele Städte im Zentrum lieber große Glaspaläste für Banken, Versicherungen oder Konzerne errichten lassen, haben sich die Werte verschoben. Das Geld, der maximale Gewinn ohne Rücksicht auf Kunden oder ganze Volkswirtschaften, ist zum höchsten Wert aufgestiegen. Dafür stehen die Glaspaläste der Banken. Durch die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise wird dies überdeutlich.

Wir blicken daher nicht nur auf riesige Geldverluste, sondern auch in ein tiefes, schwarzes, moralisches Loch aus Gier, Verantwortungslosigkeit und einen verheerenden Vertrauensverlust in Wirtschaft und Politik. Aus der Finanzkrise ist damit eine Wertekrise, ja eine Kulturkrise geworden. Und diese Krise ist nicht so leicht mit ein paar hundert Milliarden Euro zu bewältigen, wie es jetzt von Seiten unserer Politiker versucht wird. Man muss sich daher fragen, ob neben den Finanzmanagern und Politikern (die ja bei der Kontrolle oder als Aufsichträte öffentlicher Banken versagt haben) nicht auch die verantwortungslose Geldkultur der letzten Jahrzehnte auf die Anklagebank gehört.

Jürgen Schneider hat recht, wenn er darauf hinweist, dass es nur besser wird, wenn die verantwortlichen Finanzmanager auch bestraft werden. Und ich möchte hinzufügen: Wir brauchen nicht nur Strafen: Wir brauchen bei den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Medien ein radikales Umdenken. Wir müssen eine Kultur der Verantwortung etablieren, die Werte in den Mittelpunkt stellt, die Verbindung, Stabilität, Respekt, Sicherheit und Vertrauen schaffen.

Warum nicht viele Milliarden statt in veraltete Autofabriken oder öffentliche Banken ohne sinnvolles Geschäftsmodell zum Beispiel in die energietechnische Modernisierung vieler Häuser stecken. Das wäre ein sinnvolles Konjunkturpogramm, weil es Arbeit bringt und den Bürgern hilft, die Energiekosten radikal zu senken. Oder, warum nicht Milliarden in die Belebung toter Innenstädte investieren, damit die Menschen wieder Spaß daran haben, die Plätze und Straßen zu bevölkern und dort Geld auszugeben. Das schafft Lebenskultur und wäre ein großartiges Konjunkturpogramm, finde ich. Und: Ganz wichtig wäre es, endlich viel Geld in die Hand zu nehmen, um den Kindern der Unterschicht Chancen auf bessere Bildung zu geben. Wenn wir es weiter zulassen, dass jedes Jahr 20 bis 25 Prozent der Schulabgänger nicht reif für den Arbeitsmarkt sind, haben wir es bald mit einer gesellschaftlichen Katastrophe zu tun, denn diese jungen Menschen müssen ihr Leben lang von der Gesellschaft ernährt werden. Investitionen in Bildung wären also auch ein sinnvolles Konjunkturprogramm. Und dass damit so gleichgültig umgegangen wird, zeigt wiederum, dass wir in einer Kulturkrise stecken.

Doch was tun, wenn sich Politiker und Manager nicht dieser eigentlichen Krise annehmen? Wir sollten nicht warten, bis andere handeln! Ich werde deshalb Sonntagmorgen wieder häufiger ganz altmodisch in die Kirche gehen. Für mich eine Art wöchentliche Demonstration, um zu zeigen: Dort können wir Werte finden, an denen sich die Gesellschaft orientieren kann. Und wir sollten diese Kulturkrise nicht länger verschweigen oder lediglich in kleinen intellektuellen Zirkeln diskutieren.