Gesellschaft Freunde der Künste

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Kuratoren: Lilian Engelmann, Holger Kube Ventura

Frankfurter Kunstverein - Sven Johne: Berichte zwischen Morgen und Grauen

In der Ausstellung „Sven Johne: Berichte zwischen Morgen und Grauen" führt der Frankfurter Kunstverein mehrere der wichtigsten Werkgruppen des Künstlers aus den vergangenen sieben Jahre in einer Übersicht zusammen. Diese Einzelausstellung bietet die Möglichkeit, die Präzision seines künstlerischen Ansatzes umfassend zu ergründen.

Sven Johne verfolgt einen konzeptuellen Ansatz der dokumentarischen Fotografie. Er beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Ereignissen, recherchiert die Hintergründe von medialer Berichterstattung und gefundenem Bildmaterial, sucht die dort erwähnten Orte auf und beginnt sie zu dokumentieren.

Oft sind es kleine Meldungen und Randnotizen aus der lokalen Presse, beispielsweise zu Selbstmorden, Schiffsuntergängen oder Amokläufen, die Sven Johne zur Spurensuche veranlassen.

Dabei entstehen Fotos, Texte, Videos und Archivsammlungen, die in seinen Arbeiten konzeptuell verbunden und hinsichtlich ihrer Authentizität und ihres Beweischarakters hinterfragt werden.

Johnes zyklisch angelegte Arbeiten verschmelzen dabei Fiktion mit Wirklichkeit: Nicht die Wahrheit der Meldungen ist entscheidend, sondern das, was erzählt wird in Relation zur Welt.

Die Elemente seiner Arbeiten fungieren als scheinbare oder echte Beweise von Einzelschicksalen, die wiederum Ausdruck gegenwärtiger sozialer, wirtschaftlicher und politischer Konstellationen sind.

Wie unter einem Brennglas lässt der Künstler dabei individuelle Schicksale oder einen außerordentlichen Einzelfall zu exemplarischen Porträts des gesellschaftlichen Status Quo werden.

Indem sich Sven Johne zunächst wie ein investigativer Reporter den in seinen Bild-Text-Zyklen und Videos aufgegriffenen Themen nähert, stellt er auch die Frage inwiefern künstlerische Arbeiten nicht nur als Destabilisierungen von Informationsgehalten gesehen werden können, sondern selbst eine eigene Art von Information über Zusammenhänge der Welt liefern.

Der Horizont der Ausstellung und des begleitenden Kataloges ist es, Nachrichten als Produkte aus Geschehen, Darstellung und Rezeption auszuloten und deren Möglichkeitsbedingungen zu bestimmen.

Der Macht der Erzählung - die fest verbunden ist mit ihren Produktionstechniken - spürt Sven Johne in seinem Video „Tears of the Eyewitness" (2009) nach. In einem professionellen Filmset werden zwei Männer gezeigt, die von der Kamera umkreist werden.

Einer der Männer erzählt auf eindringliche Weise von den dramatischen Ereignissen, die sich 1989 in Leipzig ereignet haben. Für den Betrachter bleibt bis zum Ende des Videos unklar, ob der zweiten Person hier die Rolle eines Zuhörers oder eines Zeitzeugen zukommt.

Ist es seine Geschichte, die hier erzählt wird? Könnte er anderes berichten? Oder hat die Erzählung etwa eine ganz andere Funktion, als über ein bestimmtes Ereignis zu berichten?

Auch in der Arbeit „Badende, Lampedusa" (2009) stellt Johne das Vertrauen in Bilder und Dokumente auf die Probe: Eine Serie aus elf Farbfotos zeigt vergnüglich anmutende Badeszenen von Touristen an Stränden und Buchten. Nur durch das Wort „Lampedusa" - der Name der italienischen Ferieninsel - werden diese Szenen mit dem Wissen kontrastiert, dass dies ein Ort zahlreicher Tragödien ist:

Es sind vor allem afrikanische Migranten, die über Lampedusa den europäischen Kontinent zu erreichen versuchen und nicht selten als im Wasser treibende Leichen enden. Durch die Gegenüberstellung von Tourismus und Migration thematisiert Sven Johne in dieser Bildserie globale gesellschaftliche und ökonomische Zusammenhänge und Ungleichheiten.

Das Motiv des gesellschaftlichen Scheiterns und dessen methodische Untersuchung durchzieht den Großteil von Sven Johnes Werk. Auch in seiner neuesten Arbeit „Hafen, Harbour" (2010), die er für die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein produziert hat, spielt es eine grundlegende Rolle.

Sie besteht aus fünf Bildern, die vom Meer aus fotografierte Perspektiven ein und derselben Hafenanlage vor einer Großstadtsilhouette zeigen. Lichtquellen wie Fenster-, Fassaden- oder Straßenbeleuchtung wurden mit schwarzer Farbe übermalt, so dass die dargestellten Szenerien eine dunkle, geheimnisvolle Anmutung bekommen.

Zusätzlich beschreiben fünf Texte jeweils den Moment, an dem eine Person am helllichten Tag unterwegs auf der Straße einschläft. Diese Form des Entgleitens aus gesellschaftlichen Zusammenhängen und Normen setzt Johne in Bezug zu den verdunkelten, Fassaden einer Stadt, die auch nachts nicht zur Ruhe kommen mag.

Sven Johne (geb. 1976 auf Rügen) lebt und arbeitet in Berlin. Seine Arbeiten sind in zahlreichen nationalen und internationalen Sammlungen vertreten. Teile seines Werks waren unter anderem zu sehen im Center for Photography in Barcelona, im Kunstmuseum Bonn, Kalmar Kunstmuseum und im ZKM - Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe.

Sven Johne ist im März 2010 mit dem Karl Schmidt-Rottluff Stipendium 2010 der Studienstiftung des deutschen Volkes ausgezeichnet worden, die besonders begabte Künstler fördert.

Im Kontext der Ausstellung erscheint ein umfassender Werkkatalog mit Beiträgen von Werner D'Inka, Jens Kastner und Catrin Lorch, herausgegeben vom Frankfurter Kunstverein im Verlag Revolver Publishing by VVV, Berlin.

Anlässlich der Ausstellung produziert Sven Johne eine limitierte Künstleredition mit dem Titel „Sunset".

Kuratoren: Lilian Engelmann, Holger Kube Ventura

Die Publikation und die Ausstellung werden von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung im Programm „Kataloge für junge Künstler" und von der FAZIT-STIFTUNG gefördert.

Sven Johne: Berichte zwischen Morgen und Grauen
13. Mai - 25 Juli 2010


PRESSE: Julia Wittwer (Leitung), Christine Sturm (Assistenz i.V.)
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