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Fotokunst von Sigmar Polke und Man Ray: Licht - Bilder in Karlsruhe bis 22.2.2009

Hochkarätige Fotokunst steht im Zentrum dieser außer-gewöhnlichen Ausstellung. Zum ersten Mal werden Arbeiten von zwei international bekannten Künstler-Fotografen der ersten und der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einer Doppelschau gemeinsam vorgestellt. Sie stammen von Man Ray (1890 – 1976), dem amerikanischen und lange Zeit in Paris lebenden Maler, Filmemacher und Objektkünstler, und von Sigmar Polke (geb. 1941), einem der bedeutendsten Vertreter der deutschen Gegenwartskunst. Beide haben die Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums auf gleichermaßen überraschende wie faszinierende Weise erweitert und mit Experimentierfreude und Erfindungsreichtum, mit Neugier und Offenheit für das schöpferische Potenzial des Zufalls fotografisches Neuland betreten. So bietet die Ausstellung in der Städtischen Galerie Karlsruhe nicht nur einen repräsentativen Überblick über das fotografische Werk beider Künstler, sondern eröffnet in der Gegenüberstellung auch aufschlussreiche Vergleichsmöglichkeiten.

Die Präsentation ist in Zusammenarbeit mit der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln, vorbereitet worden. Für den Man Ray gewidmeten Teil werden Fotografien und dokumentarisches Material von bedeutenden öffentlichen und privaten Leihgebern, insbesondere von der Man-Ray-Privatsammlung Renate und L. Fritz Gruber, Köln, zur Verfügung gestellt. Die Werke von Sigmar Polke – darunter neueste Arbeiten aus den letzten Jahren – stammen aus der renommierten Sammlung von Ute und Eberhard Garnatz, in der das vielgestaltige Oeuvre des Künstlers schon seit langem einen besonderen Schwerpunkt bildet.

Seit Anfang der 1920er Jahre setzte sich Man Ray, Pionier des Dadaismus und Surrealismus, intensiv mit den Ausdrucksmöglichkeiten der Fotografie auseinander. In Paris, wo er seit 1921 lebte und in engem Kontakt zur dortigen Avantgarde-Szene stand, machte er rasch Furore – nicht nur mit seinen unverwechselbaren Porträtaufnahmen berühmter Zeitgenossen wie Salvador Dali, Jean Cocteau oder Pablo Picasso, sondern auch mit freien künstlerischen Arbeiten, die längst als Ikonen der modernen Lichtbildkunst gelten. Seine Expeditionen in unbekanntes Terrain erwiesen sich als so originell und einflussreich wie kaum ein anderer Beitrag zur experimentellen Fotografie jener Zeit. "Ein gewisses Maß an Verachtung für das angewandte Material ist unabdingbar für die reinste Realisation der Idee", so begründete der Künstler selbst 1934 seinen durchschlagenden Erfolg.

Verzerrungen und Bewegungsunschärfen, Mehrfachbelichtungen und Experimenten mit der Farbfotografie galt seine Leidenschaft ebenso wie dem Fotogramm, also der "Fotografie ohne Kamera", die er zur "Rayographie" weiterentwickelte. Neue Möglichkeiten einer schöpferischen Bildsprache eröffneten sich ihm nicht zuletzt durch die zunehmend perfektionierte Technik der Solarisation, ein Verfahren der Überbelichtung, das geradezu ein Markenzeichen der künstlerischen Fotografie Man Rays wurde. Neben den freien Werken entstanden kommerzielle Modefotografien für Zeitschriften wie "Vogue" oder "Harper’s Bazaar". Auch bei diesen Aufnahmen bevorzugte er traumhaft-surreale Arrangements und setzte seine Modelle mittels Spiegelungen und Doppelbelichtungen wirkungsvoll in Szene.

Man Ray, der mit bürgerlichem Namen Emmanuel Radnitzky hieß, floh 1940 vor den deutschen Besatzungstruppen über Lissabon nach New York und ließ sich anschließend in Hollywood nieder. 1951 kehrte er nach Paris zurück. Dort lernte er 1956 den passionierten Fotografiesammler und Publizisten L. Fritz Gruber (1908–2005) kennen, mit dem er zwei Jahrzehnte lang beruflich und freundschaftlich verbunden war. Diesem Kontakt sind u.a. die Einzelausstellung des Künstlers im Rahmen der "photokina"-Bilderschau in Köln 1960 oder das 1963 erschienene Buch "Man Ray Portraits" zu verdanken. Im Laufe der Jahre haben L. Fritz Gruber und seine Ehefrau Renate Gruber darüber hinaus eine facettenreiche Sammlung mit Originalen und dokumentarischem Material zu Leben und Werk Man Rays zusammengetragen, aus der zahlreiche Leihgaben für die Ausstellung zur Verfügung gestellt werden.

Seit langem gehört Sigmar Polke, 1986 mit dem Goldenen Löwen der Biennale Venedig ausgezeichnet, 2000 mit dem Kaiserring von Goslar und 2007 mit dem Rubenspreis der Stadt Siegen, zu den herausragenden und international renommierten Künstlern der Gegenwart. Seine immer wieder überraschenden, sich jeder Verbindlichkeit entziehenden Stilwendungen sind das Ergebnis einer Vorgehensweise, die eine Fülle von Ideen, Themen und Materialien aufgreift, dabei unbefangen aus dem Fundus der Kunstgeschichte und der Reproduktionen zitiert, den Zufall absichtsvoll nutzt und mit technischer Experimentierfreude in Erstaunen versetzt. Alchimistische Neugier, spielerischer Witz und jede Menge Ironie, aber auch Kritik an gesellschaftlichen Phänomenen und philosophische Reflexionen sind für seine oft in Serien realisierten Werke charakteristisch.

Von Anfang an beschäftigte sich Sigmar Polke neben Malerei und Grafik auch mit Fotografie und Film. Für ihn existiert kein Unterschied in der Wertigkeit der einzelnen Medien, er nutzt vielmehr die Eigenheiten der einen Gattung, um sie mit den charakteristischen Möglichkeiten einer anderen zu verbinden. Daraus resultieren verblüffende Grenzgänge zwischen Sein und Schein, zwischen Ernsthaftigkeit, Banalität und Magie. In der Dunkelkammer – oder am Fotokopiergerät – gewinnt er dem Zufall der chemischen Prozesse, der Mehrfachbelichtungen oder vorsätzlich falsch angewandten Verfahren frappierende Bilder ab, die trotz aller Verfremdung die ursprüngliche Vorlage bzw. das Abbild der Wirklichkeit noch ahnen lassen.

Das Spektrum seiner fotografischen Arbeiten reicht von der Bemalung eigener Schnappschüsse über manipulierte und im Labor überarbeitete Aufnahmen bis hin zu den umfangreichen Serien der kameralos hergestellten Fotogramme, bei denen radioaktiv strahlende Gesteinsbrocken das Papier mit ihren unscharfen "Leuchtspuren" belichtet haben. Außerdem sind zahlreiche Beispiele jener Werkgruppe vertreten, bei der Polke die Möglichkeiten einer spezifischen Fotokopiertechnik einsetzt hat. Wie kein anderer beschäftigte er sich in den 1990er Jahren mit der für jedermann leicht zugänglichen Fotokopie und erzielte durch Bewegungsmanipulationen der Vorlagen während des Kopiervorgangs Unschärfen und Verzerrungen, die immer wieder neue Metamorphosen und konvulsivische Bild-Verrenkungen bewirken.

Ausstellungsort: Städtische Galerie Karlsruhe bis 22.2.2009, Infos unter: www.staedtische-galerie.de