Das "exground filmfest" in Wiesbaden gehört zu den wichtigsten deutschen Festivals für Independentfilme. Zum 21. Mal zog es vom 14. Bis zum 23. November mehr als 12000 Filmfans aus nah und fern an. Das Programm war wie gewohnt vielseitig: Die Zuschauer konnten sich auf mehr als 250 Kurz- und Langfilme aus der ganzen Welt freuen, die nicht zum Mainstream des Unterhaltungskinos gehören. Doch dass der Film in Wiesbaden eine lange Tradition weit über das Festival hinaus hat, wussten vermutlich die wenigsten Besucher. Seit den 20er Jahren wurden in Wiesbaden Filme produziert und in den 50ern genoss die hessische Landeshauptstadt ihre Blütezeit als Filmstadt. Bis heute haben noch viele Organisationen der Filmwirtschaft hier ihren Sitz.
Fernab vom Mainstream
Anfang der 90er betrieb in Wiesbaden die Familie Ebert alle Kinos. Zum Leitwesen vieler Filmfans liefen dort jedoch nur Mainstream-Filme. "Wir wollten einfach mal was anderes sehen", erinnert sich Andrea Wink vom Organisationsteam des "exground filmfest". Zusammen mit anderen jungen Filminteressierten machte sie Nägel mit Köpfen und organisierte das erste Festival. Seitdem ist das "exground" stark gewachsen. Fand es anfangs nur an einem Wochenende statt, gibt es inzwischen ein 10-Tages-Programm aus Filmvorführungen, Wettbewerben, Podiumsdiskussionen und Partys an vier Standorten in Wiesbaden und zum ersten Mal auch in Frankfurt. Die Filmauswahl umfasst nicht Kurz- und Langfilmformate, sondern auch filmische Experimente, schräge Spielfilme und Dokumentationen. Länderschwerpunkt ist dieses Jahr Spanien. Das Festival-Team hat vor allen Dingen Filme des baskischen Regisseurs Julio Médem ins Programm gestellt.
Doch auch Filme von regionalen Regisseuren und Produzenten werden gefördert. "Wir haben festgestellt, dass auch aus Wiesbaden viele Talente kommen", erzählt Andrea Wink. Zum vierten Mal findet deshalb der "Wiesbaden-Spezial-Kurzfilm-Wettbewerb" statt. Zu sehen sind auch Animationsfilme von Kommunikationsdesignern der Fachhochschule Wiesbaden. Die Themen kreisen dieses Mal überwiegend um ernste Sujets. So ist in Peter Ederers Film "Der Uhrmacher" beispielsweise ein Zukunfts-Szenario einer entmenschlichten, mechanisierten Welt zu sehen und der Kurzfilm "Pure Random" von Numan Acar und Suza Kohlstedt handelt von dem weltweit zunehmenden Phänomen willkürlich verübter Gewalttaten.
Das filmische Geschehen beschränkt sich in diesem Jahr bei "exground" nicht nur auf die Leinwände der Kinos. Das Hamburger Team vom Projekt "A Wall is A Screen" veranstaltet einen abendlichen Stadtrundgang durch die Wiesbadener Innenstadt und projiziert Kurzfilme auf Häuserfassaden. Dabei wird darauf geachtet, dass die jeweilige Kulisse bewusst mit den Filmen korrespondiert. Den Höhepunkt um Abschluss des Festivals bildet der mit insgesamt 6000 Euro dotierte "Deutsche Kurzfilm-Wettbewerb".
Klein-Hollywood in Hessen
Fest steht: Das Filminteresse hat in der Kurstadt eine lange Tradition. Bereits in den 20er Jahren schätzen Regisseure die Kulisse des Rheingaus. So auch der Wiesbadener Edy Dengel, der mit seiner Produktionsfirma "Axa Company" Filme wie "Der Mann mit der Totenmaske" dreht. Als sich Ende der 40er Jahre das Afifa-Kopierwerk, eine Ufa-Tochter, in Wiesbaden niederlässt, beginnt für die hessische Landeshauptstadt plötzlich eine große Zeit als Filmstadt. Zahlreiche Institutionen und Verbände rund ums Filmgeschäft wie die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO), die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), das Deutsche Institut für Filmkunde (DIF) und die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung ziehen nach Wiesbaden – und sind bis heute geblieben. Ein Grund für die Entwicklung: Berlin ist durch die sowjetische Blockade isoliert und Filmproduzenten suchen deshalb nach neuen Wirkungsräumen. In der Folge entstehen dann Klassiker wie "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" mit Romy Schneider in den Filmstudios "Unter den Eichen".
Ein Traum zerplatzt
Ab Mitte der 50er beginnt die Vision vom "Klein-Hollywood" in Hessen zu bröckeln. Das Ufa-Vermögen wird aufgelöst, so dass die Filmbranche in Wiesbaden in eine Finanzkrise gerät. Außerdem hält das Fernsehen Einzug in die Wohnzimmer und die große Zeit, in der die Kinokassen klingeln, flaut ab. Ende der 50er kauft der Unternehmer Karl Schulz das Produktionsgelände "Unter den Eichen" auf und gründet die TaunusFilm GmbH. Ab 1964 nimmt das ZDF seinen Sendebetrieb in Wiesbaden auf und bleibt für mehr als 20 Jahre dort. Als das ZDF weg zieht, drohen die Filmstudios auf dem Mediengelände wieder leerzustehen. Dann will sich der neu gegründete Sender RTL in Wiesbaden niederlassen. "Doch diese Chance wurde schlichtweg verschlafen", stellt der Wiesbadener Filmemacher Günther Klein fest. Die hessische Landesregierung lehnt das Angebot ab, weil sie denkt, dadurch das Aufkommen des Privatfernsehens verhindern zu können. Immerhin wird in Wiesbaden bis in die 90er Jahre unter anderem für Privatsender wie SAT.1 und RTL produziert. Auch heute befinden sich auf dem Mediengelände immer noch Firmen aus dem Bereich Film-, Fernseh- und Videoproduktion wie die IFAGE-Filmproduktion. Doch die große Zeit der "Traumfabrik am Kochbrunnen" ist vorbei.
Noch nicht aller Tage Abend
Trotzdem ist die Filmkultur nicht ganz aus Wiesbaden verschwunden. Neben dem "exground" gibt es inzwischen auch weitere Filmfeste wie das "Go East Festival des mittel- und osteuropäischen Films", die "Werkstadt für junge Filmer" oder das "Internationale Trickfilmwochenende". Seit Anfang 2000 bietet die Stadt Wiesbaden in der Caligari FilmBühne zudem regelmäßig anspruchsvolle Filme an. Auch als Drehort ist die Kulisse Wiesbadens gefragt. So werden etwa große Teile der Krimiserie "Ein Fall für zwei" in der Kurstadt gedreht. Für Günther Klein ist der Zug auch noch nicht ganz abgefahren. Rein logistisch habe Wiesbaden zwischen Mainz mit dem ZDF und Frankfurt mit dem Flughafen einen guten Standort. Wiesbaden sei zwar keine Großstadt, "aber durch die Architektur und den Glamour als Kurstadt ist sie immer noch eine Stadt mit Goldrand", betont der Filmemacher. In der bisherigen Filmtradition sieht er auch die Verpflichtung, die Filmkultur weiter zu betreiben. "Allein durch die IFAGE hat Wiesbaden als Dokumentarschmiede einen hervorragenden Ruf", weiß der ehemalige Redaktionsleiter der IFAGE-Filmproduktion, die ebenfalls "Unter den Eichen" ansässig ist.
Der Nachwuchs kommt inzwischen auch aus einer anderen Richtung. Die Animantionsfilme des Studiengangs Kommunikationsdesign der Fachhochschule Wiesbaden können im internationalen Vergleich durchaus mithalten. 2007 gewinnt eine ihrer Produktion bei den "Internationalen Filmfestspielen in Cannes" sogar einen Preis. Professor Rolf Schubert von der Fachhochschule schätzt Wiesbaden als Medienstandort. Er legt Wert darauf, dass sich die Studierenden einen umfassenden Umgang mit elektronischen Medien aneignen, denn "Durch das Internet und das Web 2.0 stehen uns noch einige Veränderungen bevor", prophezeit er. Vielleicht kommt ja dann - so hofft nicht nur er - eine neue Chance für Wiesbaden, um wieder besser im Rampenlicht zu stehen.


Quelle Veranstalter