Der ‚tolle Tag’ ist der Tag von Figaros Hochzeit mit Susanne, der Kammerzofe der Gräfin Rosine, die mit Graf Almaviva verheiratet ist. Figaro, der Kammerdiener des Grafen, weiß nicht, dass seine zukünftige Braut auch von seinem Herrn begehrt wird, der sie sich mit dem ‚Recht der ersten Nacht’ zu Willen machen will. Dies wiederum gefällt der Gräfin gar nicht, obwohl sie mit dem jungen Pagen Cherubin flirtet. Marceline, die Wirtschafterin des Grafen, verfolgt Figaro, den sie einst durch Geld an sich gebunden hat, und drängt ihn zu einer Hochzeit. Zusammen mit dem Arzt Bartholo unterstützt Marceline die Intrigen des Grafen.
In diesen komplizierten Liebeswirren verfolgt jeder seine eigenen Ziele und nur durch so manche List, einige Kostümwechsel und raffinierte Streiche kann das Paar am Abend dieses verrückten Tages seine Hochzeit feiern - der Graf, entlarvt, muss seine Gattin um Vergebung bitten.
Beaumarchais’ (1732-1799) unterhaltsame Komödie wirft ganz nebenbei einen scharfen Blick auf ungerechte Abhängigkeitsverhältnisse und Formen von Machtmissbrauch, die bei der Veröffentlichung im Jahre 1778 den französischen König erzürnten. So fiel ‚Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit’ zunächst der Zensur zum Opfer und wurde erst sechs Jahre nach der Entstehung in der Pariser Comédie Française uraufgeführt. Das Stück bildete den mittleren Teil einer Trilogie (1775 ‚Der Barbier von Sevilla’ und 1792 ‚Die schuldige Mutter’) und diente später Wolfgang Amadeus Mozart als Vorlage für seine Oper ‚Die Hochzeit des Figaro’.
Es inszeniert Tilman Gersch, der seit der letzten Spielzeit fester Regisseur am Staatstheater Wiesbaden und Mitglied der Schauspielleitung ist. Er arbeitet in Dresden, Leipzig und Göttingen und hat in Wiesbaden u.a. Sven Regeners ‚Herr Lehmann’, William Shakespeares ,Was ihr wollt’, ‚Nathan der Weise’ von Gotthold Ephraim Lessing sowie Heinrich von Kleists ‚Die Familie Schroffenstein’ inszeniert.
Location: Staatstheater Wiesbaden www.staatstheater-wiesbaden.de am 4./6./10.7.2009 um jeweils 19.30 Uhr
‚Figaro! Der tolle Tag‘ heißt Gerschs leichtfüßiges Sommertheater, mit dem er das Publikum in die Ferien entlässt. Zweifellos gelingt ihm ein unterhaltsamer Abend mit einem spritzig-witzigen Stück und durchweg exzellenten Darstellern, denen man die Freude am Spiel anmerkt. Allemal haben sie den herzlichen Applaus des Premierenpublikums verdient. (...) Wiesbadens Publikumsliebling Zygmunt Apostol ist ein höchst wunderbarer kleiner Cherubim in zerzauster Lockenperücke und T-Shirt mit Heart-Beat Aufdruck (...). Gersch setzt voll und ganz auf den Theaterzauber von Verwandlung und Verwechslung, von erotischem Verwirrspiel und komischer Eifersucht und auch auf Albernheit und Klamauk.
Wiesbadener Tagblatt/Wiesbadener Kurier, 16.06.2009
Bei Tilman Gersch (...) ist es eindeutig ein Liebes-Spiel, das gegeben wird: Die Lust und ihr Preis geben das recht hohe Tempo vor, die Ironie und den Kitzel. Wie Gersch kosten die Darsteller das weidlich aus. Monika Kroll als alternde Marceline auf Männerjagd ist eine Augenweide, die das Dilemma der Figur trotzdem ernst nimmt. (...) Gesungen und musiziert wird viel in Gerschs Inszenierung, und gar nicht mal schlecht. Benjamin Krämer-Jenster (Gärtner Antonio), Sebastian Muskalla (Richter) und Jörg Zirnstein (Doktor Bartholo) bekommen jeder ihren kleinen Glanzauftritt, vor allem das junge Paar aber ist passend besetzt: Michael von Burg ist ein komischer und doch immer wieder teuflisch funkelnder Figaro (...). Seine Suzanne (...) ist bei Friederike Ott niedlich mit ordentlichem Schalk im Nacken (...).
Die Inszenierung [hat] einen Rahmen bekommen, den ein kurioser Cherubim setzt: Zygmunt Apostol, Jahrgang 1931, gibt den Pagen. Zu Anfang und zu Ende sitzt er am Klavier und spielt eine zarte Melodie. (...) Als gebe es trotz all des Zynismus nichts Besseres, als an den Menschen und die Liebe zu glauben. Das ist ein wenig melancholisch – und ausgesprochen hübsch.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2009
Tilman Gersch [entschied sich] für den leichtfüßigen, ironischen (und pausenlosen) Spaß (...). Friederike Ott, eine quicklebendige Suzanne, legt auf Stöckeln (...) mit Figaro (ebenso munter: Michael von Burg) ein erstes Tänzchen hin. Tilman Gersch hat zwei der Rollen ungewöhnlich, aber reizvoll besetzt: Marceline (Monika Kroll) ( ...) und Cherubim sind deutlich älter, als im Stück vorgesehen. Zygmunt Apostols Cherubim spielt hübsch und verträumt Klavier, ist aber kein pubertierend Schwärmender, sondern ein alter Mann, der sein Herz an den und für die Frauen erwärmt –und wenn dabei ein oder zwei Küsschen abfallen, ist es ein Freudentag.
Frankfurter Rundschau, 16.06.2009
Neben der ständigen boulevardesk-frontalen Wendung an den Zuschauer von der Rampenmitte her ist es ihre Verspieltheit, die Gerschs Regie charakterisiert. All das hat hübsche Travestie-Charme, setzt die alte Lustspiel-Typik mit modernen Mitteln neu um und gibt einem alten Sittenbild Ansätze zu einem solchen für unsere Zeit. Darin ist Gerschs Regie durchaus gelungen.
Nachtkritik.de, 14.06.2009
Tilman Gersch zeigt als letzte Schauspielproduktion der Saison einen derart sommerlich leichten Spaß, wie man ihn sich fürs Freilichttheater wünscht. (..) Den schönsten Besetzungscoup landet die Regie aber bei der Figur des pubertären Pagen Cherubim, den der betagte Zygmunt Apostol mit schelmischer Tragikomik verkörpert: 50 Jahre auf der Bühne, 30 in Wiesbaden – und das ist allemal einer seiner ganz großen Auftritte. (..) Ein toller Tag für Figaro und seine Freunde, ein toller Abend fürs Publikum.
Echo-online.de, 16.06.2009
Regisseur Tilman Gersch ist hier im richtigen Element und darf mit komödiantischem Talent wuchern: Witz und Schalk, Zeit- und Gesellschaftskritik, kess parodierende Songs und bei allem Klamauk mitunter ein Hauch von Poesie, wofür in erster Linie Zygmunt Apostol in der Rolle des Klavier spielenden, sensibel improvisierenden Cherubim zeichnet. Den betagten Erzkomödianten ausgerechnet mit der Rolle des jugendlichen Herzensbrechers zu besetzen, ist ein besonderer Clou des Abends, denn wer könnte beseelter Komik servieren?
In der Titelrolle stehet Michael von Burg kämpferisch und schlitzohrig seinen Mann und wagt, dem hohen Gericht die Stirn zu bieten (...). Friederike Ott seine taufrische und emanzipierte Suzanne, die den liebestollen Grafen (machohaft: Michael Günther) mit unschuldiger Raffinesse über den Tisch zieht. Evelyn M. Faber sekundiert als Gräfin mit Koketterie und weiblicher Klugheit. Monika Kroll entdeckt als Marceline mit trockenem Humor ihre verschüttete Mütterlichkeit, woraufhin der trefflich Trompete blasende Bazile (sexy: Florian Thunemann) nicht mehr bei ihr vor Anker gehen kann. ‚Figaro‘ (...) ist ein spitziges Sommervergnügen, das nicht zuletzt durch Henrike Engels groteske Kostümparade auf beiden Seite der Rampe helles Vergnügen bereitet.
Frankfurter Neue Presse, 16.06.2009
Zygmunt Apostol hockt sich ans Klavier und klimpert erstaunlich versiert abgewandelte Gassenhauer. Der grandiose alte Mime spielt den jungen liebesverzückten Cherubim, der Effekt ist verblüffend. Hinreißend. Tilman Gersch inszeniert die aufklärerische Komödie als grotesken Mummenschanz in affengeil abartigen Klamotten. Henrike Engel darf sich bei den Kostümen austoben, entwickelt dabei fast zu viel Fantasie. Michael von Bug brilliert als Figaro, scharfzüngig, aufmüpfig, wendig, verschlagen, gefühlvoll. Zieht wieder alle Register seiner Kunst. Entzückender Abend, sehr verspielt, kurzweilig. Begeistertes Publikum. Wertung: Sehr gut
Bild, 17.06.2009
Regie
Bühne und Kostüme
Dramaturgie
Mit:
Graf von Almaviva
Gräfin von Almaviva
Figaro
Susanne
Friederike Ott
Marcelline
Antonio
Cherubim
Bartholo
Bazile

