Am Montag, den 30. August endete das viertägige Festival „LINIEN – ein Festival für Neue Musik“ mit der Zweitaufführung von Daniel Otts Raumkomposition „beschleunigung.lokhalle.9/04.“
Das eigens für die Lokhalle komponierte Werk wurde 2004 im Rahmen des Festivals „Experiment Geschwindigkeit“ uraufgeführt. Begeistert verfolgt von über 400 Besuchern konnte das einzigartige Konzerterlebnis gestern erfolgreich wiederholt werden:
23 mobile Musiker traten in musikalische Interaktion mit der riesigen Lokhalle, trommelten auf Stahlträgern, Bahnschienen und dem Betonboden des alten Industriedenkmals – teilweise positioniert auf 6 - 8 Meter hohen Türmen der alten Krananlagen.
Wie bei einem Staffellauf reichten die im Raum verteilten Bläser und Streicher die Töne von einem Instrument zum anderen weiter. Die Zuschauer verfolgten das Konzert auf Papphockern, mit denen sie sich wie die Musiker frei durch die Halle bewegen konnten.
Diesem großartigen Schluss- und Höhepunkt gingen vier Tage mit außergewöhnlichen Konzerten voraus. Das musikalische Programm des Festivals zentrierte sich um moderne amerikanische Musik und fand ein begeistertes und dankbares Publikum.
Der heimliche Star der musikalischen Großveranstaltung, die 80 Jahre alte Göttinger Lokhalle, hat sich als ein ganz besonderer und durchaus geeigneter Aufführungsort für die Neue Musik des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts erwiesen.
Und nicht nur für die oft gewaltige maschinen- oder großstadtinspirierte Musik wie das begeistert aufgenommene „City Life“ (1995) von Steve Reich, das am Sonntag Abend von Bundespreisträgern des Wettbewerbs „Jugend musiziert“ gemeinsam mit dem Frankfurter Ensemble Modern aufgeführt wurde.
Auch die phasenweise sehr leise schwingenden, kammermusikalischen Werke wie Isabel Mundrys feingliedriges Streichquartett „Linien – Zeichnungen“ (2002), das am Samstag Abend vom Nomos-Quartett gespielt wurde, fanden eine ganz besondere Wirkung. Inmitten von Stahlgerüsten konnte man zwischen den Tönen in manchen Momenten die buchstäbliche Stecknadel fallen hören.
Eröffnet wurde das Festival am Freitag Abend vom Göttinger Symphonie Orchester, das mit Werken von John Cage und Charles Ives ganz ungewohnte Wege einschlug.
Auch hier war die Lokhalle mehr als nur Kulisse: Die „Unanswered Question“ (1908) von Ives stellte die Trompete an diesem Abend von einem Kran hoch über den Köpfen der Zuschauer aus.
Die Flötistinnen antworteten ihr aus dem Zuschauerraum. Getragen wurden die Solostimmen von einem Klangteppich, den die auf der Bühne verbliebenen Streicher mit dem Rücken zum Publikum den Rücken webten.
So kamen die zahlreichen ZuschauerInnen ausnahmsweise in den Genuss, den wie immer tänzerisch beschwingt dirigierenden GMD Christoph-Mathias Mueller einmal von vorne zu bewundern.
Tanz und Musik gab es auch im Rahmen der „Spielwiese“ zu erleben: Über 2000 BesucherInnen konnten an den Wochenendnachmittagen bei kostenlosem Eintritt Auftritte der Göttinger Ballettschule Art La Danse und des international bekannten Butoh-Tänzers Tadashi Endo verfolgen.
Außerdem traten Musiker aus den Göttinger Partnerstädten Thorun und Cheltenham auf. Neben improvisierter Musik gab es Installationen von sechs Bildenden Künstlern, eine Projektionsperformance der Bühnenbildnerin Isabelle Krötsch und einen Vortrag zu Neuer Musik von der Göttinger Professorin Morag-Josephine Grant.
Insgesamt wirkten 260 Künstler im Programm des Festivals mit. Die Veranstalter werteten das Festival LINIEN mit insgesamt über 3500 Besuchern als einen großen Erfolg.
Anlass für Ort und Zeitpunkt dieses besonderen Ereignisses bot der Klangzug des Projektes „sounding D“ des Netzwerk Neue Musik, der vom 25. August bis 12. September 2010 in einer spiralförmigen Bewegung durch ganz Deutschland fährt.
Dieser klingende Sonderzug wurde am Montag, den 30.08.2010 um 11.30h an Gleis 11 des Göttinger Bahnhofs von einer Linie aus improvisierter Musik der Initiative „Shopping Music“ empfangen. Danach konnten interessierte Besucher im Zuginneren die Klanginstallation „Outside In Blue“ des kanadischen Komponisten Robin Minard bestaunen.
Diese verknüpft charakteristische Klänge aus den 15 Halteorten des Zuges mit Tönen aus Schlüsselwerken der Neuen Musik zu einer Geräuschkulisse, in welche die Besucher förmlich eintauchen konnten.
Außerdem begleitete das Zugteam kleine Gruppen auf akustische Entdeckungs-Touren rund um das Bahnhofsgelände. Die schönsten Ton-Funde gingen abends mit auf die Reise nach Essen – dem nächsten Haltepunkt des Zuges.
Linien - Festival für Neue Musik
Katharina Knüppel
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