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170 Jahre Roeckl

Fast zu schade zum Tragen. Erlesene Materialien gepaart mit eleganter Linienführung

Wenn die ersten Herbsttage anbrechen, freut man sich nicht nur darüber, die warmen Stricksachen aus den hinteren Ecken des Kleiderschranks nach vorne räumen zu können, sondern auch darauf, das Outfit wieder mit Handschuhen zu komplettieren. Denn trotz der Vielfalt an Materialien, Farben und Formen, trotz des besonderen Gefühls, welches unweigerlich mit dem Tragen von Handschuhen einhergeht,  kommen doch nur wenige auf die Idee, die Handbekleidung auch zu einer anderen als nur der kalten Jahreszeiten zu tragen. Eine Gewohnheit, die noch vor 50 Jahren eine Undenkbarkeit gewesen wäre.

Schon in der Antike besaßen Menschen Handschuhe. Zunächst nur getragen, um die Hände vor Kälte zu schützen, avancierte der Handschuh im 12. Jahrhundert zu mehr als nur einem wärmenden Accessoire: er wurde zu einem Sinnbild für Status und Macht. Während niedrigere Stände sich mit solchen aus Wolle zufrieden geben mussten, war es nur höheren Rängen vorbehalten, Handschuhe aus edlen Materialien wie Leder zu tragen. Weil der Ideenreichtum, was die Gestaltung der Handschuhe in Bezug auf Material und Verzierungen, kaum Grenzen kannte, entwickelte sich der Handschuh zu einem wichtigen Element des modischen Ausdrucks und wurde damit ein fester Bestandteil des täglichen Outfits.

Die Gepflogenheit, das Haus nicht ohne – meist farblich abgestimmte – Handschuhe zu verlassen, sollte sich erst in den 70er Jahren ändern. Mit dem Aufkommen der 68er Bewegung, die prinzipiell alle Modeartikel wie Handschuhe und andere Accessoires ablehnte, wurde der Handschuh mehr und mehr als überflüssiges Relikt vergangener Zeiten betrachtet, bis er sein Dasein schließlich nur noch im Winter frönte.

Keine einfache Zeit für den Handschuhhersteller Roeckl. Gegründet 1839 von Jakob Roeckl, der den Anspruch hatte die allerfeinsten Handschuhe zu fertigen, erlebte der Handwerksbetrieb schnelles Wachstum. Schon nach kurzer Zeit wurde Jakob Roeckl zum königlich-bayrischen Hoflieferanten ernannt – unter den Kunden: König Ludwig II. und Kaiserin Sissi.

 

Seither sind über 170 Jahre vergangen. Dass das Unternehmen Roeckl schon seit so langer Zeit besteht – und dabei nie aus Familienhand gegeben wurde, liegt vor allem an der Tatsache, dass die Tradition im Kern bestehen blieb, während von Generation zu Generation der Mut weitergegeben wurde, neue Wege einzuschlagen und dem Zeitgeist zu folgen. Eine Philosophie, die sich rückblickend auch in den Anzeigenbildern der Marke widerspiegelt. In den “Roaring Twenties“ beispielsweise – als die so genannte neue Frau, die Mut hatte, sich eigene Berufsfelder zu erobern, vielen Konservativen ein Dorn im Auge war – präsentierte Roeckl auf seinen Kampagnenmotiven Frauen, die sich ihrer neuen gesellschaftlichen Rolle als Vorbild in Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft stolz bewusst waren.

 

Die vielleicht couragierteste Vertreterin der Philosophie Roeckls, neuen Strömungen zu folgen, statt alten hinterherzuhängen, ist Annette Roeckl, die vor sieben Jahren die Führung der Firma Roeckl Handschuhe & Accessoires GmbH & Co übernahm.

Wenn man sich ihren Werdegang anschaut, sind der Schritt zur Unternehmensführung und ihre Hingabe an die Tradition eher eine Überraschung. Bis sie 20 Jahre alt war, trug Annette Roeckl aus Prinzip keine Handschuhe. Sie empfand die Familientradition als Last, rebellierte gegen die Bürde der Vergangenheit. Erst als ihre Mutter aufgrund eines Autounfalls plötzlich ausfiel und Annette Roeckl sie für einige Monate im Marketing vertreten musste, realisierte sie, wie viel Freude ihr die Arbeit im Unternehmen tatsächlich bereitete.

Als Geschäftsführerin in sechster Generation begreift sie die Fortführung des Familienunternehmens als einen Balanceakt zwischen Tradition und dem Mut zur Wandlungsfähigkeit. Wie schon ihre Vorgänger trägt sie den Anspruch weiter, Handschuhe in höchster Qualität zu fertigen. Um jene Qualität zu sichern, lässt sie sogar als eine der wenigen weltweit wieder einen Lehrling zum Handschuhmacher ausbilden – ein Beruf, der in den letzten Jahren fast verschwunden ist. Gleichzeitig ist sie immer bemüht, in innovativen Richtungen zu denken. So holte sie auch Andreas Aschauer Martinelli als Brand Manager ins Unternehmen, mit dessen Hilfe sie für modernen Wind sorgen will. Der gebürtige Wiener hat bereits für Versace gearbeitet und war als Kreativdirektor bei Wolford tätig.
Gleichzeitig konzentriert sich die 43-jährige darauf, andere Felder im Accessoirebereich weiter auszubauen. Ihr Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Kernkompetenz Leder – letztes Jahr gründete sie sogar eine eigene Taschen-Produktionsstätte im rumänischen Sebes.

 

Die Materialien für ihre Produkte lässt die Firmenchefin von überall aus der Welt liefern – wie das berühmte Peccary-Leder, das von der kleinsten Art des südamerikanischen Wildschweins stammt und in reiner Handarbeit mit bis zu 2.000 Stichen zu Handschuhen verarbeitet wird.

Aufwendige Handarbeit, die fast allen Roeckl-Handschuhen zugrunde liegt. Zu schade also, um sie nur an kalten Tagen zu tragen. Annette Roeckl selbst geht selten ohne Handschuhe aus dem Haus.Die Hand ist ihr zufolge, neben dem Gesicht, der individuellste Ausdruck des Menschen. Und der gehöre besonders verpackt und von erlesenen Materialien geschmeichelt.

Quelle: www.qvest.de

 

Publisher / Editor-in-Chief (v.i.s.d.p.)
Michael Kaune
kaune@qvest.de

 

Roeckl Handschuhe & Accessoires GmbH Co. KG
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Abbildungen:

Seidentuch und Handschuhe aus der Herbst-/Winterkollektion 2010/2011
Taschenkollektion zum 170. Jubiläum
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