Ein Sommertag im Haus der amerikanischen Familie Tyrone, August 1912. Die Mutter, Mary, ist erst kürzlich aus einem Sanatorium wiedergekehrt, wo sie wegen ihrer Morphiumsucht behandelt wurde - erfolglos, wie sich später zur großen Enttäuschung der Familie herausstellt. Ihr jüngster Sohn, Edmund, leidet an schweren Hustenanfällen - er hat Tuberkulose. Der ältere Sohn Jamie trinkt. Über allem steht der übermächtige Vater Tyrone, ein ehemals berühmter Schauspieler, dessen Geiz für die Sucht der Mutter verantwortlich gemacht wird...
O’Neills klaustrophobisches Stück dreht sich ganz eng um die vier Mitglieder der Familie Tyrone, die in gegenseitiger Abhängigkeit miteinander verbunden sind und nicht voneinander loskommen. Neben der Entdeckung der medizinischen Katastrophen sind es vor allem die Wunden der Vergangenheit, die die Familie nicht vergessen kann.
Zwischen Morgen und Mitternacht spielt das Stück an diesem nicht so ungewöhnlichen - aber langen - Tag voll Bitterkeit, unerfüllter Sehnsucht, Schuldzuweisungen, Liebe und Hass.
Eugene O'Neill, 1888 in New York geboren, stammt aus einer amerikanischen Schauspielerfamilie irischer Herkunft. ‚Eines langen Tages Reise in die Nacht’ weist unübersehbar autobiografische Züge auf: O’Neills Vater war Schauspieler, sein ältester Bruder war Alkoholiker, seine Mutter drogenabhängig. 1912 erkrankte O’Neill an Tuberkulose und begann im Sanatorium Stücke zu lesen und zu schreiben. ‚Eines langen Tages Reise in die Nacht’ entstand 1941, wurde aber erst nach seinem Tod im Jahr 1953 veröffentlicht und uraufgeführt.
Es inszeniert der renommierte Opern- und Schauspielregisseur Dietrich Hilsdorf, der 2007 mit dem deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet wurde. Er arbeitete in jüngster Zeit u.a. in Frankfurt, Essen und Leipzig. In Wiesbaden hat er zuletzt die Oper ,Der Freischütz’ und im Schauspiel ,Maria Stuart’ auf die Bühne gebracht.
Staatstheater Wiesbaden www.staatstheater-wiesbaden.de am 7.7.2009 um 19.30 Uhr zum letzten Mal
Durch diesen sich verdichtenden Zustand gewollten Realitätsverlusts bewegen sich alle vier Mitwirkenden sicher und – wie schön – nicht als Typen, sondern Charaktere, durch die zurückliegende Verletzung, Desillusionierung, Augenblicke der Selbsterkenntnis und trotz allen Hauens und Stechens ein Schmerz an sich selbst durchscheint. (...) Ein gelungen geschlossenes Ganzes. Langer, kräftiger Beifall und Bravos für alle.
Wiesbadener Kurier, 6.10.2008
Dietrich Hilsdorf macht es in seiner beeindruckend bedrückenden Inszenierung, die vom Premierenpublikum mit heftigem Beifall honoriert wurde, seinen vier Akteuren nicht leicht.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.10.2008
Eine Gespensterwelt. Hilsdorf verwechselt dabei Deutlichkeit nicht mit Plattheit.
Frankfurter Rundschau, 6.10.2008
Die Zeit scheint mitunter stehen zu bleiben, stark die Momente der Sprachlosigkeit, Blicke sprechen Bände, die Atmosphäre lähmt, ohne zu ermüden. Kleine Inseln der Romantik und Poesie machen den psychologischen Kleinkrieg erträglich. (...) Mit großer Behutsamkeit und Intensität überzeugt das Quartett der Darsteller. Wolfgang Jaroschka steht als Familienoberhaupt und Mime erschütternd vor dem Scherbenhaufen seines Lebens: ein Mann, dessen Lebensfunke nur noch beim Deklamieren von Shakespeare-Zitaten aufglüht. Michael Birnbaum skizziert die autobiografische Rolle des Edmund als rastlos Suchenden, dem man noch am ehesten einen Hoffnungsstrahl zugesteht.
Tobias Randel ist der im Grunde gutmütige, aber zu Exzessen aller Art neigende Sohn Jamie, Monika Kroll eine aus allen Lebensträumen gerissene Frau, die ihre Zuflucht am Piano, hauptsächlich aber in der Sucht findet, um endlich ihre Lebensentwürfe und ihre Liebesfähigkeit in einer irrealen Welt ausleben zu dürfen.
Frankfurter Neue Presse, 6.10.2008
Spannend, bedrückend, ergreifend, atmosphärisch dicht, grandios gespielt. Dietrich Hilsdorfs Inszenierung von Eugene O’Neills Psychodrama ‚Eines langen Tages Reise in die Nacht’ für das Wiesbadener Staatstheater darf auch schon ein halbes Jahr vor Ende der laufenden Spielzeit als ein Höhepunkt der Saison gefeiert werden. Alles ist stimmig. So wird der Zuschauer hineingerissen in den Strudel der Ereignisse.
Hilsdorf hat ein untrügliches Gespür für die Stimmungslagen in diesem Fangnetz aus hemmungsloser Liebe, schonungslosem Hass, Wahrheit und Lebenslüge. Wie Gespenster ihrer selbst bewegen sich die Protagonisten durch das unheimlich beleuchtete Haus. Getragen von einer immer wieder eingespielten klassischen Musik, die sich wunderbar schwebend zwischen Sehnsucht und Verzweiflung bewegt.
Aber es ist nicht das Autobiographische, das Hilsdorf und sein Ensemble interessiert. Es ist das Leben, das sich mal als zarte Schwingung und mal als zerstörerisches Beben gebärdet, welches die Künstler in zwei grandiosen Theaterstunden beschreiben. So bleiben die letzten Momente der Aufführung, in denen Monika Kroll als Mary wie ein Gespenst die lange Treppe aus dem Obergeschoss des Hauses herunterkommt, lange in Erinnerung. Unendlich traurig ist dieser Augenblick.
Main Echo, 6./7. Januar 2009
Regie
Bühne
Kostüme
Musik
Dramaturgie
Mit:
James Tyrone
Mary Tyrone
James Tyrone, jr.
Edmund Tyrone

