Frankreich zu Zeiten des Hundertjährigen Krieges. Das Mädchen Johanna, das in der lothringischen Provinz die Schafe hütet, wird zur Retterin vor der englischen Besatzungsmacht. Sie kämpft im Glauben an die Allmacht ihres Gottes, den sie als den „Schlachten-Gott“ erkannt hat,und führt das französische Heer, dessen verzagender Führer, der französische König Karl, kurz vor der Kapitulation stand, von Sieg zu Sieg.
In Zeiten von Glaubenskriegen und religiösen Fundamentalismen wirft der Stoff nicht nur ein Licht auf die Allianz zwischen Religion und Krieg. Schiller lotet mit der Geschichte der jungfräulichen Heldin das Rätsel Mensch und dessen, wozu er fähig ist, die Grenzen seines Willens und seiner Macht aus. Wie auch im Wilhelm Tell oder im Wallenstein fragt Schiller nach den Möglichkeiten und Bedingungen des außergewöhnlichen Menschen in politischen Krisenzeiten.
Die Begabung des Einzelnen und seine Berufung zu Größtem und Höchstem stehen einem schroffen Abgrund bedrohlich nahe. Völlig überrascht sieht sich denn auch die scheinbar unbeugsame Jungfrau mit einer Macht konfrontiert, vor der sie die Waffen dann doch strecken muss. Ungewollt gerät sie auf das Schlachtfeld der Liebe, wo sie dem Feind, den sie im Krieg noch bezwungen hat, unterliegt. Im Zweikampf mit dem Engländer Lionel verliebt sie sich.
Die Verwirrung dieses Gefühls lässt sie straucheln –die Anschuldigungen ihres eigenen Vaters, der Teufel habe ihr ihre Macht verliehen, lassen sie fallen. Anders aber als in der Legende der historischen Johanna endet Schillers Geschichte nicht auf dem Scheiterhaufen. Seine Heldin fällt auf dem Schlachtfeld und wird in einer Apotheose zur göttlichen Jungfrau und Märtyrerin.
Der österreichische Regisseur Georg Schmiedleitner erarbeitet nach Maria Stuart und Faust
Pressestimmen
Reinhard Mahlberg betritt locker die schwarz umhängte Bühne, greift sich einen Barhocker und legt los. Im schlichten Anzug und in bester Diktion erklärt er uns den Abend. Das macht er prima, denn das Stück ist wahrlich nicht einfach: religiöse Verzückung, machtpolitisches Kalkül, wechselnde Fronten, Engländer, Franzosen, Militärs, Bauern, Erzbischöfe, gekrönte Häupter und Edle zuhauf. "Die Jungfrau von Orleans" gilt auf der Bühne als das schwierigste Stück Friedrich Schillers. Verzückungsmonologe und Marienvisionen sind heutzutage ebenso schwer verkäuflich wie Nationalismus, Schlachtengewimmel und Krönungsjubel […].
Über zwanzig dramatische Personen fasst die Regie in einer sechsköpfigen Herrentruppe zusammen. Sie treten in Doppelrollen jeweils aus dem Chorus und sagen uns, wo es lang geht. Jens Atzorn (Du Chatel / Montgomery), Thorsten Danner (Raoul / Herzog von Burgund), Michael Fuchs (Karl VII. / Königin Isabeau), Reinhard Mahlberg (Thibaut / Erzbischof / Talbot), Jaques Malan (La Hire), Matthias Thömmes (Dunois / Lionel) tun dies überwiegend tadellos […] und so gelingen Schmiedleitner zwischen großen Operntableaus und modernem Volkstheater durchaus pralle, sinnliche Theatermomente. Dem Männersextett steht Dascha Trautweins Johanna einsam gegenüber. Kurz ist die jungfräuliche Unsicherheit, knapp der religiöse Eifer und kräftig der kämpferische Furor. […] Mannheimer Morgen
[…] Dascha Trautwein kann sich auch ganz auf die Rolle der Jungfrau konzentrieren. Sie hat sich zum einen das Kindliche bewahrt, entspricht dem romantischen Klischee einer Schäferstochter, aber ihre Stimme trägt auch gut über turbulentes Geschehen. Wenn es ans Töten geht, stellt ihr Bühnenbildner Florian Pargs allerlei Bühnenmagie zur Verfügung: Mit einer Nebelmaschine in der Hand hüllt sie die Gegner ein, ein heftig pendelnder Scheinwerfer verstärkt das Chaos, hervorgerufen durch riesige Packpapierbahnen, durch die sich die Kämpfer durchwühlen müssen. Und als sie mit Montgomery den ersten Engländer umbringt, indem sie ihm das Genick bricht, erklingt ein ziemlich hässliches Knackgeräusch aus den Lautsprechern.
[…] Diese Johanna wird gefeiert: Im größten Moment ihres Triumphs, der zugleich ihren Untergang einleitet, ergießt sich ein Regen von goldenen Sternen und Papierschnipsel über sie und verwandelt die Bühne in eine Wunderlandschaft. Zuvor hat die junge Heldin mit sehr irdischen Problemen zu kämpfen: Sie soll verheiratet werden, und natürlich mangelt es nicht an Bewerbern. Doch sie fühlt sich zu Höherem berufen und muss sich da erst mal durchsetzen. Auch da ist der sprachliche Bezug auf unsere Gegenwart hilfreich: Idole werden in der Mediengesellschaft gemacht, um sie danach zu demontieren. Parallel dazu tauschen die siegreichen Männer ihre Jackets untereinander aus wie Fußballspieler ihre Trikots.
Schmiedleitner bietet beides: den klassisch zugespitzten Konflikt, vorgetragen mit angemessenem Pathos. Und er demonstriert einen lockeren Umgang damit. Als Raoul hat Thorsten Danner hehre Worte zu sagen, gleich darauf kehrt er als verletzter Herzog von Burgund auf die Bühne zurück, also schmiert er sich noch im Gehen etwas rote Farbe aufs Hemd. Jens Atzorn stirbt als Montgomery und steht danach als Du Chatel wieder auf. Matthias Thömmes bricht als Lionel das Herz der Jungfrau, macht sich als Dunois dagegen große Sorgen. Und Jacques Malan wechselt als La Hire immer wieder in die Erzählerposition. Das alles auf einer Bühne, die mal leergeräumt ist, um im nächsten Bild vollgemüllt zu werden - so kurzweilig haben die Feiern zu Schillers 250. Geburtstag auf der Bühne begonnen.
Stuttgarter Nachrichten, 08.01.09
[…] Dieser sehr souveräne Umgang mit dem großen Text beginnt auf der fast leeren Bühne, bis der Regisseur gemeinsam mit seinem Ausstatter Florian Parbs imaginäre Räume öffnet. Schlachtengetümmel als Kampf mit Packpapier-Bahnen, ein Scheinwerfer, der drohend vom Schnürboden pendelt, manchmal genügt eine Handvoll Konfetti, die Michael Fuchs in die Höhe wirft und mit Hackentrick verteilt, um die Sorglosigkeit dieses Königs zu zeigen. Mit weißer Maske und Ohrringen schlüpft er wenig später gespenstisch in die Rolle seiner Mutter Isabeau: Auch sie gehört zur Riege der Krieger, die fein unterschieden sind und doch von einer Sorte. Der größte Wunsch dieser Männertruppe ist es, dass Johanna, der sie nach dem Sieg vertraulich die Schenkel betatschen, sich endlich als Frau bekennt.
Aber das interessiert diese Johanna nicht. Schiller lässt sie einen „Donnerkeil im Munde“ führen, der bei Dascha Trautwein aus den Tiefen eines unverbildeten Charakters zu tönen scheint. Der jungen Schauspielerin gehört der größte Jubel nach der begeistert aufgenommenen Premiere am Dienstag. Trautwein meidet den hohen Ton und die visionäre Entrücktheit, die dieser jungen Kriegerin gerne gegeben werden. Mit ihrer starken Stimme und der sehr direkten Art könnte sie auch bei der Nachtschicht am Raststätten-Tresen bestehen. Hier aber hat sie höhere Aufgaben.
Mit Lionel (Matthias Thömmes) tanzt sie für einen Augenblick den Schlachtfeld-Blues, Montgomery bricht sie mit lautem Knacken das Genick. Und auf dem Höhepunkt dieses Erfolgs stellt Schmiedleitner seine Heldin wie Sterntaler in einen blinkenden Goldregen, halb selig vom Erfolg, halb traurig, als ahnte sie, was kommen wird, während das Herren-Sextett im Hintergrund die Schlacht besingt, als seien die Comedian Harmonists aus dem Krieg zurückgekehrt.
Die zarten Töne halten aber nicht an, als Fahnenträgerin wird Johanna vor den Karren der lauten Siegeskapelle gespannt, den sie mühevoll zieht. Als Heldin gefeiert, als Hexe verbannt, als Feindin gefoltert: An der unerschütterlichen Selbstgewissheit, mit der Dascha Trautweins Johanna diesen wechselvollen Weg beschreitet, hat der Zuschauer bewegt Anteil.
Darmstädter Echo, 08.01.09
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