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einer der berühmtesten Tyrannen der Weltgeschichte

Die Krönung der Poppea (L’incoronazione di Poppea) am Staatstheater Wiesbaden - mit sinnlicher Schönheit und überbordendem Melodienreichtum

Monteverdis letztes Bühnenwerk ‚Die Krönung der Poppea‘ setzt die Pflege des barocken Opernrepertoires am Hessischen Staatstheater fort. Die Musik besticht mit sinnlicher Schönheit und überbordendem Melodienreichtum, im Mittelpunkt des Geschehens hingegen steht einer der berühmtesten Tyrannen der Weltgeschichte.

Nero brannte nicht nur Rom nieder, sondern frönte auch einem grenzenlos genießerischen Lebenswandel: Am Ende der Oper triumphiert er über sämtliche Feinde und macht seine Geliebte Poppea zur neuen Kaiserin.

Vier Millionen Sesterzen für Unmengen Rosenblätter, Rosenwasser, Rosenöl, Wein und Desserts aus Rosen – mit einem Worte ‚sub rosa‘ (unter Rosen). So nannte der römische Kaiser eines seiner üppigen Bankette, die er im Goldenen Palast auf dem Paladin durchführen ließ und die stets zu regelrechten Orgien ausarteten.

Als Höhepunkt dieses speziellen Gastmahls wurde ein riesiger Schwall Rosenblätter von der Decke herabgelassen und ergoss sich über die Gäste, sodass einige von ihnen sogar darunter erstickten.

Dies ist nur ein Beispiel für die mitunter perverse Dekadenz, die im alten Rom unter Nero an der Tagesordnung stand. Der Kaiser regierte nach Lust und Lieben. Als ihm seine Gemahlin über ist, setzt er kurzerhand seine Geliebte auf den Thron.

Alle Widersacher, die ihm bei diesem Plan begegnen, schafft er ohne Rücksicht auf Verluste aus dem Weg. Hofphilosoph Seneca, der das sittenlose Verhalten des Kaisers anprangert, wird der Selbstmord befohlen:

Er solle sich ein Bad einlassen und sich die Pulsadern aufschneiden. Sowohl Kaiserin Ottavia, Neros bisherige Gattin, als auch Ottone, Poppeas Ehemann, werden in die Verbannung geschickt.


Monteverdi war vor Händel, Mascagni, Boito und anderen der erste Komponist, der sich Nero als Hauptfigur für eine Oper aussuchte. Für den Handlungsverlauf wählte er zusammen mit seinem Librettisten Busenello die Poppea-Episode als Sujet aus den geschichtlichen Aufzeichnungen des Tacitus.

Bei der Uraufführung im Jahre 1642 in Venedig kam es jedoch einem Tabubruch gleich, keine antiken Sagengestalten, sondern historische Figuren auf die Bühne zu stellen. Auch musikalisch setzte sich mit der ‚Poppea‘ endgültig eine wichtige Neuerung des ersten großen Opernkomponisten durch:

Der von ihm geprägte lyrischere venezianische Stil gewann von nun an die Oberhand über die deklamatorischere Kompositionsweise der Florentiner Konkurrenz.

Monteverdi legte hier eine wichtige Grundlage dafür, dass das musikalisch-sinnliche Erlebnis prägend für die Gattung Oper wurde.
Besonders deutlich wird dies an ‚Pur ti miro, pur ti godo‘ (Darf dich schauen, darf dich halten), dem berühmten Liebesduett zwischen Nero und Poppea am Ende der Oper, das zum Schönsten gehört, was je für die Bühne geschrieben wurde.

Doch bei genauerem Hinschauen wirkt der zarte Klang äußerst befremdlich. Schließlich sind es zwei skrupellose Anti-Helden, die hier ihren Sieg des Lustprinzips über jegliche moralische Werte besingen. Will Monteverdi nun wirklich die reine Sinnlichkeit triumphieren lassen?

Oder ist sein Blick auf die Menschen seiner Epoche nicht doch kritischer? So lässt sich an diesem Kontrast zwischen musikalischer Form und Inhalt das zynische Sittenbild einer dekadenten Gesellschaft an der Schwelle von der Spätrenaissance zum Frühbarock ablesen – und dennoch gegossen in eine Musik, die auch pures Genießen zulässt …

Die Inszenierung liegt bei dem jungen Regisseur Markus Bothe, der am Staatstheater Wiesbaden schon erfolgreich Händels ‚Julius Caesar‘ und Donizettis ‚Viva la Mamma!‘ auf die Bühne gebracht hat.

Er arbeitet sowohl im Musiktheater als auch im Schauspiel an führenden Häusern in Hannover, Hamburg, Stuttgart oder Berlin. Seine Inszenierung ‚Roter Ritter Parzival‘ nach Wolfram von Eschenbach am Schauspiel Frankfurt wurde für den diesjährigen Faust-Preis nominiert.

Eine regelmäßige Zusammenarbeit verbindet ihn mit Ricarda Beilharz (Bühne) und Dorothea Katzer (Kostüme). Zum ersten Mal trifft er auf Samuel Bächli, den musikalischen Leiter der Produktion, der für die Wiesbadener ‚Poppea‘ eine eigene Instrumentierung erstellte.

Für die spannende, griffige und sensible Inszenierung verantwortlich ist Markus Bothe, der keine 24 Stunden zuvor mit dem Faust-Preis geehrt worden ist. Er hat das Kunststück vollbracht, die historischen Figuren als Menschen von komplexem Charakter zu zeigen und realistische Situationen zu schaffen. 

Ein kongeniales Bühnenbild (Ricarda Beilharz) überrascht. Es besteht aus zwei Teilen, einer leicht schrägen Ebene vorn, einer leicht konkaven, hochgeklappten Hälfte dahinter mit einer Unzahl fest montierter Stühle als Kletterhilfen und Nischen für Musiker. 

In dieser bemerkenswerten Optik finden Komik nach Art Shakespeares, Heiteres und Tragisches und Intimes statt.  Neben der präsenten musikalischen Leistung  brilliert die Sängerbesetzung durchweg.

Wer nach Bothes und Bächlis Arbeit noch kein Monteverdista ist, könnte es werden: Diese ‚Krönung der Poppea‘ hat das Zeug zum Saison-Highlight, nicht nur für Fans der Alten Musik.

Gießener Allgemeine, 29.11.2010

Markus Bothe hat sich für seine Wiesbadener Neuinszenierung zu einem risikofreudigen Spagat entschlossen, er achtet die Quellen und wagt zugleich frech Frisches. Statt eines Orchesters im Graben hat er mehrere Instrumentengruppen im Raum verteilt:

Harfe und Schlagwerk in den Seitenlogen, Cembalo, Streicher und Holz auf der Bühne, das Blech in Kästen an der aufsteigenden Wand, das Klavier in den Rudimenten des Grabens, rechts vorne am Bühnenrand der Dirigent Samuel Bächli, zugleich ständig für Portativ, Celesta und Akkordeon.

Die Musiker bewältigen die Herausforderung, sich unter diesen Umständen zu synchronisieren und zum Teil sogar noch in das Spiel mit einbezogen zu werden, ausgezeichnet.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2010

Passionierte Macht als die Macht des Herzens und die Sinnlichkeit des Herrschens wird in Wiesbaden durch die Sänger vorzüglich beglaubigt. Die Regie stellt sie als sinnhafte, begehrende, aggressive oder kecke Akteure vor. 

Samuel Bächli hat die musikalische Leitung und auch die Instrumentation der Oper übernommen: nicht affektüberladen im Duktus, dafür mit ungewöhnlichen Klangquellen wie Klavier, Celesta und Ziehharmonika, was markante Farben ins Spiel bringt.  Sehr gut spielte das 22-köpfige, über die gesamte Bühne verteilte Orchester.

Frankfurter Rundschau, 30.11.2010

30 Minuten vor der Vorstellung findet eine Einführung zur Oper im Foyer statt.

Musikalisches Drama in einem Prolog und drei Akten von
Claudio Monteverdi

Libretto von Giovanni Francesco Busenello

In italienischer Sprache mit Übertiteln

Samstag, den 29.01.2011, 19.30 Uhr

Großes Haus

Aufführungsdauer: 2 Stunden 20 Minuten. Eine Pau

Musikalische LeitungSamuel Bächli
InszenierungMarkus Bothe
BühneRicarda Beilharz
KostümeDorothea Katzer
DramaturgieAndreas Gründel
Mit:
Ottone / NutriceMatthew Shaw
OttaviaMerit Ostermann
NeroMartin Homrich
PoppeaSharon Kempton
SenecaBernd Hofmann
Arnalta / Lucano / 1. Soldat / Familiare di Seneca IErik Biegel
2. Soldat / Familiare di Seneca IIJochen Elbert
Liberto / Familiare di Seneca IIIReinhold Schreyer-Morlock
DrusillaEvgenia Grekova
 
  Orchester und Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

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