von Elfriede Jelinek
Elfriede Jelinek, Nobelpreisträgerin und gleichermaßen geliebte wie gehasste
Frontfrau der österreichischen Dramatik, hat das Stück zur Krise geschrieben.
Geprellte Kleinanleger und kaltherzige Banker liefern sich eine Schlacht um
Recht und Unrecht, in der Worte die einzigen Waffen sind. Die einen beklagen
ihre Verluste, die anderen singen der unbegrenzten Freiheit des Marktes ihr Loblied.
Einer wird gewinnen, und es werden wieder einmal nicht die kleinen Leute
sein, die den längsten Atem haben. Mit ihrer Wirtschaftskomödie, die auf aktuelle Bankenskandale in Österreich Bezug nimmt, beschreibt Jelinek die Amoralität des heutigen Wirtschafts- und Finanzsystems so treffend, wie es keiner vor ihr je getan hat. Die Sprechblasen gegenwärtiger Wirtschafts- und Medienidiomatik arrangiert sie zu einer irrwitzigen Sprachpartitur irgendwo zwischen Ironie und Obsession und rechnet ab mit der fatalen Geldgier, die Kleinanleger und Manager letztendlich verbindet und die unsere kapitalistische westliche Welt an den Rand des Abgrunds geführt
hat.
“Die Wirtschaftsgeschichte strotzt ja nur so von Verbrechen, die, retrospektiv betrachtet, zum Teil erstaunlich primitiv geplant waren.Was für eine Diskrepanz zwischen den unglaublichen Summen, die da von selbsternannten Finanzgurus, welche sich mit einer Aura der Wissenden und Eingeweihten umgeben haben, als Schneeball- Lawinen losgetreten wurden, von Leuten, die nicht einmal einen Schneemann bauen könnten, Summen, die sich irgendwann in Schmutzwasser aufgelöst haben, und der Hilflosigkeit der Kontrollbehörden mit allen ihren Unkenntnissen (das kann ein sehr komisches Element bedeuten!), und die cleversten Leute fallen dann auf so was rein.
Diese Skandale sind das, was von der großen Krise abfällt (die sie, oft erst nach Jahren, wie beim Fall Madoff, plötzlich an den Tag bringt), aber in ihnen bündelt sich – wie im Kriminalroman sich die Grausamkeit und Brutalität der Gesellschaft wie der Dampf, der durchs Ventil eines Druckkochtopfs schießt, entlädt – in ihnen bündelt sich also die Gier und die Gemeinheit und alles, was den Kapitalismus allgemein so beliebt gemacht hat, bis er schließlich gesiegt hat.
Ich verstehe nichts von Wirtschaft oder nicht viel, aber gerade das ist mir reizvoll erschienen, denn ganz offensichtlich versteht die Masse der Geschädigten, die ihr Geld verloren hat, auch nicht viel mehr davon. Ich wollte, wie immer in meinen Stücken, die Sprache von der Leine lassen und schauen, in welchen Winkeln sie schnüffelt und was sie von dort aus dem Schmutz und Staub zutage fördert. Was mich interessiert, ist das plötzliche Auftauchen immer neuer Fragen und Infragestellungen des Kapitalismus, der doch gesiegt hat und seither sakrosankt ist.
Mir kommt die Wirtschaft (die zu den schwierigsten Gebieten überhaupt gehört)
immer wie ein Mobile vor, beim geringsten Berühren, ja nur einem Atemzug, gerät das feine Gestänge, geraten die Fäden, an denen wir unten zappelnd hängen (was wir nicht wissen, wir glauben ja, daß wir das Rad drehen), in Bewegung, und man weiß nie, wo sie wieder zur Ruhe kommen, die Fäden. Da sind so viele Parameter, daß man sie im Grunde nicht fassen kann. Ich sehe überall nur Fehler, weil sich nichts von diesen Parametern festmachen und bestimmen lässt.
Die einen glauben an Keynes, die anderen an Hayek, die dritten an jemand anderen, manche schon wieder an Karl Marx, die Menschen sind mit der Verwaltung ihres mühsam verdienten Geldes total überfordert, die Banken sind es inzwischen auch, es ist ein riesiges Chaos im Begriff zu entstehen. Man kann sein finanzielles Schicksal in die Hände von niemand mehr legen. Keiner kennt sich mehr aus, und das Wissen, das man dafür erwerben kann, gibt es nicht, es gibt eben unendlich viele Wissen über das Geld, das ja nur ein bedrucktes Stück Papier ist, vorgesehen zum symbolischen Tausch: Geld oder Leben!
Gier hat mich schon immer sehr interessiert, ich habe ja auch einen Roman mit
diesem Titel geschrieben. Die Erfahrung, schon etwas zu haben, scheint zu genügen, um immer mehr davon haben zu wollen. Man macht sich ununterbrochen auf denWeg, zu dem, was einem endlich genügen soll, aber das gibt es nicht, weil einem eben nie etwas genügt. Es ist eine unaufhörliche Bewegung zu dem, was man sein möchte, da man es schon war, nur eben kleiner und geringer. Man will also mehr vom selben. Es reicht einem nie, was schon da ist.“
Elfriede Jelinek
Premiere am 21.11.2009, 19.45
Weitere Aufführungen
24.11.2009
4,17.12.2009
Besetzung
Inszenierung Tilman Gersch
Ausstattung Miriam Grimm,
Musik Hans Kaul
Dramaturgie Barbara Wendland
mit Benjamin Berger, Johann Diekmeyer, Ingrid Domann, Philip Hagmann, Andreas Jeßing, Gerrit Neuhaus, Marie-Isabel Walke, Sybille Weiser
Kontakt
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