Ein Stück von Maxim Gorki, das am Vorabend der Russischen Revolution spielt, als hochamüsante und zugleich ätzend ironische Studie einer heutigen Mittelstands-Gesellschaft?
Stephan Kimmig ist dieses Kunststück in seiner Inszenierung ‚Kinder der Sonne‘ am Deutschen Theater Berlin vollauf gelungen – nicht zuletzt dank des hochkarätigen Schauspieler-Ensembles, das den Zuschauern der Internationalen Maifestspiele aus anderen Inszenierungen bestens bekannt ist:
Ulrich Matthes, Nina Hoss, Katharina Schüttler, Sven Lehmann, Alexander Khuon, Katrin Wichmann und Markus Graf machen diesen Abend zu einem Ereignis.
Kimmig hat das Stück einer radikalen Umarbeitung unterzogen und alles gestrichen, was bei Gorki auf die kommende Revolution verweist. Der Fokus liegt auf den titelgebenden ‚Kindern der Sonne‘: bessergestellten Akademikern um den Wissenschaftler Protassow.
Die Bühne von Katja Haß zeigt ein Labyrinth aus weißen Metallstreben – romantisch Veranlagte mögen darin eine ferne Ahnung des russischen Birkenwaldes erkennen. Man kann die Bühne aber auch als einen Raum sehen, der aus lauter glaslosen Fensterrahmen besteht. Es gibt kein Außen und kein Innen. Nur Leere.
Im Mittelpunkt der Aufführung steht Protassow, gespielt von Ulrich Matthes, der seinen eindrucksvollen Studien vom Leben gelangweilter Figuren ein weiteres, gestochen scharfes Porträt hinzufügt.
Seine Kunst, die Lebenslügen und die innere Ödnis seiner Figuren mit hauchfeiner Ironie zu überziehen, macht auch aus diesem Langweiler im Strickjäckchen ein erschreckendes und zugleich hochamüsantes Bühnen-Ereignis.
Mit genverändertem Mais will Protassow den Hunger in der Welt beenden. Die Erlöser-Attitüde passt vorzüglich zum lässigen Understatement, wie man es in Berlin-Mitte gern zur Schau trägt. Ob er selbst noch an seine Mission glaubt – wir erfahren es nicht.
Aber man schaut ihm gern dabei zu, wie er von seiner Arbeit schwadroniert, die ihm angeblich über den Kopf wächst, während man ihn de facto nicht eine Sekunde lang arbeiten sieht. Dafür ist er pausenlos mit irgendwelchem Naschwerk beschäftigt.
‚Arbeit‘ ist seine Ausrede, um sich dem Leben nicht stellen zu müssen: nicht der Tatsache, dass der Hausmeister seine Frau prügelt. Nicht der Tatsache, dass seine Frau von einem anderen Mann begehrt wird und an Protassows Lieblosigkeit fast zugrunde geht.
Aus den Auseinandersetzungen mit ihr bleibt keine Spur des Nachdenkens bei ihm zurück. Protassow ist virtuos darin, die Dinge nicht an sich herankommen zu lassen, aber dennoch ein professionelles Minimum an Empathie auszustrahlen, damit ihm niemand auf die Schliche kommt.
Seine Frau Jelena (gespielt von Nina Hoss) ist Universitätsprofessorin. Sie kümmert sich um alles und um alle: um die kranke Frau des Hausmeisters, um die junge Lisa (Katharina Schüttler).Sie ist eine professionelle Kümmerin, aber man fragt sich, was sie tatsächlich zu geben in der Lage ist.
Wenn sie Lisa nach deren hellseherischem Anfall immer wieder ins Bett schickt, dann ist das so routiniert, dass es scheint, als wolle sie vor allem die Nervensäge endlich loswerden. Über all dem hat sie offenbar verlernt danach zu fragen, wie es ihr selbst geht.
Nicht einmal ein massiver Liebesangriff des hysterischen Groupies Melanija (Katrin Wichmann) auf ihren Mann bringt sie aus dem Gleichgewicht. Offenbar ist ihr alles längst so egal wie die Liebe des Malers Wagin (Sven Lehmann).
Es sind äußerst zivilisierte, diskursgewandte Figuren, die Kimmig zeigt. Aber bei näherem Hinschauen trampeln sie rüde auf den Gefühlen der anderen herum, stochern ohne Bedenken in offenen Herzen und nehmen sich selbst genauso wenig ernst wie die anderen.
Es gibt viele große und kleine Tragödien an diesem Abend. Aber immer scheint es, als würden die Figuren sagen: alles halb so wild. Wir sind cool, wir können mit so etwas umgehen.
Ist es da schon so etwas wie ein Hoffnungsschimmer, dass Kimmig den jungen Figuren (gespielt von Katharina Schüttler und Alexander Khuon) noch eine Fähigkeit zum authentischen Fühlen zugesteht – auch wenn es tödlich endet?
‚Kinder der Sonne‘ in Stephan Kimmigs Inszenierung ist Schauspieler-Theater von höchsten Graden und zugleich ein schonungsloses Porträt eines selbstverliebten und geistig unfruchtbaren Intelligenzler-Biotops. Von diesen ‚Kapazitäten‘ ist nichts zu erhoffen, daran lässt Kimmig keinen Zweifel.
Aber wenn jene, die sich für die Gestaltung der Gesellschaft verantwortlich fühlen müssten, derart versagen – woher werden die entscheidenden Impulse für die Zukunft kommen? Der Regisseur beantwortet es mit einer Negativ-Utopie.
Der brutale und versoffene Hausmeister (Markus Graf) hat das Schlusswort: Mit einer Kopfwendung, die nichts Freundliches verheißt, wendet er sich ans Publikum: ‚Ihr werdet schon sehen.‘
Stephan Kimmig wurde 1959 in Stuttgart geboren. Er besuchte von 1981 bis 1984 die Neue Münchner Schauspielschule und begann anschließend als Regieassistent am Schiller-Theater in Berlin zu arbeiten. 1986 ging er als freier Regisseur nach Belgien und in die Niederlande. Er lebte von 1988 bis 1996 in Amsterdam.
Der Intendant des Theaters Freiburg Friedrich Schirmer engagierte ihn 1991 erstmals wieder in Deutschland. Von 1998 bis 2000 war er fester Regisseur am Schauspiel Stuttgart. Er arbeitet unter anderem am Thalia Theater in Hamburg, am Burgtheater Wien, an den Münchner Kammerspielen und am Deutschen Theater in Berlin bei Ulrich Khuon.
Mehrfach wurden Inszenierungen von Stephan Kimmig zum Berliner Theatertreffen eingeladen: 2002 ‚Thyestes‘ von Hugo Claus nach Seneca am Staatstheater Stuttgart, 2003 ‚Nora‘ von Henrik Ibsen am Thalia Theater Hamburg und 2008 ‚Maria Stuart‘, ebenfalls am Thalia Theater Hamburg.
Zwei Inszenierungen von Stephan Kimmig wurden in den vergangenen Jahren zu den Internationalen Maifestspielen gezeigt: 2006 die ‚Buddenbrooks‘ nach Thomas Mann (in der Dramatisierung von John von Düffel) und 2008 ‚Maria Stuart‘ von Schiller – beide Inszenierungen realisierte er mit dem Ensemble des Thalia Theaters Hamburg. Für die letztgenannte Arbeit erhielt er 2007 den Deutschen Theaterpreis DER FAUST in der Kategorie Beste Regie im Schauspiel.
Katja Haß, Bühnen- und Kostümbildnerin, wurde 1968 bei Krefeld geboren. Ihre Ausbildung absolvierte sie bei Erich Wonder in Wien. Anschließend arbeitete sie zwei Jahre als Bühnenbildassistentin von Anna Viebrock am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und entwarf dort die Bühne für Christoph Marthalers Projekt ‚SuchtLust‘.
Von 1996 bis 2000 war sie feste Bühnenbildnerin am Staatstheater Stuttgart, wo sie unter anderem die Bühne für Stephan Kimmigs Inszenierungen ‚Überleben’ von Judith Herzberg und ‚Thyestes’ von Hugo Claus entwarf. Seither arbeitete sie regelmäßig mit Stephan Kimmig und hat in den letzten Jahren nahezu alle Bühnenbilder für seine Produktionen entworfen.
Katja Haß war zwischen 2000 und 2002 Atelierleiterin am Thalia Theater und entwarf dort Bühnenbilder und Kostüme für die Regisseure Stephan Kimmig und Martin Kuej. Insgesamt war sie vier Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Seit der Spielzeit 2009/10 ist sie Atelierleiterin am Deutschen Theater Berlin.
Dass Maxim Gorkis ‚Kinder der Sonne‘ (...) jetzt am Deutschen Theater Berlin wie eine böse-komische Milieustudie unserer Tage wirkt, liegt nicht nur an einem glänzenden Ensemble. Stephan Kimmigs psychologisch genaue Regie verzichtet auf alle auftrumpfenden Effekte und auf politische Rechthabereien.
Kimmig und seine Dramaturgin Sonja Anders haben Gorkis Prä-Revolutionsdrama, geschrieben in Festungshaft während der ersten russischen Revolutionsversuche 1905, geschickt in die Gegenwart transponiert (...).
Merkwürdiges Paradox: Gerade indem Kimmig und Anders Gorkis Schauspiel entpolitisieren und in Richtung Beziehungsboulevard treiben, entwickelt ihre Fassung zeitdiagnostische Kraft und macht die russische Intelligenzia der vorletzten Jahrhundertwende zu unseren angenehm vertrauten Zeitgenossen.
(...) Es ist eine kluge, wunderbar leichte, hinter der komischen Oberfläche hoffnungslos melancholische Inszenierung, die mehr von unserem Leben erzählt als ein Großteil der Bühnen-Konfektionsware unserer Tage.
Süddeutsche Zeitung
Ein Drama in vier Akten von Maxim Gorki
Übersetzung von Ulrike Zemme
Fassung von Stephan Kimmig und Sonja Anders
Premiere: 15. Oktober 2010
Mittwoch, den 11.05.2011, 19.30 Uhr
Großes Haus
Aufführungsdauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pa
| Inszenierung | Stephan Kimmig |
| Bühne | Katja Haß |
| Kostüme | Anja Rabes |
| Musik | Michael Verhovec |
| Licht | Matthias Vogel |
| Dramaturgie | Sonja Anders |
| Mit: | |
| Pawel Fjodorowitsch Protassow | Ulrich Matthes |
| Lisa, seine Schwester | Katharina Schüttler |
| Jelena Nikolajewna, seine Frau | Nina Hoss |
| Dimitrij Sergejewitsch Wagin | Sven Lehmann |
| Boris Nikolajewitsch Tschepurnoj | Alexander Khuon |
| Melanija, seine Schwester | Katrin Wichmann |
| Jegor, Schlosser und Hausmeister | Markus Graf |
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