Christian, der Sohn des Chirurgen Richard Hoffmann, erlebt in einem Dresdner Villenviertel eine behütete Kindheit. Es sind die achtziger Jahre – eine Zeit der gesellschaftlichen Agonie. In Christians Familie ist man Arzt oder Schauspielerin, Lektor, Wissenschaftler oder Musiker.
Man pflegt Hausmusik, interessiert sich für Malerei und Architektur und verliert sich in Träumereien über die glanzvolle Vergangenheit der Stadt. Die Bewohner dieser ‚Turmwelt‘ schotten sich mit humanistischer Bildung und distanzierter Ironie gegen die Zumutungen des Systems ab und sind entschlossen, in ihrer komfortablen Nische zu überwintern.
Christian muss den ‚Turm‘ verlassen. Auf der Internatsschule in Waldbrunn erlebt er nicht nur die erste Liebe, sondern lernt auch Anpassungsdruck und den Zwang zur Doppelzüngigkeit kennen. Um einen der begehrten Studienplätze für Medizin zu bekommen, verpflichtet er sich für drei Jahre zur Armee.
Diese Welt mit ihren Schikanen und ihrer Stumpfsinnigkeit ist für Christian eine existentielle Herausforderung. Während seine Familie über Ausreise oder Dableiben nachdenkt, verschuldet Christian als Panzerkommandant den tödlichen Unfall eines Soldaten.
Im Armeegefängnis lernt er den untersten Höllenkreis des Systems kennen. Aber die Tage der DDR sind bereits gezählt.
Uwe Tellkamps Roman entwirft ein breit angelegtes Gesellschaftspanorama, das die letzten Jahre der DDR mit souveräner Erzählkunst und großer Authentizität beschreibt. Was Tellkamps Roman so attraktiv für Theater macht, ist, dass hier Geschichte in Geschichten erzählt wird.
Dabei konterkarieren Tellkamps detailreiche Schilderungen, seine lebensprallen Figuren und das exklusive ‚Turm‘-Milieu manches Klischee von der ‚grauen‘ und antibürgerlichen DDR und zeigen die verborgenen, vielfältig schillernden Seiten des Lebens in diesem Land.
Als Familiensaga und Bildungsroman knüpft er an die große bürgerliche Romantradition an. ‚Dieses Buch wird bleiben‘, schrieb Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung. ‚Der Turm‘ trägt autobiografische Züge und wurde 2008 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. 2009 erhielt Uwe Tellkamp den Deutschen Nationalpreis und den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Nach der Uraufführung des ‚Turms‘ in Dresden ist Wiesbaden das zweite Theater, das Uwe Tellkamps Roman in einer Bühnenadaption zeigt (die Fassung von John von Düffel wird hier erstmals aufgeführt; die Dresdner Fassung ist von Jens Groß und Armin Petras).
John von Düffel, der Tellkamps Roman im Auftrag des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden für die Bühne adaptiert, ist Autor zahlreicher Theaterstücke, Romane und Essays.
Er wurde ebenfalls mehrfach für sein literarisches Schaffen ausgezeichnet (u.a. mit dem Aspekte-Literaturpreis 1998). Seine Theateradaptionen von Thomas Manns ‚Buddenbrooks‘ (bei den Maifestspielen 2006 in Wiesbaden gezeigt) und ‚Joseph und seine Brüder‘ wurden von der Theaterkritik einhellig gelobt.
Hier wird wörtlich genommen, wie Uwe Tellkamp seinen DDR-Roman ‚Der Turm‘ untertitelt hat: ‚Geschichten aus einem versunkenen Land‘. (…) Das satirische Potential des ‚Turms‘ – hier wird es deutlich.
Frankfurter Allgemeine Zeitung. 22.11.2010
Gersch verrückt seinen tändelnd-verspielten Regiestil für Tellkamps nachgeholten Vatermord an der DDR ins Ernsthafte, bewahrt sich aber groteske Noten. Die epische Detailfülle bewältigt er, indem er reflektierenden Szenen wie zwischen Schevola und Meno Raum gibt, den Darstellern vertraut und mit West-Pop und Klassik alles auflockert.
Glänzt Michael von Burg als Christian agil in allen Registern vom unreif Verliebten bis zum Zyniker, so macht Wellings’ Richard sein Hin und Her aus Protest, Verrat und innerer Leere sehr plausibel.
Frankfurter Neue Presse, 22.11.2010
Originelle Einfälle, starke Bilder und berührende Momente machten den Abend zu einer kurzweiligen Angelegenheit.
Sächsische Zeitung, 22.11.2010
‚Der Turm‘ erzählt von einer bildungsbürgerlichen Nischengesellschaft im Dresden der 1980er Jahre, aber auch von brutalen Erlebnissen des Protagonisten in der Armee.
In Wiesbaden löst sich die Inszenierung über weite Strecken vom starken Lokalkolorit und richtet den Fokus auf dramatische persönliche Konfliktsituationen. So erreicht das Stück eine allgemeingültigere Darstellung des Lebens in Unfreiheit.
Neues Deutschland, 22.11.2010
Trotz der Schwere des Stoffs und beklemmender Momente findet der Regisseur Platz für humorvolle Augenblicke. Originelle Einfälle, eindringliche Bilder und berührende Momente machen den Abend kurzweilig.
Rheinzeitung, 22.11.2010
Die Wiesbadener Inszenierung von ‚Der Turm‘ zeichnet ein großes Panoramabild dieser besonderen DDR-Gesellschaft. Man bekommt ein gutes Gespür für die Verhältnisse seiner Zeit im Dresdner Turmviertel und tatsächlich einen neuen Blick auf verborgene Verhältnisse.
| nszenierung | Tilman Gersch |
| Bühne und Kostüme | Ariane Salzbrunn |
| Dramaturgie | Dagmar Borrmann |
| Mit: | |
| Christian Hoffmann | Michael von Burg |
| Richard Hoffmann | Lars Wellings |
| Anne Hoffmann / Verena | Doreen Nixdorf |
| Meno / Daniel | Jörg Zirnstein |
| Judith Schevola / Josta | Sybille Weiser |
| Ina / Reina | Lissa Schwerm |
| Dr. Wernstein / Jens / Pfannkuchen | Michael Birnbaum |
| Dr. Weniger / Dr. Sperber / Oberleutnant Fisch | Uwe Kraus |
| Chefarzt Dr. Müller / René Kaminski / Offizier / Fahner / Richtschütze / Militärrichter | Wolfgang Böhm |
| Lehrer Schnürchel / Feldwebel / Unteroffizier Hantsch | Benjamin Krämer-Jenster |
| Siegbert / Timo Kaminski / Burre | Michael von Bennigsen |
| Das alte Dresden / Asza Burmeister | Zygmunt Apostol |
| Chor / Soldaten / Schüler / Karbidarbeiter / Messegäste u. a. | Ensemble |
Nach dem Roman von Uwe Tellkamp
Bühnenfassung von John von Düffel, bearbeitet von Dagmar Borrmann und Tilman Gersch
Premiere am 20. November. 2010
Mittwoch, den 23.02.2011, 19.30 Uhr
Kleines Haus
Dienstag, den 15.02.2011, 19.30 Uhr
Samstag, den 26.02.2011, 19.30 Uhr
http://www.staatstheater-wiesbaden.de/?page=spielplan_detail&language=de_DE&eventDateId=8668322Donnerstag, den 03.03.2011, 19.30 Uhr
Mittwoch, den 09.03.2011, 19.30 Uhr
Freitag, den 11.03.2011, 19.30 Uhr
Aufführungsdauer: 2 Stunden 45 Minuten. Eine Pause.
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