Gesellschaft Freunde der Künste

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Jerusalem auf der Ruhrtriennale am 29. und 31.8. in Bochum

Das vergangene Jahrhundert hat Gott abgesetzt und die Profanisierung der Lebenswelt auf ihren Höhepunkt getrieben.

2009 beginnt ein neuer Ruhrtriennale-Zyklus, der sich über die nächsten drei Jahre erstrecken wird. Im Zentrum der zahlreichen Kreationen, Uraufführungen, Konzerte, Lesungen, Filmvorführungen und Diskussionsveranstaltungen steht unter dem übergreifenden Thema URMOMENTE die Frage nach der Entstehung von Kreativität und Spiritualität und ihrer ursprünglichen Beziehung zueinander. In den kraftvollen und inspirierenden »Spielräumen« der Industriekultur wird 2009 der Blick auf die jüdische Kultur gerichtet und dem Impuls des Aufbruchs gefolgt.

Das vergangene Jahrhundert hat Gott abgesetzt und die Profanisierung der Lebenswelt auf ihren Höhepunkt getrieben. Der Zeitgeist wehte weitab jeglicher Religiosität, es herrschte abgeklärte Aufgeklärtheit. Existenz- und Zukunftsängste sowie das Bedürfnis nach Orientierung in einer flüchtigen Moderne führen in den letzten Jahren zu einer Renaissance religiöser Überzeugungen und Glaubensformen. Fragen nach dem Anfang und dem Ende von Leben, Erfahrungen von Spiritualität oder Göttlichkeit, des Unsagbaren und Unbeschreibbaren jenseits von Rationalität und Bewusstsein werden wieder zugelassen.

Nach dem Zusammenbruch nahezu aller politischen Utopien gleich welcher weltanschaulichen Provenienz, wird die Frage nach der Sinnhaftigkeit menschlicher Existenz, nach möglichen Zukunftsentwürfen jenseits eines rein materialistischen Weltbildes unausweichlich. Dem enormen utopischen Potential dieses Themas und seiner gesellschaftlichen Brisanz im Prozess des Umbruchs unserer Welt will die Ruhrtriennale ein Forum geben. Die Kunst stand zu jeder Zeit der spirituellen Praxis sehr nahe, denn im Urmoment der Transzendenz entspringen Kreativität und Spiritualität aus dem gleichen Impuls.

Vor diesem Hintergrund möchte das Programm der Ruhrtriennale der Jahre 2009 bis 2011 einen Dialog mit verschiedenen spirituellen Traditionen führen und ihre transzendenten und künstlerischen Erfahrungen erforschen. Die Recherchen erkunden den Urmoment, die „Urszene“ religiösen Empfindens als exemplarische menschliche Erfahrung - unabhängig von manifesten Gottesvorstellungen, religiösen Regeln und Institutionen oder Kirchen.

Im Jahr 2009 richtet sich der Blick auf die jüdische Gedankenwelt unter dem Leitgedanken „Aufbruch – Die Suche nach dem Wort“, 2010 wird der islamische Kulturkreis und das Thema „Wanderung“ im Mittelpunkt stehen und 2011 unter dem Begriff „Ankunft“ der Buddhismus.

Im ersten Jahr des Zyklus liegt der musikalische Schwerpunkt auf Kompositionen des 20. Jahrhunderts von Arnold Schönberg bis zu Claude Vivier und Dichter wie Heinrich von Kleist, Franz Kafka, Else Lasker-Schüler, Pier Paolo Pasolini und Joseph Roth bilden weitere Fixsterne unserer künstlerischen Erkundungsreise.

Bei der Begegnung mit dem jüdischen Denken stehen große Themen auch der Kunst im Zentrum: die Frage nach der Bedeutung von Wort und Sprache, das Wissen um die Begrenztheit des Sagbaren und die Unaussprechlichkeit des Wesentlichen, die Kraft des Aufbruchs in das „gelobte Land“ einer anderen Wirklichkeit und die Heimatlosigkeit diesseits einer solchen Utopie.

Aufführung: Jerusalem 29. und 31.8.2009

»Gott hat einst nach Erschaffung der Erde und des Himmels alle Schönheit seiner Schöpfung in zehn gleiche Teile aufgespaltet. Neun Teile dieses Glanzes gab Gott der Stadt Jerusalem und nur einen Teil der restlichen Welt. Gleichermaßen wurden alles Leid von Gott in zehn Teile aufgespaltet. Neun Teile Trauer gab der Schöpfer Jerusalem und nur einen einzigen der übrigen Welt.«/ Talmud


Diese Erzählung aus dem Talmud vergisst, dass Gott auch neun von zehn Teilen des Hasses und der Unversöhnlichkeit in der Welt an Jerusalem vergeben hat. So lasten Leid und Trauer wie ein ewiger Fluch auf dieser sagenreichen Stadt – die doch mehr als jede andere zur geistigen Heilsgeschichte der Menschheit beigetragen hat. Gläubige aller drei monotheistischen Religionen betrachten Jerusalem als den Ort, den ihr Gott besonders gesegnet hat. Jerusalem wurde zum Ziel von friedlichen Pilgern sowie von kriegerischen Soldaten und Heeren, die gegen die Stadt zogen und sie über vierzig Mal belagerten, in Brand gesteckt, geplündert und verwüstet haben. Alle erheben Anspruch auf das heilige Jerusalem und wehren sich mit ganzer Kraft gegen die Ansprüche anderer gläubiger Menschen und anderer Götter.

Eine frühe Auslegung des Namens Jerusalem ist die Übersetzung seiner hebräischen Bezeichnung als Stadt der zwei Frieden, in deutlicher Anlehnung an den himmlischen und den irdischen Frieden – ersterer von Propheten versprochen und ausgerufen, letzterer von Machthabern aller Zeiten angestrebt.

Jüdische, christliche und moslemische Musiker stellen an diesem Abend das Schicksal der Heiligen Stadt vor. In Texten und Musikstücken erzählen sie von Menschen, die ihre Geschichte prägten und die mit ihren Träumen und Alpträumen, ihren Hoffnungen und Verzweiflungen hier lebten – jüdische, christliche und moslemische Stücke aus urdenklichen Zeiten bis in die Jetztzeit, in denen Jerusalem als Stadt auftritt, die hofft, eines Tages die zwei Frieden ihres Namens miteinander zu vereinen.

Quelle:
http://www.ruhrtriennale.de