Die großen Schaufenster-scheiben der galerie 61 sind durchscheinend undurchsichtig und der Raum von außen nur vage einsehbar. Dahinter verbirgt sich etwas, das Timo Nentwig als „Refugium“ bezeichnet:
Eine Landschaft aus Einwegpaletten die, mit Kissen dekoriert, zum Sitzen einlädt, bekrönt von einzelnen Möbelstücken: einem schlichten alten Stuhl, einer kleinen Truhe.
In der Mitte ein in den Raum hineinwachsendes Gerüst aus bunt lackierten Rohren, die zu Polyedern verschraubt und miteinander kombiniert eine große, organisch wirkenden Form bilden, die sich an mehreren Ankerpunkten, zwischen Raum und Decke spannt – und auf Bildern an den Wänden mehrfach wiederholt wird. Timo Nentwig bezeichnet diese, an Modelle chemischer Verbindungen erinnernden Objekte, als „Rhizome“.
Sie bestimmen seine Arbeit und tauchen immer wieder auf: So wachsen sie in seinem Film „Rastlos in Bielefeld“ (2007) in einem Hinterhof an der August-Bebel-Straße, dehnen sich bis auf das Dach aus, befallen andere Häuser, bis sie schließlich die ganze Stadt überwuchern.
Dieser Film, der wirkt, als sei er komplett am Computer generiert worden, ist auf beinahe altmodische Weise entstanden: Timo Nentwig hat ein riesiges Bild der Stadt Strich für Strich überzeichnet und – mal in Totale, mal in Nahaufnahme - in Einzelbildern aufgenommen; ein klassischer, hakelnder Trickfilm (was vom Künstler in den letzten Minuten auch dekonstruierend gezeigt wird).
Damit ist ein wichtiges Moment seiner Arbeiten genannt: Timo Nentwig möchte dazu bewegen aus der virtuellen Welt auszubrechen und reale Räume schaffen. Seine Rhizome – oft ergänzt, durch von ihm gefundenes und recyceltes Altmaterial – greifen dabei Momente des virtuellen auf.
Sie bilden kein festgefügtes, statisches Kunstwerk, sondern sind Elemente eines dreidimensionalen visuellen Spiels, die immer wieder gelöst und verbunden und beliebig miteinander kombiniert werden können.
Timo Nentwig schafft dabei Orte der Kommunikation, er verarbeitet – „benutzerorientiert“ - Wünsche der Ausstellungsbesucher in seine Installationen (so hat er seine Ausstellung bei den Artists (1.-2.5.10, 25 Jahre Artists Unlimited) um, nach den Körpermaßen der Besucher gefertigte Möbel aus Palettenholz ergänzt).
Und so wird auch seine Installation in der galerie 61 (im Sinne eines „work in progress“) wachsen und sich verändern. (Christian Stiesch)
Kontakt
Galerie 61
Neustädter Str. 10
33602 Bielefeld
Mobil: 0179 926 25 11
info@galerie61.de
Link
http://www.galerie61.de/ausstellungen.php?subMode=present&objectID=699

