Gesellschaft Freunde der Künste

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Das Museum der Zukunft - Mit Raum für Kreativität - Ein An-Denken an Joseph Beuys

Petra Elisabeth Siebert

Das Museum ist ein Tempel der Künste. Besucher kommen, begeistern sich für Ausstellungen prominenter Künstler, nehmen an Führungen, Begleitprogrammen und Workshops teil. Wer will, kann sich in Gesprächen und Vorträgen mit aktuellen Themen der Kunst beschäftigen. Dem Besucher wird Bildung geboten - das Museum: ein „Lern–und Seh-Ort “.

Ist das genug? Wo bleiben wir, die Besucher, mit unserer Persönlichkeit und unseren eigenen kreativen Möglichkeiten? Sollte die Institution Kunstmuseum nicht auch Menschen Gelegenheit geben, zusätzlich ihre Wahrnehmung zu schärfen und sich schöpferisch zu entfalten?

Meine Forderung nach einem „Raum für Kreativität“ in öffentlichen Museen ergibt sich aus der Beschäftigung mit zwei Themen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Dem „erweiterten Kunstbegriff“ von Joseph Beuys und der zukunftsweisenden Hirnforschung.

Bereits in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts kämpfte Beuys für einen „sozialen Organismus als Kunstwerk“ mit dem „Freiheitswesen Mensch im Mittelpunkt“. Er verstand den Menschen vor allem als kreatives Geschöpf, das  nicht nur den Spiegelungen im Gehirn erlegen ist.

Heiner Stachelhaus zitiert in seinem Buch „Joseph Beuys“ ein Gespräch, das zwischen Beuys und seinem Freund Hagen Lieberknecht 1972 stattgefunden hat: „....Gehirn als materielle Unterlage des Denkens, Reflexionsorgan, so hart und blank wie ein Spiegel. Wenn das bewusst ist, dass es ein Spiegelorgan ist, wird auch klar, dass das Denken nur vollzogen werden kann durch den Tod hindurch und es dann allerdings etwas Höheres gibt für das Denken: seine Auferstehung in der durch den Tod errungenen Freiheit, ein neues Leben für das Denken.“ Wieder bleibt manches im Dunkeln“, betont Autor Heiner Stachelhaus zwar in den 90er Jahren, für mich aber ist Beuys der Vordenker eines neuen Bewusstseins, das er auf zahlreichen Vorträgen propagierte.

Er war zuversichtlich, dass diese Erneuerung aus der Kunst kommt, aus dem „erweiterten Kunstbegriff“. „Der Mensch muss wieder nach unten mit den Tieren, den Pflanzen, der Natur und nach oben mit den Engeln und Geistern in Beziehung treten.“ Die Transformationen setzt der Mensch selbst in Gang. „Wenn auch das Kunstwerk das größte Rätsel sei – der Mensch sei die Lösung.“ 

 

Das Gehirn  - ein Spiegelorgan?

Mitte der neunziger Jahre entdeckt ein Forscherteam aus Italien, Giacomo Rizzolatti, Leonardo Fogassi, Vittorio Gallese und Luciano Fadiga, ein automatisch und ohne bewusstes Nachdenken arbeitendes neurobiologisches System, dessen einziger Zweck darin besteht, beobachtetes Verhalten anderer Menschen im Gehirn des Beobachters zu simulieren, zu spiegeln, also eine stumme Art, „nachzuspielen“. Handlungen, Empfindungen, Gefühle und Stimmungen, alles, was uns Andere vormachen oder zeigen, wird im Gehirn des beobachtenden Menschen – gleichsam wie in einem Spiegel – leise nachgeahmt. Nervenzellen, die darauf spezialisiert sind, bilden in unserem Gehirn das System der Spiegelneuronen (im Englischen wird es als „mirror neuron system“, MNS, bezeichnet). Spiegelnervenzellen „übersetzen“ das, was wir sehen oder miterleben, in eine Art diskretes inneres „Mit – Tun“.

Kinder und Jugendliche erkennen ihre Potenziale in den Spiegelungen der Erwachsenen. An der Art und Weise, wie sie von ihren Eltern, Lehrern und Mitmenschen wahrgenommen werden, versuchen sie heraus zu finden, wer sie sein könnten, dass heißt, worin ihre Potenziale und Entwicklungsmöglichkeiten bestehen. Die Erwachsenen erzeugen – über das System der Spiegelzellen im Kind bzw. im Jugendlichen – Resonanz. Dieses „Lernen am Modell“ wird für Kinder, Jugendliche und Erwachsene immer über das Gehirn aktiviert.

 (Joachim Bauer, „Lob der Schule“, 2007  und „Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneuronen“, 2005, „Im Spiegel der Gefühle: Die Erkundung der Empathiefähigkeit“, Prof. Dr. Christian Keysers, Neuro-Kongress Düsseldorf 2005).

Doch kann sich der Mensch von Spiegelungen im Gehirn befreien?

Es gibt einen Raum in uns, unsere Kreativität, die ursächlich nur mit uns selbst zu tun hat. Schon sehr früh fangen Kleinkinder an, zu malen, einfach so, ohne Ziel. Sie machen einfach. Sie verleihen ihren Gefühlen beim Malen eine ganz unmittelbare Form, es ist ein kreativer Akt, indem das Fühlen, Erkennen und Gestalten, das später hinzukommt, zu einer Einheit verschmelzen. Ein schwereloser Zustand. Sie sind eins mit sich selbst. Es gibt nicht richtig oder falsch – schon gar nicht begabt oder unbegabt.

Für Kinder ist dieser Zustand selbstverständlich, solange man sie frei lässt, nicht beeinflusst, nicht kritisiert. Ihre Phantasie ist grenzenlos, schwingt noch in Bereiche, die uns Erwachsenen längst verschlossen sind. Alles ist möglich. Das Empfinden, die Emotionen fließen direkt in den Pinsel, ohne störendes Hinterfragen, ohne Befangenheit und vorschnelles Werten und Kritisieren – wie es bei Erwachsenen üblich ist. "Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem besteht darin, wie es ein Künstler bleiben kann, wenn es aufwächst.“ (Picasso)

Wertigkeiten leben nur Erwachsene und verschließen sich oft damit für das eigene Potenzial und ihre schöpferische Phantasie. In uns gibt es aber einen Raum, der uns mit unserem schöpferischen Potenzial in Verbindung bringt, unsere Kreativität. Sie bewirkt Selbstbildung.

Kreativität hat ursächlich mit uns selbst zu tun. In jedem von uns ist kreative Kraft, Schöpferkraft, die wir aus uns selbst heraus aktivieren können. Uns Erwachsenen fehlt oft das Bewusstsein dafür, dass wir diese Quelle, diesen Raum in uns tragen, wir haben sie von Geburt an mitbekommen. Kreativität ist nicht erlernt, sondern als Kraft und Glaube an uns selbst da. Sind wir bei uns, im „schöpferischen fließen lassen“ ohne Zielvorgabe, erfahren wir uns über unsere innere Wahrnehmung, nicht durch Betrachten und analysieren, sondern durch unser eigenes Handeln. Ein losgelöster Prozess, der, wenn er gelingt, intuitiv erfolgt.

Unter diesen Prämissen sehe ich in dem „erweiterten Kunstbegriff“ von Joseph Beuys, der die Kreativität des Menschen in alle Lehr- und Lebensbereiche integrieren wollte, die Aufforderung, Orte zu schaffen, in denen Menschen ihr schöpferisches Potenzial völlig frei fließen lassen können, um „sein“ zu können.

Museen könnten und sollten diesen gewünschten und notwendigen Raum für Kreativität bieten. Sie würden damit ihren Kunstbegriff erweitern. Darüber hinaus würde so die Idee des Museums wieder unmittelbar mit der Frage nach dem Sinn des Lebens verknüpft. Mit anderen Worten: das Museum wäre nicht nur ein Ausstellungsort, sondern ein Freiraum, ein Raum frei von den Zwängen des Alltags, des Kaufens und Verkaufens, ein Raum, um die eigene Kreativität zu leben. Ganz nebenbei würden die Häuser durch diese Erweiterung attraktiver gemacht, enttempelt, falls gewünscht, und für neue junge Zielgruppen aus allen Kulturen geöffnet. Mit diesem Raumkonzept werden Besuchergruppen angesprochen, die den Kontakt zur etablierten Museumskunst bisher eher scheuen.

In Schulen und Kindergärten bedarf es ebenso solcher Räume der Kreativität, die völlig frei von den Vorgaben der Lehrpläne sind, die leer von Macht und Angst sind; indem es neben der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Themenbereichen / Lernbereichen / Unterrichtsfächern (klassischer Kunstunterricht), auch die Möglichkeit gibt, sein kreatives Potenzial nur durch die eigene Handlung zu erfahren. Es gilt, die Schöpferkraft aus uns selbst heraus zu aktivieren.

Denn: „Jeder Mensch ist ein Künstler “. Und das ist gut für unsere Gesellschaft.

 

Petra Elisabeth Siebert M.A. hat dieses Konzept „RAUM FÜR KREATIVITÄT“ aus ihrem beruflichen Werdegang als Kunsthistorikerin, Galeristin, Museumspädagogin, Projektmanagerin, ehemalige Geschäftsführerin einer Stiftung mit dem Förderschwerpunkt für frühkindliche Entwicklung, Bildung und Neurowissenschaft entwickelt und schon in Pilotprojekten (u.a. an Schulen) getestet.