In St. Jago, der Hauptstadt des Reiches Chili, bleibt kein Stein auf dem anderen. Die Erde bebt und mit ihr das veraltete und verkrustete Gefüge eines autoritären Staates. Zerquetscht liegen die alten Machthaber, die Diktatoren aus Kirche und Adel, unter dem Schutt der Gebäude.
Auf den Hügeln oberhalb der Stadt entsteht für kurze Zeit ein Utopia, eine Solidargemeinschaft jenseits aller Schranken und Klassen. Die Überlebenden finden sich dort und helfen einander ungeachtet ihrer Herkunft oder Religion.
Auch Josephe und Jeronimo finden hier einen seligen Ort des Friedens, denn was andern den Tod brachte, gab ihnen das Leben. In St. Jago waren sie ihrer heimlichen Liebe wegen verfolgt und verurteilt worden. Josephe, die als Klosterschülerin den Sohn Philippe gebar, wurde zum Tode verurteilt.
Jeronimo hatte eine Gefängnisstrafe zu verbüßen und bereitete sich angesichts der nahenden Hinrichtung seiner Geliebten auf den Freitod vor. Dann brach die Apokalypse herein, und wie durch ein Gottesurteil entgingen alle drei ihrem grausamen Schicksal.
Ihr Glück scheint vollkommen. Zwischen Flüchtenden und Verletzten fanden sie einander, ruhen jetzt aus inmitten all der Not und planen ihre Flucht an die Küste und übers Meer. Da läuten aus der Stadt die Glocken, der Dom ruft die Geretteten zum Dankesgebet.
Und weil ihnen hier die Erde wie ein Paradies erscheint, weil endlich Menschlichkeit und Empathie regieren, vergessen Josephe und Jeronimo alle Vorsicht und schließen sich denen an, die zurück an den Ort des Grauens streben.
Unten, in der Hölle von St. Jago, sind die alten Mächte schon wieder am Werk. Kaum hat das Paar den Dom betreten, hört es eine Hetzpredigt gegen die angebliche Schande seiner Liebe.
Und diesmal entkommen die beiden nicht. Ein aufgebrachter Mob massakriert sie und alle, die ihnen zu helfen versuchen. Mit ihnen vergeht die Hoffnung auf ein Dasein in einer humanen und gerechten Welt. Die Utopie stirbt, noch ehe sie recht leben konnte.
Heinrich von Kleist schrieb seine Novelle im Jahr 1806 als deutliche Metapher auf das Scheitern der Französischen Revolution. Die Frage nach der Möglichkeit einer freien und friedlichen Existenz beantwortet er mit einem Nein, wie es konsequenter nicht sein könnte.
Jetzt sind mehr als zweihundert Jahre vergangen, wir leben in einer Gesellschaft, die von sich behauptet, frei zu sein. Ein Erdbeben gab es hier lange nicht.
Wie kommt es, dass die politischen Seismographen in letzter Zeit Erschütterungen registrieren? Dass ein neues Kultbuch der linken Szene den ‚kommenden Aufstand‘ verheißt? Vielleicht ist etwas im Gange. Wir schauen nach, im Untergrund unseres Theaters, auf den Spuren eines Dichters, der immer noch lebt.
| Inszenierung | Tilman Gersch |
| Raumkonzept | Dominik Scheiermann |
| Kostüme | Brigitte Lorenian |
| Dramaturgie | Barbara Wendland |
| Mit: | |
| Sybille Weiser | |
| Michael von Bennigsen | |
| Jörg Zirnstein | |
von Heinrich von Kleist
Premiere
Donnerstag, den 24.02.2011, 21.00 Uhr
Unterbühne
Mittwoch, den 02.03.2011, 21.00 Uhr
Mittwoch, den 23.03.2011, 21.00 Uhrhttp://www.staatstheater-wiesbaden.de/?page=spielplan_detail&language=de_DE&eventDateId=8960846
Samstag, den 09.04.2011, 22.30 Uhr
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