In ihrer ersten Operninszenierung widmete sich die Autorin und Regisseurin Doris Dörrie, ausgewiesene Expertin für Beziehungsfragen, mit großem Erfolg beim Publikum der mozartschen Partnertausch-Komödie »Così fan tutte«. Sie siedelte die Handlung in den 1970er Jahren an und stellte das Thema Sehnsucht, das die Figuren dieser Oper mit den »romantischen« Idealen der 68er-Bewegung verbindet, in den Vordergrund. Christian Sedelmayer entwarf dazu Bühnenbild und preisgekrönte Kostüme.
ERSTER AKT
Zwei junge Männer, Ferrando und Guglielmo, schwören auf die Treue ihrer Geliebten, die ihr erfahrener Freund Don Alfonso in Zweifel zieht — wie überhaupt die Treue aller Frauen. Er schlägt Ferrando und Guglielmo eine Wette vor: Wenn sie 24 Stunden seinen Anweisungen folgen, will er ihnen beweisen, dass auch ihre beiden Verlobten, Dorabella und Fiordiligi, einer Treueprüfung nicht standhalten. Die beiden Männer willigen ein und nehmen bewegend Abschied von ihren Geliebten. Angeblich auf höheren Befehl hin werden sie abberufen, um sich in der Ferne großen Gefahren auszusetzen. Dorabella und Fiordiligi sind verzweifelt in ihrem Trennungsschmerz. Despina, die ihnen im Hause zur Hand geht, versucht sie auf andere Gedanken zu bringen und rät ihnen, die Abwesenheit der alten Geliebten als Chance zu nutzen, neue Liebeserfahrungen zu sammeln. Die Schwestern weigern sich entrüstet. Don Alfonso macht sich Despinas Haltung zunutze. Er besticht sie, zwei seiner Freunde im Hause der Schwestern einzuführen, die sich unsterblich in die beiden verliebt hätten. Vollkommen verkleidet, kehren so Ferrando und Guglielmo als Fremde zurück, um den beiden Schwestern ihre Liebe anzutragen. Dorabella und Fiordiligi weisen das Liebeswerben der vermeintlichen Fremden empört von sich. Die beiden jungen Männer sind zunächst erleichtert. Sie fingieren einen doppelten Selbstmordversuch, um der Aufrichtigkeit ihrer Gefühle Nachdruck zu verleihen. Die als Arzt verkleidete Despina »heilt« die scheinbar Vergifteten, die mit einem weiteren dreisten Anschlag auf die Unschuld der beiden Schwestern vorerst scheitern.
ZWEITER AKT
Dorabella und Fiordiligi sind nicht unbeeindruckt geblieben von den Verführungskünsten der beiden Fremden. Despina ermutigt sie weiter, in ihrem Liebesleben etwas lockerer zu sein. Die Schwestern teilen die beiden Fremden einmütig unter sich auf: Dorabella entscheidet sich für den verkleideten Guglielmo, Fiordiligi für Ferrando — jede also für den vorherigen Freund der anderen. Don Alfonso lädt die beiden Frauen hinaus ins Freie. Hier haben Guglielmo und Ferrando alles verführerisch hergerichtet. Don Alfonso und Despina stellen ein weiteres Mal den Kontakt zwischen den vieren her, die sich nun in der neuen Paarkonstellation zusammenfinden. Als erstes ergibt sich Dorabella dem leidenschaftlichen Werben Guglielmos. Fiordiligi wehrt sich zunächst noch gegen die neuen Gefühle für Ferrando. Ferrando und Guglielmo tauschen sich über den Stand der Dinge aus. Ferrando ist entsetzt über Dorabellas Treuebruch, Guglielmo macht sich selbst für seinen Sieg verantwortlich; die beiden geraten in Streit, den Don Alfonso schlichtet: Noch seien die 24 Stunden nicht abgelaufen ...
Dorabella erzählt Fiordiligi von ihrem Nachgeben. Fiordiligi beschließt, ihrem Verlobten hinterher zu reisen, um sich mit letzter Kraft gegen ihre neuen Gefühle für Ferrando zu wehren. Als Ferrando erneut mit Selbstmord droht, ist ihr Widerstand endgültig gebrochen. Ferrando ist selbst von der Stärke seiner Empfindungen für Fiordiligi überwältigt.
Don Alfonso bestärkt die beiden Frauen, ihre neuen Liebhaber sogleich zu heiraten. Er instruiert Despina, sich als Notar zu verkleiden. Die Trauung findet scheinbar statt, der Vertrag wird unterschrieben, als Don Alfonso die Rückkehr der Verlobten meldet. Die Fremden fliehen und kehren als Ferrando und Guglielmo von ihrer vermeintlichen Mission zurück. Sie finden den Ehevertrag, klären ihre Verlobten über die Täuschung auf und führen ihnen die Unbeständigkeit ihrer Gefühle grausam vor Augen. Alle vier sind wie gelähmt ...
Don Alfonso verweist auf den aufklärerischen Nutzen von Täuschung und Ent-Täuschung: Schließlich sind alle über das Wesen der Liebe und ihre eigenen Gefühle eine Erfahrung reicher als zuvor.
Pressestimmen:
Joint Venture
Aber Doris Dörrie versteht auch diese tragische Kehrseite, sie lässt den Liebenden ihren Überschwang wie ihre Ängste und ihre Verletzungen. Sie weiß mit Schnitzler und mit Mozart, dass »das Natürliche . . . das Chaos« ist, aber die Seele »ein weites Land«. So glaubt man, das Duett Fiordiligi / Ferrando im zweiten Akt, wo Verführung und Abwehr, Lust, Hingabe und Angst auf schmalem Grat balancieren, noch nie so hautnah als laszives Bewegungsspiel, Liebesspiel gesehen zu haben, wobei Mozarts Musik wie nie zuvor als geradezu hocherotische Übung wahrgenommen wird.
[... ]
Insgesamt eine musikalisch so tieflotend souveräne wie theatralisch zwischen Ideen, Einfällen und Gags pendelnde Aufführung. Es scheint tatsächlich so: eine Filmregisseurin hat die klassische Musik entdeckt, hat die Oper verstanden, den singenden Menschen auf der Bühne als Kristallisation des lebendigen Gefühls. Wie vor ihr Visconti und Pasolini, Herzog und Schlöndorff, Russell und Greenaway. Doris Dörrie hat Blut geleckt, und wer weiß: Vielleicht war das ja nur ein Anfang. Ein insgesamt geglückter. Die Oper sei »auf der Höhe der Zeit«, sagte sie über ihre Entdeckung. Die Premiere der Berliner Staatsoper Unter den Linden, die den spektakulären Erfolg bitter nötig hat, war umjubelt - Dörrie und Barenboim, das Orchester und das Ensemble wurden ausdauernd gefeiert.
- Wolfgang Schreiber, SZ -
»Die Feigen essen und den Apfel nicht verschmähen«
[...] Zuerst einmal die Inszenierung von Doris Dörrie im Bühnenbild von Christian Sedelmeyer. Sie weicht völlig ab von dem Rokoko-Dekor, in dem man sie üblicherweise sieht. Sie beginnt in der Abfertigungshalle eines Flughafens. Dort sind Guglielmo und Ferrando gerade angekommen und fangen den Streit mit Don Alfonso an über die Treue ihrer Verlobten. Der Anfertigungsschalter wird nach hinten gerumpelt und eine großer Kasten hereingeschoben. Die Vorderfläche senkt sich und gibt den Blick frei in eine modern gestylte Wohnung mit langem Sofa, einer Küche, einer Toilette und einem Hinterzimmer. Die beiden Schwestern Fiordiligi und Dorabella sind modern gekleidete Frauen. Sie putzen sich gelegentlich die Zähne, steigen auch einmal aus dem Orchestergraben wie aus einem Swimmingpool und ölen sich ein. Ihre beiden Liebhaber stecken in modischen Anzügen und tragen Diplomatenkoffer. Als die dann als Exoten verkleidet wiederkommen, ist der eine ein Hippie mit strähnigem Filzhaar und der andere ein Kerl mit einem Che-Guevara-Shirt. Die ganze Posse läuft ab mit Giftschluckerei und der Magnetismus-Heilung. Die Frauen verlieben sich, die Männer beölen sich. Aber bis es zum verqueren Liebesgelöbnis kommt, muss die ausgebuffte Despina kräftig frivol nachhelfen. „Die Liebe ,en bagatelle' nehmen. Die schönen Gelegenheiten nicht auslassen, die Feigen essen und den Apfel nicht verschmähen." Als dann das nächtliche Gartenfest inszeniert wird, ist das ein Hippie-Gelage. Große von innen leuchtende Blumen und Sumpfblättergewächse werden aufgesteckt. Der Chor lagert sich sinnlich. Der Verhetz der beiden Paare läuft durch die Gewächse und auch über einen Laufgang vor dem Orchester. Diese Oper kann man ansiedeln wo man will. Sie war zu Mozarts (und Da Fontes) Zeiten hoch aktuell und man kann sie immer wieder modern anpassen. Frau Dörrie hat die Figuren immer wieder hübsch auf die Musik inszeniert. Vor allem die Sextette sitzen inszenatorisch exakt.
- Volker Ludwig, THEATER-RUNDSCHAU -
STAATSOPER IM SCHILLER THEATER
Presseabteilung
Bismarckstraße 110
10625 Berlin
Pressebüro
Victoria Huppertz
Fon +49 30 20 35 44 81
Fax +49 30 20 35 42 04
pressoffice@staatsoper-berlin.de

