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Berlin: neue Subkultur gegen den Konsumwahn – Polizei beendet Aktion der Aktivisten „Tofuschnitzel für den Weltfrieden“. Was hat das mit dem „Living Planet Report“ zu tun?

Das hatte weder die Kundschaft noch das Verkaufspersonal verstanden. Manchmal dauert es eben länger bis eine Botschaft ankommt. Der Tagesspiegel berichtete und verstand die Welt nicht mehr. Um was geht es? 70 teilweise verkleidete junge Leute stürmten am letzten Samstag das Modegeschäft H&M an der Tauentzienstraße rissen Kleider von den Ständern und warfen sie zu Boden. Die meisten „Randalierer“ waren bunt kostümiert oder maskiert. Manche klebten mitgebrachte neue Preisschilder auf die Ware, manche hielten Fantasiefahnen hoch und spritzen mit Wasserpistolen um sich.

Das Motto dieser Aktion, „Tofuschnitzel für den Weltfrieden“ erschloss sich dem Publikum „noch“ nicht, ebenso wenig, wieso sie von manchen aus der Schar umarmt oder gar geküsst wurden. Der Tagesspiegel beurteilt die Aktivisten als „autonome Feierszene“, die durch mehrere Läden marschierte ohne Schaden anzurichten, wie der Polizeibericht feststellte. Die Beamten wollten die „Spaß-Schnitzeljagd“ trotzdem nicht gutheißen. Sie machten einen 26 jährigen als Verantwortlichen für die Versammlung aus. Der Aufforderung, „die Veranstaltung unverzüglich zu beenden, kam er nach“, heißt es im Polizeiprotokoll. Er erhielt eine Anzeige. Es handelte sich um die dritte Schnitzeljagd der Friedensaktivisten in diesem Jahr. Der Tagesspiegel: „auf Friedlichkeit kam es„der Spaßguerilla“ nicht ungedingt an. „Wir gehen dahin, wo es wehtut“, heißt in einem Video im Internet.

Doch das wird nach Ansicht der Schnitzeljäger dem Geschehenen nicht gerecht. Tatsächlich hätten sich insgesamt fünf Teams mit jeweils bis zu 100 Leuten auf den Weg gemacht, berichtet ein "Martin" vom Organisationsteam - und das, obwohl auf einschlägigen Internetseiten die Tofuschnitzeljagd kurzfristig abgesagt worden war. Unter youtube.com zeigen Videos junge, ebenso bunt gekleidete wie gut gelaunte Menschen auf dem Weg vom Bahnhof Zoo zum Breitscheidplatz, die später ausgelassen in Geschäften zu Techno tanzten. Die nötigen Soundsysteme wurden auf Bollerwagen oder in Rollstühlen mitgeführt.

Laut einem der taz vorliegenden Programmzettel ging es nicht darum, ein wie auch immer geartetes Tofuschnitzel zu finden, sondern ein gutes Dutzend Aufgaben zu erledigen. Beim "Weltfrieden erknutschen" gab es etwa einen Punkt pro geküssten Passanten und gleich zehn pro Polizisten. Wer sich vor einer Kamera auszog, durfte sich fünf Punkte gutschreiben. Auch mussten Styroporbuchstaben an Passanten verkauft werden, um in Zeiten der Prekarisierung die Kasse durch Nebenjobs zu füllen. Zudem stand "eine Runde Sackhüpfen über den Kudamm" auf dem Programm, um den dortigen Kaufrausch zu bekämpfen. Und andernorts: "Zeigt dem Staat eure beste Seite: alle Ärsche Richtung Reichstag!" Zum Polizeieinsatz in einer H&M-Filiale führten die Aufgaben "Es lebe die Uniformität! Alle ziehen das Gleiche an" sowie "Außerdem ist es nicht fair, die Sachen für ein Hundertfaches ihrer Produktionskosten zu verkaufen! 1,99 klingt doch viel besser!".

"Wir versuchen, Politik mit Lebensfreude zu verbinden", erklärt Martin. Bei einer ähnlichen Jagd im Juli gehörte es zu den Aufgaben, die Bevölkerung in Friedrichshain-Kreuzberg über ihre Wahlmöglichkeiten beim Bürgerentscheid zu Mediaspree aufzuklären. Oder in der Bar 25 am Spreeufer umsonst einen Matetee zu bekommen. Klassische Linke würde so etwas für "Kindergartenscheiß" halten, meint Martin. Für die apolitische Technojugend aber sei eine solche konsumkritische Schnitzeljagd hoch politisch.

Sind solche Aktionen gerechtfertigt? Wir meinen „ja“. Der Tagesspiegel, die Kundschaft aber auch das Verkaufspersonal sollten nach unserer Meinung vielleicht mal einen Blick in den diese Woche veröffentlichten „Living Planet Report“ des WWF werfen, vielleicht verstehen sie dann das Anliegen der Aktivisten.

Der Raubbau an der Erde nimmt einer WWF-Studie zur Folge immer dramatischere Folgen an. Wenn der Verbrauch an natürlichen Ressourcen so weiter gehe wie bisher, seien bis zum Jahr 2035 2 Planeten nötig, im den Bedarf an Nahrung, Energie und Fläche zu decken, sagte der WWF-Direktor für Umwelt und Naturschutz Christoph Heinrich, bei der Vorstellung des „Living Planet Reports“. Die vorherige Untersuchung sah diese katastrophale Entwicklung erst für das Jahr 2050 voraus. „Die ökologische Krise wird uns um ein vielfaches härter treffen als die aktuelle Finanzkrise“, sagte Heinrich weiter.

Sollten wir nicht alle unser Konsumverhalten überdenken? Haben die Tofuschnitzel-Aktivisten nicht doch Recht? Sind ihre Aktionen richtig und gerechtfertigt?

GFDG, 30. Oktober 2008

Den Living Planet Report finden sie auf www.wwf.de