Am Freitag den 12. März 2010 hat unser Redaktionsteam wieder einen Abstecher nach Frankfurt gemacht. Wir wollten die junge, in Berlin lebende Künstlerin Anouk Kruithof kennenlernen, die vom 12. März bis 11. Mai 2010 in der Galerie Adler erstmals ihre Werke zeigt. Die Ausstellung BECOMING BLUE war 2009 bereits im Museum het Domein, Sittard, Niederlande und im Künstlerhaus Bethanien, Berlin zu sehen.
Anouk Kruithof hat für ihren Werkzyklus BECOMING BLUE ca 2 1/2 Jahre benötigt. Das erstaunt zunächst, wird aber nach Hinterfragen für den Betrachter ersichtlich.
Zunächst hat die Künstlerin 42 Personen in Holland angesprochen, nicht etwa Freunde oder Bekannte oder Modelle, sondern fremde Personen, die sie auf der Straße oder in Bars, also im öffentlichen Raum antraf.
20 von ihnen haben am Ende zugesagt und sich der Herausforderung gestellt. Und nun kann man tatsächlich von einer Herausforderung sprechen, denn die Protagonisten wußten nicht was sie erwartet. Nur soviel verriet Anouk Kruithof: es gehe um Stress und Verstörung und sie sagte ihnen auch nicht, was sie mit ihnen vor hatte.
Sie versetzte die Porträtierten mal in Angst, aber auch schon mal in Wohlbefinden oder produzierte Glücksgefühle. Die Gestik ergibt die Performance meint die junge Künstlerin.
Dabei wußten die Porträtierten nicht einmal, wann sie auf den Selbst-Auslöser drückt und was für Bilder dabei entstehen. So entstanden Werke von höchster Intensität und Eindringlichkeit.
Welche Rolle spielt die Farbe Blau? Alle Porträtierten wurden aufgefordert ein blaues Oberteil zum Shooting mitzubringen.
Zitat:
"In einigen der Portraits von BECOMING BLUE konterkariert Kruithof den positiven Aspekt der Farbe Blau, die im Allgemeinen mit Ruhe und Entspannung in Verbindung gebracht wird.
Sie betont dagegen den Moment, der im Ausdruck „out of the blue = aus heiterem Himmel“ mitschwingt; den kurzen Augenblick, in dem sich eine Situation plötzlich ändern kann, ohne zu offenbaren, was im weiteren Verlauf passieren wird.
Gezielt erzeugt die Künstlerin Situationen, in denen ihre Protagonisten jäh aufgeschreckt werden, um dann diese Schrecksekunde im Bild zu bannen.
Aber auch wenn sie Menschen in der Entspannung zeigt, wählt sie den Moment der tiefsten Versunkenheit, in dem die Personen nicht auf ihre Außenwirkung achten und Ausdruck und Haltung nicht bewusst steuern."
Anouk Kruithof holt sich ihre Inspiration auf der Straße. Sie beobachtet Menschen. Es geht ihr um die mentale Verfassung, Kontrolle und Kontrollverlust, um Grenzen und Grenzüberschreitung, und um Wände, sowohl sichtbare als auch unsichtbare.
Insofern ist die Arbeit der Künstlerin nicht nur eine Herausforderung für die Portraitierten, sondern auch für Anouk Kruithof.
Zitat:
"Die Personen auf den Fotografien von Anouk Kruithof wirken verletzlich; vielleicht gerade aufgrund ihrer ausdrucksstarken Gesichter, die die Empfindsamkeit umso deutlicher offenbaren.
Blau gekleidet vor gleichfarbigem Hintergrund haben sie Schwierigkeiten sich zu behaupten, scheinen sich beinahe aufzulösen in dem sie umgebenden Blau.
Das verstörende Moment der Bilder gründet sich jedoch vor allem darauf, dass Kruithof in einem Moment auf den Auslöser drückt, in dem die Porträtierten keine bewusste Kontrolle über ihre Mimik, Gestik oder Körperhaltung ausüben.
Wir sehen sie im dem kurzen Augenblick, in dem ihr Körper reagiert, ohne dass das Bewusstsein darauf Einfluss nehmen kann – eine Situation, die verwundbar und hilflos macht.
Diese von der Künstlerin intendierten „Zwischen-Momente emotionaler Befindlichkeiten“ wie sie sie nennt, zeigen drastisch, wie leicht unsere normalerweise sorgsam kontrollierte Fassade zerbrechen kann. Diesen Kontrollverlust erwirkt Anouk Kruithof durch gezielte Aktionen.
Die „Momentaufnahmen“, mit denen sie dann die Empfindungen der verschiedenen Personen festhält, sind eine Dokumentation außergewöhnlicher menschlicher Gemütsregungen."
Die Werkreihe wird von Anouk Kruithof mit einer aus 4000 Büchern bestehenden Wand komlementiert. Die Künstlerin hat die aus Osteuropa stammende Literatur allesamt in Berlin gefunden.
Die Bücherwand, so Kruithof, symbolisiert die Fassade der Menschen, die es zu durchbrechen oder einzureißen gilt.
Zitat:
"Ein Spannungsbogen entsteht: Orientierungslosigkeit und Unsicherheit des Betrachters wachsen erst, um dann nach einer längeren Zeit in der nichts geschehen ist, einem Gefühl vager Sicherheit zu weichen.
In diesem Moment ertönt ein lauter Krach und die projizierte Bücherwand bricht zusammen. Der Schreck über den Lärm macht aus dem Betrachter – ohne dass er dies verhindern kann – ein Äquivalent der Personen auf den Fotos."
Zu erwähnen wäre noch, dass die Bücherwand für einen 60 m2 großen Raum konzipiert wurde und die Künstlerin 30 Stunden für deren Aufbau benötigt.
BECOMING BLUE bildet ein faszinierendes Zusammenspiel räumlicher, bildlicher, installativer und konzeptioneller Komponenten, deren Wirkung ebenso irritierend wie eindrucksvoll ist.
Anouk Kruithofs Rolle ist dabei äusserst aktiv: Sie dokumentiert, inszeniert, tritt teilweise als geisterhafte Erscheinung in den Bildern auf. Vor allem aber führt sie Regie über unsere existenziellen Befindlichkeiten.
Was hat uns Anouk Kruithof noch zu sagen:
Das Zusammenspiel meiner unterschiedlichen
(Foto-)Arbeiten ist eines der zentralen Merkmale meines Werks. Aus ihm heraus entsteht eine Einheit.
Ich sehe meine Arbeiten als fotobildnerische Essays, die aus anregenden und assoziations-geladenen Bildkombinationen bestehen. Sie bieten dem Betrachter einen völlig offenen Interpretationsraum, da ich möchte, dass der Betrachter seine Vorstellungskraft bemüht.
Darüber hinaus möchte ich ihn auch anspornen, sich seine eigenen Gedanken zu machen und über die von den Assoziationen in meinen Fotografien aufgeworfenen Fragen nachzudenken.
Ich finde es interessanter, dem Betrachter einen kleinen Schubser zu verpassen, als ihm die Bedeutung meiner Bilder (laut meinem Verständnis) in aller Deutlichkeit zu erklären.
Ich versuche, etwas im Betrachter auszulösen, und fordere ihn dazu auf, sich seine eigene Geschichte spielerisch zu erdenken.
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Anouk Kruithof
Becoming Blue
13. März – 1. Mai 2010
links: betr. Galerie Adler
http://www.freundederkuenste.de/galerie/bildergalerie-veranstaltungen/gallery/80/1/1x1.html

