Gesellschaft Freunde der Künste

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Mar­cel Broodtha­ers heu­te

Aus­stel­lung: Von rea­ler Ge­gen­wart bis zum 16.1.2011 in Düsseldorf

Die ge­mein­sa­me Aus­stel­lung der Kunst­hal­le Düs­sel­dorf und des Kunst­ver­eins für die Rhein­lan­de und West­fa­len zeigt aus­ge­wähl­te Wer­ke in­ter­na­tio­na­ler Künst­le­rin­nen und Künst­ler, die sich ex­pli­zit auf Mar­cel Broodtha­ers be­zie­hen oder im Sin­ne ei­ner Wei­ter­ent­wick­lung Mo­ti­ve sei­nes Œuvres auf­grei­fen. Schon zu Leb­zei­ten ein über­aus ein­fluss­rei­cher Künst­ler sei­ner Ge­ne­ra­ti­on, wird Broodtha­ers auch von heu­ti­gen Künst­lern pro­duk­tiv re­zi­piert.

Un­ge­bro­che­ne Ak­tua­li­tät sei­nes Wer­kes macht die­ses zur Re­fe­renz zahl­rei­cher zeit­ge­nös­si­scher Ar­bei­ten, die sich mit sei­ner Bild­theo­rie und den The­men sei­nes Œuvres aus­ein­an­der­set­zen: der Hin­ter­fra­gung der In­sti­tu­ti­on Mu­se­um, der Be­schäf­ti­gung mit Ima­gi­na­ti­on und Schein als De­mon­ta­ge des Ki­no­bil­des, dem Ver­hält­nis von Spra­che, Schrift und Bild. Auch Über­le­gun­gen, die viel spä­ter un­ter dem The­ma der In­sti­tu­ti­ons­kri­tik ver­han­delt wur­den, fin­den sich in Broodtha­ers' Werk, des­sen ra­di­ka­le wie weg­wei­sen­de Qua­li­tät un­ge­bro­chen ist. 

Zeit­ge­nos­sen­schaft ver­mit­telt sich bei die­ser Aus­stel­lung im Sin­ne des Qua­dri­en­na­le-The­mas „Kunst­ge­gen­wär­tig“ als Ge­nea­lo­gie der Ge­gen­wart und in Wer­ken, die sich in ih­ren Re­fe­ren­zen zu ih­rem his­to­ri­schen Im­puls­ge­ber be­ken­nen und die­sen da­durch selbst in sei­ner Ab­we­sen­heit ak­tua­li­sie­ren. 

Ta­ci­ta De­ans Ar­beit „Par­rot" zeigt ei­nen Pa­pa­gei un­ter Pal­men vor dem Ato­mi­um. Das Fo­to, das die Künst­le­rin auf ei­nem Brüs­se­ler Floh­markt ge­fun­den hat, er­scheint wie ein Bil­der­rät­sel, des­sen Lö­sung auf­grund des Mo­tivs nur „Broodtha­ers“ lau­ten kann. De­ans In­ter­es­se gilt dem Ver­bor­ge­nen und Sicht­ba­ren, ins­be­son­de­re au­ßer­ge­wöhn­li­chen Or­ten, de­ren Ge­schich­te und Ge­gen­wart. Ih­re ma­le­ri­schen Fil­me re­flek­tie­ren mit ver­stö­ren­der In­ten­si­tät Ab­we­sen­heit und Ver­schwin­den und be­fra­gen das Me­di­um gleich­zei­tig selbst.

Die In­stal­la­tio­nen von Rir­krit Ti­ra­va­ni­ja sind ge­prägt von ei­nem Aus­tausch mit dem Pu­bli­kum. Da­bei stel­len sie nicht nur die ge­sell­schaft­li­che Re­le­vanz von Kunst ,die Art und Wei­se ih­rer Prä­sen­ta­ti­on, son­dern die Aus­stel­lung als For­mat an sich in Fra­ge und knüp­fen so­mit an Broodtha­ers’ in­sti­tu­ti­ons­kri­ti­schen An­satz an. 

Der Miss­brauch ge­schlechts­spe­zi­fi­scher und kul­tu­rel­ler Un­ter­schie­de so­wie die Kon­struk­ti­on von Iden­ti­tät sind The­men in Su­san­ne M. Win­ter­lings Fo­to­gra­fi­en, Fil­men und Col­la­gen, die ins­be­son­de­re auf be­deu­ten­de weib­li­che Per­sön­lich­kei­ten re­fe­rie­ren. Li­te­ra­tur, Film­gegechich­te, Ar­chi­tek­tur und Mu­sik, aber auch All­tags­ge­gen­stän­de die­nen ihr als künst­le­ri­sches Ma­te­ri­al, das sie zu kom­ple­xen, zwi­schen Au­then­ti­zi­tät und Fik­ti­on os­zil­lie­ren­den Ge­schich­ten ver­knüpft und in at­mo­sphä­ri­schen In­stal­la­tio­nen in­sze­niert. 

Was ist Spra­che, ein Bild oder die Zeit, und wie kon­sti­tu­iert sich Be­deu­tung? Die­se Fra­gen un­ter­sucht Joëlle Tu­er­linckx in ih­ren Wer­ken und Raum­in­stal­la­tio­nen.

Sie ope­riert an der of­fe­nen Struk­tur der Spra­che, die auch Bild ist – ein­ge­denk der The­ma­tik ei­ner avant­gar­dis­ti­schen Poe­sie, wie sie Broodtha­ers sub­ver­siv ein­setz­te. Die Rea­li­tät darf und kann nur rät­sel­haft blei­ben, und ein lee­rer Raum kann vol­ler Be­grif­fe und Ide­en sein. 

Die Wer­ke und In­stal­la­tio­nen von Ste­phen Pri­na hin­ge­gen be­zie­hen sich auf Vor­han­de­nes,dem sie ei­ne wie­der­ho­len­de Va­ria­ti­on an die Sei­te stel­len. „Re­tro­spec­tion Un­der Duress, Re­pri­se" bei­spiels­wei­se nimmt Ele­men­te aus Mar­cel Broodtha­ers’ Ad­ler­mu­se­um von 1972 auf, über­la­gert sie und un­ter­zieht sie in ih­rer Ge­schicht­lich­keit wie ih­rer ak­tua­li­sier­ten Wahr­neh­mung ei­nem Trans­fer in die Ge­gen­wart.

Auch Oli­vier Fou­lons künst­le­ri­sche Ar­beit fin­det ih­re Form in In­stal­la­tio­nen, in de­nen er sich un­ter Ein­be­zie­hung der Kunst­ge­schich­te frem­de Wer­ke, Do­ku­men­te so­wie theo­re­ti­sche und li­te­ra­ri­sche Be­zü­ge an­eig­net. Da­bei un­ter­streicht, hin­ter­fragt und ver­schiebt Fou­lon ins­be­son­de­re das Ver­hält­nis von Ori­gi­nal, Ko­pie und Re­pro­duk­ti­on und be­schäf­tigt sich mit der Prä­sen­ta­ti­on und Re­zep­ti­on von Kunst­wer­ken.

Bei Ce­rith Wyn Evans steht in­des­sen die zi­tat­haf­te Ver­schrän­kung ver­schie­de­ner Gen­res im Mit­tel­punkt. Re­fe­ren­zen auf Wer­ke an­de­rer Künst­ler, Film­ge­schich­te und mo­der­ne Na­tur­wis­sen­schaf­ten ver­bin­det er mit for­ma­len An­spie­lun­gen an kon­zep­tu­el­le Werk­ent­wür­fe der 1960er Jah­re. Sei­ne Wer­ke be­to­nen da­bei den un­ab­schließ­ba­ren Pro­zess der sub­jek­ti­ven und as­so­zia­ti­ven Wahr­neh­mung, die an die Stel­le von Ein­deu­tig­keit und Kirs­ten Pieroths In­ter­es­se gilt wie­der­um den Mög­lich­kei­ten, mit de­nen sich All­tags­ob­jek­te, Er­eig­nis­se und My­then kul­tu­rel­ler Pro­duk­ti­on an­ders re­prä­sen­tie­ren las­sen, als un­se­re Er­fah­rung oder Ge­wohn­heit es lehrt. Durch An­eig­nung, Um­wid­mung und Dis­lo­ka­ti­on, aber auch durch das blo­ße „Wört­lich­neh­men“ von fest­ste­hen­den Be­zeich­nun­gen of­fen­bart Pieroth un­ter­schied­li­che Les­ar­ten des­sen, was wir ge­mein­hin nicht hin­ter­fra­gen, und über­prüft un­se­re Ord­nungs­sys­te­me auf de­ren Sinn­haf­tig­keit.

Auch Hen­rik Ole­sen ver­wen­det kon­zep­tu­el­le Stra­te­gi­en, um die Kon­struk­ti­on von Wirk­lich­keit, ins­be­son­de­re von Ge­schichts­schrei­bung of­fen zu le­gen. Sei­ne Col­la­gen, In­stal­la­tio­nen und ar­chi­tek­to­ni­schen In­ter­ven­tio­nen sind kon­ti­nu­ier­li­che Un­ter­su­chun­gen von Ge­schlechts- und Iden­ti­täts­kon­struk­tio­nen, wie sie von (Kunst-)In­sti­tu­tio­nen fort­ge­schrie­ben wer­den.

Im Ge­gen­satz da­zu geht es bei An­dy Ho­pe 1930 (An­dre­as Ho­fer) um Su­per-Fan­ta­sy und Sci­ence Fic­tion. Bat­man und Su­per­man sind sei­ne Hel­den, aber vor al­lem Re­fe­renz­fi­gu­ren wie He­dy La­marr, Ve­ro­ni­ca La­ke, J.G. Ball­ard oder Jack Smith. Die Um­for­mung von Po­pu­lär­kul­tur, aber auch Fund­stü­cken in Kunst­ob­jek­te ist The­ma sei­ner Ar­beit „Un Voya­ge en Mer du Nord", die das gleich­na­mi­ge Werk von Broodtha­ers zi­tiert und Zeug­nis ver­schie­dens­ter re­fe­ren­ti­el­ler Be­zie­hungs­for­men ist.

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