Seit mehr als vierzig Jahren gehört Dan Graham zu den Protagonisten der zeitgenössischen Kunst. Sein facettenreiches Schaffen überwindet die Trennung zwischen den Disziplinen und schliesst sich der Populärkultur an. Zum ersten Mal wird Graham in seiner Ausstellung „Rock 'n' Roll Show. Unrealised Projects for Children and Boutique Architecture“ eine fotografische Installation von „Eleven Sugar Cubes“ zeigen. Die 24-teilige Arbeit wurde 1970 als Beitrag für die Kunstzeitschrift Art in America konzipiert. Ausserdem werden ein neuer Pavillon, Zeichnungen zweier nicht umgesetzter Architekturprojekte – der Liza Bruce Boutique und „The Children’s Pavilion“– sowie drei kleinere Modelle aus Spiegelglas und Aluminium bei Hauser & Wirth Zürich zu sehen sein.
Dan Grahams Pavillons sind hybride Strukturen. Sie gehen über die hermetische Strenge der minimalistischen Skulptur hinaus und reichen in den Bereich des Sozialen hinein. Die Pavillons bilden Räume, die nicht nur als autonome Kunstobjekte funktionieren, sondern auch einen baulichen Zweck erfüllen. Sie dienen als Ort der Begegnung, als Café oder, wie in seinem neusten Projekt, als Videolounge. Die Pavillons basieren auf minimalen, geometrischen Strukturen und arbeiten mit den Materialien der zeitgenössischen urbanen Architektur: Spiegelglas, perforierter Edelstahl und Aluminium.
Auf sechs Monitoren zeigt Dan Graham in „Pavilion For Showing Rock Videos/Films (Design I)“ eine Auswahl seiner liebsten Rock ’n’ Roll-Filme. Neben bekannten Produktionen wie „The Fall: Perverted by Language“ und Ericka Beckmans „135 Grand Street New York“ sind auch persönliche Aufnahmen – zum Beispiel ein musikalischer Gruss seines engen Freundes und Künstlerkollegen Rodney Graham – zu sehen. Die Besucher sind eingeladen, es sich auf den Bänken und Kissen bequem zu machen. Die zu gleichen Teilen transparente und spiegelnde Oberfläche des Pavillons erlaubt es den Filmzuschauern sich selbst zu sehen, während die Besucher ausserhalb der Konstruktion die Menschen im Innern des Pavillons beobachten können. So wird der Zuschauer selbst Teil des Werkes und die Rollen von Subjekt und Objekt werden vertauscht. Die für das Schaffen von Dan Graham zentralen Interessensbereiche Architektur, Wahrnehmung und soziale Interaktion sowie die Gegenkultur des Rock und Punk werden in 'Pavilion For Showing Rock Videos/Films (Design I)' vereint.
Begleitet wird der Pavillon von Zeichnungen unrealisierter Architekturprojekte. Die Arbeit „Liza Bruce Boutique Design“ ist ein Entwurf für das Ladenlokal der Londoner Modemacherin aus dem Jahr 1997. „The Children’s Pavilion“, eine Zusammenarbeit mit Jeff Wall, wurde als öffentliches Gebäude am Rande eines Spielplatzes geplant. In einem Interview mit Mark Francis beschrieb Dan Graham den Pavillon als Ort „für Erwachsene, die Kinder sein wollen“. Inspiriert von den Höhlen bei Lascaux, den Interieurs von Theatern aus der Zeit der Französischen Aufklärung, Planetarien und Sternwarten beschreiben die Zeichnungen eine grottenartige Struktur, die von der Seite her zugänglich ist und von Rundbildern mit Kindern aus allen sozialen Schichten umgeben ist. Wie bei vielen seiner Pavillons experimentiert Graham mit der Optik, indem er konvexe, halbdurchlässige Spiegel, Fischaugenlinsen und kleine Wasserbecken verwendet, die den Innenraum des Pavillons – einschliesslich der Tondi, der Besucher und des Himmels ausserhalb – widerspiegeln.
Nach der Schliessung seiner Galerie in Manhattan in den späten 60er Jahren, veröffentlichte Dan Graham verschiedene Beiträge in Kunstzeitschriften. Neben seiner Arbeit als Kunst- und Musikkritiker entwarf er fotografische Werke und Textarbeiten, die oft zwischen den Werbeinseraten der Magazine erschienen. Grahams Arbeit „Eleven Sugar Cubes“ wurde 1970 in der Juni Ausgabe von „Art in America“ abgedruckt. Die Arbeit besteht aus 24 Farbfotografien und einem von Graham verfassten Begleittext, der die Serie erklärt: „Ich habe elf Zuckerwürfel ins Meer geworfen, nachdem ich sie mit Waschlauge getränkt hatte, und die Ergebnisse fotografiert. Diese Präsentation stellt das beabsichtigte Kunstwerk dar, das als Serie in einer Publikation erscheinen sollte“ (Dan Graham, 1970). Mit der Veröffentlichung seiner Arbeit in Zeitschriften hinterfragte Dan Graham die Grenzen des Kunstobjekts und situierte sein Schaffen schon früh im öffentlichen Bereich.
Dan Graham wurde 1942 in Illinois geboren. Er lebt und arbeitet in New York. Graham ist einer der wichtigsten Künstler seiner Generation. Seine Arbeiten sind in den wichtigsten Institutionen und Museen weltweit gezeigt worden; besonders zu erwähnen ist die gross angelegte Retrospektive, die im Los Angeles Museum of Contemporary Art, Los Angeles, CA (2009), eröffnet wurde und anschliessend im Whitney Museum of American Art, New York, NY (2009), und im Walker Art Center, Minneapolis, MN (2009), zu sehen war. Die Pavillons von Graham sind im Zusammenhang mit verschiedenen wichtigen Auftragsarbeiten und öffentlichen Projekten ausgestellt worden, darunter: „Children’s Day Care Center / Corporate Meeting Ellipse“, das 2003 auf dem Dach der Hayward Gallery in London, England, installiert wurde; „Curved Two-Way Mirror Triangle, One Side perforated Steel“, installiert im Jahr 2000 im Museum of Contemporary Art in Tokyo, Japan; „Café Bravo“, installiert 1998 in den Kunst-Werken, Berlin; „Two-Way Mirror Punched Steel Hedge Labyrinth“, installiert 1996 im Minneapolis Sculpture Garden, Minneapolis; und „Two-Way Mirror Cylinder Inside Cube and Video Salon: Rooftop Urban Park“, installiert 1991 im Dia Center for the Arts, New York.
Fast dreissig Jahre nach seiner Ausstellung „Pavillons“ stattet Dan Graham der Kunsthalle Bern einen weiteren Besuch ab. Am Mittwoch, den 8. Februar um 16 Uhr spricht Dan Graham mit weiteren Gästen und dem Publikum über seine Arbeit und seine künstlerische Haltung. Videoausschnitte geben Einblick in Dan Grahams Vorgehensweise und sein vielschichtiges Bezugssystem.
Während der Ausstellungseröffnung bei Hauser & Wirth Zürich wird der Künstler seine neue Publikation „Dan Graham’s New Jersey“ vorstellen. Das Buch ist im Lars Müller Verlag erschienen und gibt einen Überblick über Dan Grahams bahnbrechende Fotoserie „Homes for America“. Die Arbeit wurde 1967 im Arts Magazine veröffentlicht und dokumentiert die Strassen- und Hauswüsten der Amerikanischen Vorstädte. Indem die Fotos das seriell Repetitive der suburbanen Architektur hervorheben, machen sie den Bezug zwischen dem Raster der Minimal Art und einer real existierenden sozialen Situation sichtbar. Im Walter König Verlag ist kürzlich eine Sammlung von Interviews zwischen Dan Graham und Hans Ulrich Obrist erschienen.
Bildbeschreibung:
Dan Graham in collaboration with Apolonija Sustersic
Liza Bruce Boutique Design
1997
Drawing, collage and photography on paper, 7 parts
1 x 21 x 29.5 cm
5 x 29.5 x 21 cm
1 x 27.7 x 21.5 cm
Alle Abbildungen © Dan Graham
Courtesy the Artist and Hauser & Wirth
Photo: Stefan Altenburger Photography Zürich
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