Gesellschaft Freunde der Künste

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24. September bis 2. Oktober 2011

Ausstellung in Wiesbaden - Narzissmuss oder Selbstreflexion? - Ich & Ihr Narziss`Tod Malerei von Christian Felder

Das Selbst ist die transzendente Mitte der Persönlichkeit, von höchster Intensität. Diese Mitte hat der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung das Selbst genannt und als Ursprung und Erfüllung des Ich bezeichnet.

Wie das Unbewusste, so ist das Selbst das a priori Vorhandene, aus dem das Ich hervorgeht. Es präformiert sozusagen das Ich.

Ich und Ihr, Narziss Tod, ist der Titel der Ausstellung mit Werken des einundreißigjährigen Malers Christian Felder.

Für Beckmann war das Selbst ein Rätsel.

Für Felder ist der Mensch in sich Selbst gefangen.

Rätsel suchen nach Lösungen.

Gefangensein sehnt sich nach Befreiung.

Es übersteigt unser Vorstellungsvermögen, uns klarzumachen, was wir als Selbst sind, denn dazu müsste der Teil das Ganze begreifen können. Es ist nicht möglich, dass wir je auch nur eine annähernde Bewusstheit des Selbst erreichen, denn, soviel wir auch bewusst machen mögen, immer ist noch eine unbestimmte und unbestimmbare Menge von Unbewusstem da, welches mit zur Totalität des Selbst gehört.

So wird das Selbst stets eine uns übergeordnete Größe bleiben. Es ist immer da, es ist jenes zentrale, archetypische Strukturelement der Psyche, das als Anordner und Lenker der seelischen Ereignisse von allem Anfang an in uns wirkt.

Sein Ziel und der Drang, dieses Ziel zu verwirklichen, bestehen auch ohne Teilnahme des Bewusstseins. Wird die Verankerung im Selbst bewusst gemacht, d. h. aus der Projektion auf äußere Objekte zurückgezogen, wird es als autonome Wirklichkeit verstanden, so weiß man, dass man sein eigenes Ja und Nein ist. Sein Hell und sein Dunkel, apollinisch und dionysisch bestimmt.

Mit diesem Gewahrsein erscheint das Selbst als eine Vereinigung der Gegensätze und bildet damit die unmittelbarste Erfahrung des Göttlichen, dann stellt es eine Einheit dar, in der alle Gegensätze der Psyche aufgehoben sind. Symbole des Selbst als die alles vereinigende Ganzheit treten in allen Kulturen zu allen Zeiten auf: als Yin und Yang, Sonne und Mond, Tag und Nacht, Freude und Schmerz.

Es sind die Bilder in denen sich Gott manifestiert weshalb man vom Selbst als einem "Archetyp des Gottesbildes" sprechen kann, als "Spiegelbild Gottes in der menschlichen Seele". Die Beziehung zwischen Ich und Selbst wird in der Psychologie als "Ich-Selbst-Achse" bezeichnet.

Nur wenn sie uns bewusst geworden ist und lebendig erhalten wird, ist die Wechselwirkung zwischen Ich und Selbst, ist die Dynamik der Achse wirksam, verleiht sie dem Menschen innere Sicherheit und das Gefühl von Geborgenheit innerhalb einer umfassenden Ganzheit.

Christian Felder spricht über seine Bilder als religiöse Kunst und er spricht von narzisstischer Suche. Er spricht vom Ich, das sich bespiegelt um sich selbst zu finden. 

Narzissmuss ist ein Schimpfwort, Menschen als Vorwurf entgegengeschleudert, die sich selbst in den Mittelpunkt des eigenen Interesses stellen, die unfähig zur Liebe sind, die wenn sie von Liebe sprechen, nur sich selbst im anderen lieben - im Spiegel des Gegenübers.

Wir kennen den Narziss Mythos, die Geschichte von dem Jüngling Narziss, der sich so lange in der Glätte des Sees bespiegelte, bis er hineinfiel und ertrank. Er wurde in eine Blume verwandelt. Die Zerstörung bedingende Metamorphose hin zum Schönen: Narziss` Tod.

Christian Felders Selbstinszenierungen sind nicht schön. Nicht im Sinne einer idealisierenden Stilisierung des Objekts – das Objekt - zumeist ist es der Maler selbst. Auch durch die Metamorphose getrieben bleibt er sich treu. Er „verunschönt“ sich, zeigt ein Wesen, das wir, blicken wir in dieses junge Gesicht, nicht vermuten würden.

Narzissmuss oder Selbstreflexion?

Ein wesentlicher Bestandteil im Prozess der Selbstdarstellung ist der Spiegel. Schon Dürer und  Rembrandt verwendeten den Spiegel um mit der Fixierung des eigenen Abbilds auf der Leinwand Zustandsbeschreibungen und Lebensprotokolle anzufertigen.

Die Leinwand als Instrument der Identitätssuche, mit dem Ziel, das Ich als ein Selbst erfahrbar zu machen.  Bewegt sich Felder in dieser Tradition? Oder fühlt man sich ob dieser Selbstbildnisse, an Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“ erinnert, das permanent hässlicher und zerstörter wird, während dieser Dorian in Schönheit und Skrupellosigkeit weiter lebt?

Das Selbstbildnis als Spiegel der Seele?

Felders Selbstinszenierungen scheinen wie Zerrspiegel. Nein, da begegnet uns keine grandiose Erhöhung seiner Person. Das wäre Narzissmus. Vielmehr verbirgt sich in diesem Zyklus an Werken ein Mann, „der sich über den Spiegel der Kunst beugt, um sich in ihm zu erkennen“. Wie Ernst Robert Curtius zum Typus des modernen Menschen schreibt.

Es verbirgt sich ein junger Mann dahinter, der weiß, dass er alles -  jedes Ding, jede Befindlichkeit, jedes Gefühl immer in der Spiegelung hat. „Frag die anderen, wenn du wissen willst wer ich bin“, so Christian Felder auf meine Frage, wer er sei.

Felders Arbeiten erinnern mich an die Portraits von Egon Schiele, der zu den extremsten Beobachtern seiner selbst gehörte. Nicht die Art wie Felder malt, sondern an den emotionalen Ausdruck, der Schieles Selbstinszenierungen ausmacht, an etwas, das Nietzsche in einem Aphorismus formuliert, mit dem er 1888 den modernen Künstler beschreibt:

Der moderne Künstler, in seiner Physiologie dem Hysterismus nächstverwandt, ist auch als Charakter auf diese Krankheit hin abgezeichnet. Die absurde Erregbarkeit seines Systems, die aus Erlebnissen Krisen macht und das Dramatische in die Zufälle des Lebens einschleppt, nimmt ihm alles Berechenbare:

Er ist keine Person mehr, höchstens ein Rendezvous von Personen, von denen bald diese, bald jene mit unverschämter Sicherheit herausschießt.“

Genau dieser Überschuss an Ausdruck ist es, der es erschwert Felders Bilder einfach als Selbstbildnisse zu sehen. Es ist das Negieren einer klaren Kontur des Individuums, das bei aller Vielfältigkeit in der Erscheinung ein und das selbe bleibt, dass diese Portraits zu weitaus mehr macht als bloße Selbstschau – die Figuren werden zu Platzhaltern für den, der sie betrachtet.

Felders eigenes Spiegelbild wird zum Alter Ego, wird zu einem anderen, fremden Ich. Wir alle können es sein, können so fühlen. Wir alle können unsere verborgenen und verdrängten Affekte darin wieder finden, unsere Wut, unsere Angst, unsere Ohnmacht, unsere Trauer gegenüber dem was Leben uns antun kann, oder Menschen.

Bild für Bild entwickelt sich hier eine prozesshafte Eigendynamik, mit der im Medium von Zeichnung, Buchstaben Fragmenten und extrem pastoser oder wiederum glattflächig aufgetragener Farbgebung eine Form korrespondiert, die sich vom Abbild im realistischen Sinn löst.

Figurale und figurative Möglichkeiten treiben ihr Spiel, virtuose Körperverdrehungen, düstere, bizarre Mimik, blutrote Augen und abgerissene Arme, Chaos und Selbstauflösung - das Dramatische schleicht sich ein, übernimmt zum Ende hin die Herrschaft, wirft uns in einen narrativen Bildraum, dem absurde Erregbarkeit anhaftet, ein sich vorbehaltloses Einlassen, ein Stürzen in emotionale, pathetische Krisenzustände – Selbstzerrissenheit, Zersplitterung ...

Am Ende – die Katharsis – vom See zum Fluss: Stille, Ruhe. Dann folgt ein Ihr -  Portraits von Menschen, die Bedeutung im Leben des Malers haben ....

Was aber war am Anfang?

„Am Anfang war die Entscheidung“, sagt Felder.

„Ich habe mich für die Verletzung entschieden.“

Felder weiß, dass das Selbst eine Paradoxie ist, indem es in jeder Beziehung These und Antithese und zugleich Synthese darstellt. Weil er weiß, dass nur das Paradoxe es vermag die Fülle des Lebens annähernd zu fassen.

Er weiß, dass die Eindeutigkeit und das Widerspruchslose einseitig sind und ungeeignet, das Unerfassbare auszudrücken. Da ist ein Künstler am Werk, der intensiv ist, leidenschaftlich ist, und sich nicht fürchtet abzutauchen in die Dunkelheit seines Ichs.

Er besitzt die Fähigkeit tief zu empfinden, auch wenn es schmerzt und die Gabe aus diesem Schmerz eine Blüte treiben zu lassen, die zwar auf den ersten oberflächlichen Blick einer Blume des Bösen gleicht, aber deren wahres Selbst die Liebe ist. Ohne Liebe entsteht niemals etwas Schöpferisches. 

 

„Das Selbst ist das größte Rätsel.

Immer schaue ich in mein eigenes Gesicht, um das Geheimnis meines Bewusstseins aufzuspüren.“

Max Beckmann.

Text und Kuration der Ausstellung:

Angelika Wende

Vernissage 24. September 2011 | 19 Uhr

Einführung: Angelika Wende

Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung

1. Oktober | 18 Uhr

C LO S E  U P  # 1

„Die Selbstreflexion in der Bildenden Kunst“, Angelika Wende im Gespräch mit Christian Felder

8. Oktober | 18 Uhr

„Aber der Mensch ist ein wahrer Narziss ...“

Lesung mit Angelika Wende

Texte von Oskar Wilde bis Thomas Mann und eigene Texte 

Der Eintritt ist frei!

Info unter www.angelikawende.com

Ausstellungsdauer:

24. September bis 2. Oktober 2011

HessischeStaatsGalerie 

Oranienstraße 6 

65185 Wiesbaden

Öffnungszeiten: Samstag & Sonntag von 17 bis 22 Uhr

Mittwoch von 16 bis 20 Uhr

und nach tel. Vereinbarung unter 0611. 3305956 oder 06131. 9711805

angelikawende@aol.com