Gesellschaft Freunde der Künste

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3. Februar - 10. März 2012

Ausstellung in Stuttgart: Edgar Leciejewski »New York City - Ghosts and Flowers« and Oskar Schmidt »The American Series I-XII«

Die Galerie Parrotta Contemporary Art freut sich, die zwei Einzelausstellungen „New York City – Ghosts and Flowers“ von Edgar Leciejewski und „The American Series I – XI“ von Oskar Schmidt zu präsentieren. Beide Ausstellungen beleuchten sehr aktuelle Themen unserer gesellschaftlichen Verfasstheit: Edgar Leciejewski verweist mit seinen Bildern auf Phänomene einer sich permanenten Grenzverschiebung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Oskar Schmidt beschäftigt sich vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise mit Fotografien von Walker Evans. Jene stehen emblematisch für das Elend der Landbevölkerung während der Großen Depression in Amerika der 1930er Jahre.

Edgar Leciejewskis neue Arbeit besteht aus einer Serie großformatiger Bilder mit geisterhaft erscheinenden Passanten in den Straßen New Yorks – blow-ups des Internetdienstes „Google Street View“. Während eines Aufenthalts in New York wählte der Künstler mit diesem Verfahren gerade jenes Distanz in Nähe verwandelnde Medium, das die eigene Nähe zu seinem Gegenstand wieder in eine fotografische Distanz zurück verwandelt.
Die Kamerawagen von Google schwärmen an sonnigen Tagen zu Zeiten aus, zu denen die Straßen möglichst menschenleer sein sollen. Wenn doch mal jemand ins Foto läuft, macht eine Bilderkennungssoftware das Gesicht automatisch unscharf. Gerade jene so anonymisiert geglaubten Personen, die bei „Google Street View“ Störfaktoren sind, werden zu den eigentlichen ProtagonistInnen der Bilder von Leciejewski. Die portraitartigen Darstellungen lassen die Abgebildeten von namenlosen Passanten innerhalb des Mediums zu Prototypen der New Yorker Gesellschaft werden.
„Der Google-Algorithmus richtet sich nach den Häusern, nicht nach den Menschen“, sagt Leciejewski über die Brüche, Verwischungen, digitalen Fehlkonstruktionen in den Bildern, mit denen er arbeitet. Sie stammen von Google Street View, dem Großprojekt, für das der Konzern Kamerawagen auf der ganzen Welt die Strassen aufnehmen lässt. Diese Kameras, in Deutschland erregte sich spürbarer Unwille gegen das Projekt, entsprechen Andy Warhols laufendem Tonbandgerät in den frühen 70ern. Teilnahmslose Zeugnisproduzenten. Der Künstler bearbeitet die Bilder, wählt den Ausschnitt, entfernt Details. Oder lässt sie aus kompositorischen Gründen stehen, wie die Flaschen auf der Außentreppe des Brownstones. Die Menschen auf seinen Fotos sind hommes trouvés – ihr Erscheinen auf Google Street View ist zufällig, ihr Erscheinen in Leciejewskis Arbeit Produkt einer präzisen künstlerischen Auswahl. Ihre Anonymisierung macht sie zu Symbolen und Projektionsflächen. Wo will der schlaksige Junge in dem ultramarinblauen T-Shirt hin? Haben sich die beiden Männer bei ihrer Begegnung auf der Straße erkannt? Könnte die Frau mit den erstklassigen Beinen nicht Naomi Campbell sein? Die Menschen in dieser Serie sind schemenhafte und deswegen bewegliche Abbilder von Konzepten, die sich mit der Stadt New York verbinden: Sex, Erfolg, Liebe, Geld, Gefahr, Schönheit etc. Sie laufen über die Straße, werden durch die Kamera erfasst, vom Künstler entdeckt, ihr Bild von ihm geformt, großformatig gedruckt und in die Galerie gehängt. Dieser Prozess macht sie zu Geistern.“ Text: Adriano Sack



Oskar Schmidt zeigt unter dem Titel „The American Series I – XII“ seine neueste Arbeit. Im doppelten Sinn setzt er darin ausgewählte Fotos von Walker Evans, heute Teil des kulturellen Gedächtnisses, erneut ins Bild. Hierfür baut er im Atelier lebensgroße Kulissen, mit denen er die Bildkompositionen von Walker Evans detailgetreu reinszeniert. Eine verwitterte Bretterwand mit abgegriffenem Aluminiumgeschirr oder einem alten Stuhl davor, unterschiedliche Details einer bescheidenen Holzhütte oder ein Stück verschlissener Dielenboden mit abgenutzten Alltagsobjekten sind zu sehen. Jene minimalistischen und menschenleere Inszenierungen gibt Oskar Schmidt mit einer analogen Großformatkamera unter immer gleichen Lichtbedingungen wieder.
Die Fotografien von Oskar Schmidt sind Zitat und Konstrukt zugleich – graduelle Perspektiv- und Objektverschiebungen forcieren dabei noch den Charakter des Konstruierten gegenüber ihren Vorlagen.
Schmidts Arbeiten verweisen auf zentrale Fragen der Fotografie, wie Authentizität und Autorschaft, und behandeln zugleich ihre elementaren Grundbedingungen, wie Licht und Schatten.
Neben dem bildreflexiven Ansatz, der sich durch das Verfahren der Aneignung einstellt, erfahren die Fotos von Walker Evans eine Rekontextualisierung. In dieser historischen Dimension lassen uns die Bilder von Oskar Schmidt – trotz ihrer faszinierenden Ruhe und kontemplativen Schönheit – zugleich an die möglichen Auswirkungen unserer aktuellen gesellschaftlichen Situation denken.
„Fotografien zu betrachten heißt, sich in einem Bild Vergangenes zu vergegenwärtigen. Mit seinen neuen Arbeiten führt der Künstler Oskar Schmidt uns vor Augen, dass eine solche Form der sehenden Erinnerung nicht zuletzt die Geschichte der Fotografie selbst betrifft. Die überaus prägnante, auf ein nüchternes Schwarz-Weiß reduzierte Bildsprache, die Schmidts „American Series“ im Ganzen prägt, meinen wir bereits zu kennen. Tatsächlich aber hat keines dieser Bilder bis vor Kurzem existiert. Doch nehmen sie alle Bezug auf jene Fotografien, die der Amerikaner Walker Evans zur Zeit der Großen Depression in Alabama aufnahm. Schmidt greift diese legendäre fotografische Serie aus dem Jahr 1936 auf und verdichtet sie zu eindringlichen Stillleben, die ganz aus der Zeit gefallen scheinen. Es ist ein irritierender Eindruck von Zeitlosigkeit, der uns in diesen Tableaus begegnet.“ Text: Prof. Dr. Steffen Siegel.
Zur Ausstellung erscheint eine exklusive Edition mit sieben passpartoutrierten Motiven der "American Series I-XII". Kassette in Leinen, 46 x 56 cm, Auflage von 12.



Kurzbiographien

Edgar Leciejewski (*1977) studierte Theaterwissenschaften, Philosophie und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin sowie Fotografie an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig. Seine Werke wurden 2011 in einer Einzelausstellung im Stadtmuseum München und zahlreichen Gruppenausstellungen wie in der Kunsthalle Wien oder Witte de With - Center for Contemporary Art in Rotterdam gezeigt. Zeitgleich zu der Ausstellung in der Galerie Parrotta sind weitere Arbeiten aus der Serie „Ghost and Flowers“ im NRW-Forum Düsseldorf zu sehen. Besprochen wurden seine Werke u.a. in einem bei ARTE ausgestrahlten Künstlerporträt sowie in den Publikationen „Himmel ohne Wolken“ (2011) und „NYC – Ghosts and Flowers“ (2011).

Oskar Schmidt (*1977) studierte an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Heute lebt und arbeitet er in Berlin und Leipzig. Seine Arbeiten wurden zuletzt im Museum der bildenden Künste in Leipzig (2011), in der Zabludowicz Collection in London (2010), der Art Collection der Deutschen Börse in Frankfurt (2010), dem Goethe Institut in Washington (2010), der Kunsthalle Rostock (2009) und bei C/O Berlin (2009) gezeigt und sind aktuell in der Zabludowicz Collection in New York zu sehen.

Galerie Parrotta Contemporary Art
Augustenstr. 87-89
D - 70197 Stuttgart
T +49.711.69 94 79 10
F +49.711.69 94 79 20
mail@parrotta.de
www.parrotta.de

Dauer der Ausstellungen

bis 10. März 2012

Öffnungszeiten

Di. bis Fr. von 11 bis 18 Uhr
Sa. von 11 bis 16 Uhr

Bild 1 Edgar Leciejewski, 146 East 77th Street, New York NY, United States, 2010, color-print, 150 x 173 cm, unique piece

Bild 2 Oskar Schmidt, Ladder, 2011, Fine art print, 93 x 116 cm