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Atelier von Thomas Prautsch hat keine Fenster

Ausstellung in Münster: Thomas Prautsch: Stadtlandschaften - Das Bild als Modellraum von Wirklichkeit

Das Atelier von Thomas Prautsch hat keine Fenster, nur Oberlichter. Sein „Blick“ auf Stadtlandschaften ist medial vermittelt, das Skizzenbuch digital: Im Computer archivierte Satellitenbilder, Fotos und Videos von Stadt-, Straßen- und Treppenansichten, Flusslandschaften und Häfen – urbane Visionen treten als Modelle von Wirklichkeit ins Bild, stets das Mimetische vermeidend. Digital gespeichert dienen diese Quellen nicht als Kopiervorlagen, sondern als Impulse, die im Verlauf des Malprozesses an Bedeutung verlieren.

Ausstellung in Münster

Prautschs Faszination gilt der reinen Malerei; die Extrakte seines umfangreichen Materialarchivs nutzt er zu Farbexperimenten und Reflexionen auf der Leinwand. Auf der Suche nach den Grenzen seines Mediums entzieht er seinen Bildern die bunte Vielfalt der Lokal- und Primärfarben und taucht die Architekturmotive in einen luftigen und gleichzeitig verfremdenden, atmosphärischen Zauber. Die auf Nessel gebrachten idealen Stadtansichten identifiziert er nicht mit Ortsnamen, sondern nummeriert sie durchlaufend.

Die krustig verdickten, gespachtelten Bildräume werden für Thomas Prautsch zu einem Aktionsraum, in dem sich die Virtuosität eines Impressionisten mit den Möglichkeiten medialer Motivgenese verbindet, um das Bild zu einem „Modellraum zur Konstruktion von Wirklichkeit“ zu machen, wie Andreas Moersener es in seinem Beitrag Modell und Wirklichkeit beschreibt.

Ob Paris, Köln oder Coerde: Die Stadtlandschaften, die Thomas Prautsch in der Stadthausgalerie zeigt, beziehen sich auf Orte in seiner unmittelbaren Umgebung. Dennoch entstehen sie niemals unter freiem Himmel. Indem er seine Stadtlandschaften aus einer virtuellen Vogelperspektive heraus malt, hebt Prautsch das Auge aus seiner alltäglichen Umgebung hinaus. Jenseits eindeutiger Referenzsysteme fällt der Blick auf eine Welt im Stillstand – Momentaufnahmen, die es erlauben, die Landschaft schauend zu durchwandern. Obwohl sie offensichtlich durch Menschenhand geschaffen wurden, sind Prautschs Städte nicht nur menschenleer, sondern vollständig entmenschlicht.

Sie erzählen keine Geschichten und wollen auch nicht entschlüsselt werden, sondern laden zum Betrachten ein; sie sind Ansichten im ursprünglichen Sinn des Wortes. Während Funktion und Bedeutung der Stadt unwichtig werden, tritt ihre abstrakte Ordnung aus Farben, Formen und Volumina ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Losgelöst von realen Orten und von Bildvorlagen entsteht auf der Leinwand eine neue Landschaft. Leuchtende Lichtreflexe, dunkle Schatten und schwingende Farbakkorde erwecken sie zum Leben.

Bildende Kunst

Tritt man näher an Prautschs Bilder heran, lösen die Konturen sich auf, Linien verschwimmen und Farben zerfallen in einzelne Tupfer und Flecken. Breite, gestische Pinselstriche, wellenartig modellierte Farbflächen, eingetrocknete Schlieren und verlaufende Ränder treten hervor. Die Bildoberfläche, die aus der Entfernung opak erschien, löst sich auf und offenbart Farbschichten, die sich gitterartig überlagern und Durchblicke bis hin zur grundierten Leinwand erlauben.

Hier zeigt sich nicht nur das virtuose malerische Können von Thomas Prautsch, sondern vor allem seine Arbeit an den Mitteln und Möglichkeiten der Malerei selbst. Seine Bilder oszillieren zwischen der dinglichen Präsenz ihrer dicken Farbhäute, den kraftvollen Kontrasten und Formen ihrer Oberflächen und der unergründlichen Tiefe der Landschaften, die sie vergegenwärtigen. Sie verführen das Auge und offenbaren gleichzeitig den Prozess ihrer Herstellung.

Prautschs Gemälde zeigen, dass die Selbstreflexion, die die Malerei seit der Moderne betreibt, noch lange nicht an ihrem Ende angelangt ist. Ganz im Gegenteil: Nie war eine Auseinandersetzung mit Bildern so wichtig, wie in einer Zeit, in der die Vermittlung von Wirklichkeit durch visuelle Medien zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Was mit sprachlichen Mitteln nur unvollständig gelingen kann, leistet Prautsch mit seiner Malerei: Auf dem Spielfeld seiner Leinwand stellt nicht nur sein eigenes künstlerisches Medium, sondern auch seine digitalen Vorlagen auf den Prüfstand.

Seine Stadtlandschaften sind visuelle Labore, die die Bedingungen des Bildermachens und Bildersehens erforschen. Referenzen an die impressionistische wie die Konkrete Malerei, aber auch an historische Hilfsmittel der Bildgenese wie die Camera Obscura klingen an und weisen Thomas Prautsch als einen Meister seines Fachs aus.

Thomas Prautsch wurde 1965 in Frankfurt am Main geboren, lebt und arbeitet in Münster. Sein Atelier befindet sich am Hawerkamp 31. Seit 1991 werden seine Werke im In- und Ausland gezeigt. In diesem Jahr zeigte das Kunstmuseum Bochum seine Bilder "Wir wieder hier". Im Jahr 2012 war die Ausstellung "Hier und jetzt" im Kunstmuseum Hamm zu sehen. Der Kunstverein Ahlen richtete 2012 für Thomas Prautsch die Einzelausstellung „Ansichten“ aus. 2011 wurde die Ausstellung "Cross Over" in der Gocart Gallery in Visby, Schweden, gezeigt.

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