Gesellschaft Freunde der Künste

Nachrichten und Veranstaltungen in unserem Archiv

Brüder Grimm-Museum

Ausstellung in Kassel: Hin und Zurück - Grimms Märchen in den Sprachen der Welt

Noch zu Lebzeiten der Brüder Grimm wurden die „Kinder- und Hausmärchen“ in zahlreiche Sprachen übersetzt. Bereits 1816 erschien eine dänische Märchensammlung, die - neben Erzählungen anderer Dichter und Sammler  -  schon einige Märchen der Brüder Grimm enthielt. Eine erste selbständige fremdsprachige Ausgabe mit 20 Märchen wurde 1820 in Holland aufgelegt. Die erste englische Teilausgabe unter dem Titel „German Popular Stories“ erschien 1823. Sie war die erste durchgängig illustrierte Ausgabe.

Ausstellung in Kassel

Sie enthielt 31 Märchen, von denen einige von dem bedeutenden englischen Karikaturisten George Cruikshank mit Illustrationen versehen wurden. Auf der textlichen Grundlage der englischen Ausgabe von 1823 wurde ein Jahr später, 1824, die erste französische Ausgabe veröffentlicht, mit denselben 31 Märchen wie die englische. 1862 erschienen die Märchen erstmals in Russisch. Eine erste japanische Übersetzung einiger Märchen erschien 1887, eine erste chinesische 1905. 1918 wurden erstmals einige Märchen in koreanischer Sprache veröffentlicht.

Bei den Übersetzungen in die fremden Sprachen wurden die Erzählungen bisweilen in den jeweiligen Kulturkreis übertragen und diesem angepaßt. Viele Märchen zeigen in ihren Texten, mehr noch in den Illustrationen, landestypische Besonderheiten. In Japan etwa treten die Protagonisten aus dem Märchen„Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ im Kimono und Yukata auf und der Wolf besorgt sich hier für die Färbung seiner Pfoten kein Mehl bei einem Bäcker, sondern weiße Farbe bei einem Färber. In Korea wird das Märchen von „Aschenputtel“ ganz den dort gegebenen Lebensverhältnissen angepaßt. Und in Zentralafrika kämpfen die dort naturalisierten Stadtmusikanten gegen mit russischen Kalaschnikow-Gewehren ausgestattete und mit langen Bärten versehene Terroristen.

Freunde der Kunst

Auf dem amerikanischen Kontinent waren von besonderer Bedeutung die von Walt Disney für den Zeichentrickfilm adaptierten Märchen, die bis heute den modernen Unterhaltungsmarkt dominieren. Aus der großen Flut meist billig für kommerzielle Zwecke und für Comics produzierter Märchenausgaben ragen vereinzelt einige mit Witz und Phantasie gestaltete Darstellungen hervor, die etwa das Märchen von „Sneewittchen“ in das von der Mafia regierte New York der 20er Jahre hineinversetzen.

Auch für die Herausbildung künstlicher Sprachen spielen die „Kinder- und Hausmärchen“ eine wichtige Rolle. Einige Publikationen wurden in Esperanto veröffentlicht, einzelne Märchen und andere Werke der Brüder Grimm liegen in der für Blinde ausgestanzten Punktschrift, der sog. Brailleschrift vor. In neuerer Zeit haben die Grimmschen Märchen noch Eingang gefunden in moderne Computer-Codes sowie in verschiedene Phantasie-Sprachen, die für Science-Fiction-Filme entwickelt wurden. 

Heute lassen sich Übersetzungen in mehr als 170 Sprachen und Kulturdialekte aller Erdteile nachweisen. Die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm können somit als das meistverbreitete und meistübersetzte deutsche Buch gelten.

Die Ausstellung gibt mit zahlreichen wertvollen historischen und aktuellen Ausgaben einen Einblick in die Vielfalt der Märchen-Editionen in aller Welt. Herausragende Illustrationen  vermitteln dem Betrachter, wie die Menschen rund um den Erdball die Märchen sehen und sie aus ihrer jeweiligen kulturellen Sichtweise erleben. Reizvoll ist die Vermittlung bekannter Zitate aus „Rapunzel“ und anderen Geschichten in 50 verschiedenen Sprachen, weitere dreidimensionale Installationen bieten die Möglichkeit, sich in die Märchenwelt der Brüder Grimm in der jeweiligen fremdländischen Umgebung anschaulich versetzen zu lassen.

Text: Bernhard Lauer

grimm-museum@t-online.de