Auseinandersetzungen um ausreichendem Wohnraum haben in Jena eine lange Geschichte. Seit dem letzten Drittel des 19.Jahrhunderts wuchs auf Grund der Industrialisierung die Jenaer Bevölkerung rasant.
Dies führte zu einem Aufschwung des privaten Wohnungsbaus, der Bau von Wohnungen diente zunehmend der Kapitalanlage und der Alterssicherung, Hausbesitz wurde zur Einkommensquelle. Neben Villen vor dem ehemaligen Neutor, unterhalb des Westbahnhofes und an den Westhängen wurden Miethäuser im neu angelegten Damenviertel, der Lutherstraße und am Magdelstieg errichtet. Trotzdem konnte der Wohnungsbau mit der wachsenden Nachfrage auch in Jena nicht mithalten.
Eine alternative Antwort auf die „Wohnungsfrage“ boten die Wohnungsbaugenossenschaften an, sie wollten individuelles Eigentümerbewusstsein mit solidarischer Selbstorganisation kombinieren. Der Verleger Gustav Fischer leitete am 25. Juni 1897 im "Gasthaus zum Engel" die Gründungsversammlung der Jenaer Baugenossenschaft. Wenig später konnte das erste Miethaus für Genossenschaftsmitglieder am Magdelstieg 62 bezogen werden.
Die 1911 gegründete Jenaer „Heimstättengenossenschaft“ wurde von der Gartenstadtbewegung inspiriert und verstand sich als Element einer ganzheitlichen „Lebensreform“, sie wuchs innerhalb von 20 Jahren mit rund 2600 Mitgliedern zur größten Baugenossenschaft Thüringens. Im Osten der Stadt entstanden Mehrfamilienhäuser mit Gärten, zentralen Waschküchen und Läden.
Als sich die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage durch den Ersten Weltkrieg nochmals drastisch vergrößerte, griff man in Jena konsequenter als anderenorts zu wohnungszwangswirtschaftlichen Maßnahmen. Die Weimarer Republik begünstigte aber auch den Kleinsiedlungsbau. Jedoch gelang es nicht, der anhaltenden Wohnungsnot Herr zu werden, obwohl mehrere Kleinsiedlungen entstanden.
Zur Überwindung der Wirtschaftskrise und Beseitigung der hohen Arbeitslosigkeit förderte auch die nationalsozialistische Reichsregierung den Wohnungsbau. Neben Eigenheimen in der Ringwiese errichteten die von der Stadt Jena und den Stiftungsbetrieben Zeiss und Schott gegründete Jenaer Gemeinnützige Wohnungsfürsorge A.G. und die Carl-Zeiss-Siedlung GmbH ab 1935 u.a. Häuser am Schlegelsberg, in Jena-Nord und Zwätzen. Schließlich drängte aber die Kriegsvorbereitung die Wohnungspolitik in den Hintergrund.
Obwohl Jena in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter den deutschen Mittelstädten zur Spitzengruppe bei Wohnungsneubauten zählt, blieb die Suche nach bezahlbarem Wohnraum ein Problem.
Die unterschiedlichen Bau- und Siedlungsprojekte, ihre Finanzierungsmodelle und Wohnungseinrichtungen sind Schwerpunkte der Ausstellung.
Aus Anlass der Ausstellung " Bauen und Wohnen in Jena 1870 bis 1945 " finden 2 Veranstaltungen statt.
„Unter allen thüringischen Städten tritt die Wohnungsnot in Jena am schärfsten hervor“ -
Wohnraummangel und die Anfänge der „Wohnungszwangswirtschaft“ in Jena
Vortrag von Dr. Matias Mieth
Donnerstag, den 29. September 2011 um 19:00 Uhr (Stadtmuseum Jena)
Für DDR-Bürger war die Zuweisung von Wohnraum durch das Wohnungsamt selbstverständliche Normalität. Mittlerweile gilt die sogenannte „Wohnungszwangswirtschaft“ nicht nur als überholt, sondern oft auch als Relikt stalinistischer Planwirtschaft.
Der Vortrag macht dagegen an Hand des Jenaer Beispiels deutlich, wie I. Weltkrieg und Weimarer Republik eine Praxis begründeten, die in einigen Kernpunkten in der Bundesrepublik bis in die 1960er Jahre und in der DDR bis zum Ende des Staates beibehalten wurde.
„Wohnen in Jena heute - eine offene Diskussion“
Donnerstag, den 6. Oktober 2011 um 19:00 Uhr (Stadtmuseum Jena)
In den vergangenen Monaten hat die Ausstellung „Wohnen in Jena“ rege Diskussionen zu historischen Momenten der Entwicklung von Bauen und Wohnen in unserer Stadt ausgelöst. Aber auch im Jahr 2011 steckt Brisanz in dieser Thematik: Von studentischer Wohnungsnot bis zu teilweise als horrend empfunden Mietpreisen, von der städtebaulichen Qualität der Eichplatzbebauung bis zum Vorwurf der Abzocke durch das „Maklerunwesen“ reicht die Palette strittiger Fragen.
Es diskutieren:
· Sabine Hemberger
(Vorstandsvorsitzende der Heimstättengenossenschaft Jena eG)
· Dr. Matthias Lerm
(Fachbereichsleiter Stadtentwicklung / Stadtplanung - Stadtarchitekt)
· Julius Rohn (Studierendenrat, Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften)
· Yvonne Probandt (Sozialausschuss des Jenaer Stadtrats)
Moderation: Matias Mieth (Städtische Museen)
Städtische Museen Jena / JenaKultur
Direktor Dr. Matias Mieth
stadtmuseum@jena.de

